02.10.2007

Andreas Herzog im Interview

„Die Stimmung is a bisserl mau“

„Europa zu Gast bei Gespenstern“ könnte es bei der EM 2008 heißen. Denn die Glanzzeiten des österreichischen Fußballs sind lange her. Wir sprachen mit Andreas Herzog, dem Letzten seiner Art, über die besorgniserregende Gegenwart.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Die Zuschauerentwicklung der letzten Jahre gibt indes Hoffnung. Seit 2003 stieg der Schnitt von 4000 und kratzt derzeit an der 9000er-Marke.

Die Zuschauerentwicklung der Bundesliga stimmt mich sehr positiv. Salzburg und Rapid Wien sind im Kommen. Mattersburg ist seit zwei, drei Jahren ganz toll. Der ASK Linz ist aufgestiegen, ein Traditionsverein. Da wird der Zuschauerrekord heuer noch einmal fallen. Gerade seitdem auch der FC Kärnten oben ist, der ein Stadion für 30000 Leute hat.

9000 Zuschauer im Schnitt – das sind immer noch wenig im europäischen Vergleich. Welche Bedeutung hat der Fußball in Österreich denn überhaupt?

Österreich ist fußballverrückt. Wir haben leider nicht diese Erfolge, die wir schon langsam mal wieder brauchen würden – sowohl Clubs als auch die Nationalmannschaft. Für uns ist es bereits toll, uns für ein großes Turnier zu qualifizieren. Diesmal sind wir ja Gastgeber. Jedoch muss es auch sportlich mal wieder richtig hinhauen.

Was wurde unter sportlichen Gesichtspunkten in den letzten Jahren auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene verpasst? Ziehen sich etwa beide Seiten gegenseitig in den Keller?

Das ist ganz einfach. Wie schon erwähnt, war das Bosman-Urteil für den Fußball hier eine Katastrophe. Gerade weil sich alle Vereine übermäßig auf schlechte Legionäre stürzten. Österreich muss ein Exportland sein, gute junge Österreicher ins Ausland bringen. Dahinter muss der Nachwuchs parat stehen und die entstandenen Lücken füllen. Wir waren in den letzten zehn Jahren allerdings ein Importland für überwiegend schlechte bis mittelmäßige Spieler. Teilweise waren auch Gute darunter wie Zickler oder Linke. Aber die schlechten und mittelmäßigen Legionäre haben den Jungen den Platz weggenommen. Darunter leidet auch die Nationalmannschaft. Wir haben viel zu wenig Österreicher in der Liga!

Wie ist der Entwicklungsstand der Nationalmannschaft?

Momentan suchen wir eine Mannschaft mit vielen jungen Spielern. Diese waren in einem Loch, aus dem sie jetzt langsam wieder herauskommen. Entwickeln sie sich so weiter, dann werden wir bei der EM eine gute Rolle spielen. Wenn nicht, dann wird’s natürlich problematisch. Ohne Zweifel. Der Umbruch dauert leider länger, als wir gehofft haben.

Begann der Umbruch zu spät?


Da kann man sich jetzt uneinig sein: 2005 stand noch die WM-Qualifikation an. Viele Erfahrene haben noch gespielt. Jetzt hat man zwei Jahre Zeit, sich vorzubereiten – allerdings nur durch Testspiele. Zuweilen hatte es den Anschein, dass bei solchen Freundschaftsspielen die letzten 10 Prozent fehlen. Das muss sich ändern! Das gleiche Problem haben jedoch auch die Deutschen gehabt.

Zuletzt waren respektable Ergebnisse gegen die Schweiz (2:1-Sieg) und Tschechien (1:1) zu verzeichnen. Jedoch fehlt die Konstanz der Leistungen.

Das Problem ist, dass wir uns zwar in der Defensive verbessern konnten, aber momentan grobe Schwierigkeiten in der Offensive bei eigenem Ballsbesitz haben. Das müssen wir bis zur Euro beheben. Die drei, vier Besten kommen noch dazu, deswegen bin ich optimistisch.

Hält die Mannschaft der großen Erwartungshaltung stand?


Der Druck ist immer da im Profi-Fußball. Die Trainer haben einen großen Druck, die Spieler haben einen großen Druck. Als Veranstalter ist der Druck noch eine Spur größer, wobei wir natürlich auch den Heimvorteil haben. Wir müssen an das Positive denken, uns toll für die EM vorbereiten, 100 Prozent fit sein.

Die öffentliche Kritik, besonders an Nationaltrainer Josef Hickersberger, ist enorm.

Es ist eine große und schwere Aufgabe. Momentan sind wir in Österreich nicht mit absoluten Klassespielern gesegnet. Wenn sich dann die Guten, die man hat, noch verletzen, wird es ganz schwierig.

Was können Sie als Teammanager zur Verbesserung der Situation beitragen?

Ich bin quasi Assistenztrainer. Bin bei jedem Training mit dabei, beobachte Spiele und Gegner. Es ist ein Job, der mir irrsinnig viel Spaß macht

Auf welche Akteure kommt es besonders an?

Auf unsere Legionäre, die Kapitäne. Auf Spartak Moskaus Martin Stranzl, früher 1860 München und Stuttgart, den Ex-Leverkusener Emanuel Pogatetz, der aus Middlesbrough kommt, Andreas Ivanschitz von Panathinaikos Athen. Die drei Torhüter wie Macho sind alle sehr erfahren. Wir haben vier, fünf Leader in der Mannschaft, die uns leider gefehlt haben in den letzten Spielen.

Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung?

Dass wir vier, fünf erfahrene, gute Spieler im Ausland und noch einige junge in der Hinterhand haben, die ihr Potenzial schon angedeutet haben.

Ist die Schweiz derzeit aus sportlicher Sicht weiter?


Von der Mannschaft her muss man das zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen.
Was aber nicht heißt, dass das bei der Euro nicht andersherum sein kann. Unsere U20 war WM-Vierter. Wir haben auch gute Jungs, die aber noch besser werden, wenn sie sich in einer anderen Liga als der österreichischen zum Topspieler entwickeln.

Wo steht man Ihrer Meinung nach derzeit im internationalen Vergleich?


Wir suchen ein bisschen nach unserer Identität im österreichischen Fußball. Wir haben früher stets einen technisch sehr guten, beschlagenen Fußball gespielt. Der Fußball in Österreich befindet sich im Wandel, in dem wir einen Rhythmus und ein Spielsystem finden müssen. Früher dominierte die alte „Wiener Schule“, das „Scheiberl“-Spiel, der technisch gute Fußball. Dafür gab es körperliche Missstände. Jetzt ist es sicher so, dass wir nicht mehr zu den Nationen der Zauberei und Kabinettstückchen gehören.

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