Andreas Herzog im Interview

„Die Stimmung is a bisserl mau“

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Heft #71 10 / 2007
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Herr Herzog, lang, lang ist’s her: In den 30er Jahren dominierten Österreich und im Besonderen die Wiener Mannschaften den europäischen Fußball.

Nicht ausschließlich in den 30er-Jahren. Über Jahrzehnte gab es einige hochklassige Verein, davon sind gerade Rapid und die Austria übrig geblieben. Rapid ist der Arbeiterverein, Austria ist mehr der Klub der reicheren Leute. Dadurch hat Rapid auch mehr Fans, ist der größte Verein in Österreich mit der größten Anhängerschaft. Früher gab es noch den Wiener Sportklub, genauso ein Traditionsverein, Vienna, Simmering und noch einige andere. Das war vor allem für die jungen Spieler von Bedeutung. Kam man nicht sofort bei Rapid oder Austria in den Stamm, hat man sich immer wieder verleihen lassen, um dort seine Karriere starten zu können.

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Große Spieler sind in ihrer Anfangszeit diesen Weg gegangen.


Toni Polster war bei Simmering, Ernst und Andreas Ogris bei Admira Wacker Wien. Die Ballung im Osten Österreichs, in der Hauptstadt, war in den 70er-, 80er Jahren viel extremer als jetzt. Und es war immer so, dass die Wiener Fußballer die guten Techniker waren, dieses viel gerühmte Wiener „Scheiberl“-Spiel, das Schlitzohrige, die Schlawiner der 30er- bis 50er Jahre. Die konnten kombinieren, hatten gute Tricks auf Lager. Die Steierer-, die Tiroler-, die Salzburger waren immer die Naturburschen, die eine gewisse Härte, Leidenschaft und Kampfkraft in die Nationalmannschaft brachten, was sich aber jetzt komplett verändert hat. Der Wiener Fußball hängt momentan – ausgenommen Austria und Rapid, hinterher. In letzter Zeit sind immer weniger Wiener – gebürtige Wiener, in die Nationalmannschaft gekommen. Leider!

Ihre Laufbahn bekam den wichtigsten Schub beim First Vienna FC 1894, einem ebenfalls fast vergessenen Traditionsteam. Hängen Sie noch an dem Verein?

Ja, ganz klar, das war der Beginn meiner Karriere. Hans Krankl oder Mario Kempes spielten vor mir dort. Ich wurde nach einem halben Jahr von Rapid zu Vienna verliehen, das war damals noch ein guter Wiener Bundesligist. Wir haben uns für den UEFA-Cup qualifiziert, und wenn ich jetzt sehe, dass die leider nur in der Regionalliga rumdümpeln, blutet mir natürlich schon das Herz, weil ich dem Verein viel zu verdanken habe.

Die Heimstätte von Vienna, das Naturstadion „Hohe Warte“, zog vor dem Krieg bis zu 85000 Zuschauer in seinen Bann. Kann man das unter den heutigen Gegebenheiten überhaupt richtig greifen?

Ich hab’ erst letzte Woche ein paar Mal auf der hohen Warte gespielt, vorgestern sogar. Da haben wir darüber diskutiert. Das ist eigentlich unvorstellbar, dass fast 90000 Zuschauer dort waren, was sich ja bis heute total verändert hat (Kapazität: 5500 Zuschauer, die Red.).

Sie sind mit den Erzählungen über Wiener Glanzzeiten und das „Wunderteam“ um Matthias Sindelar groß geworden. Waren das Ihre Vorbilder?

Viel gehört haben wir auch über die 54er-Mannschaft, die bei der WM Dritter wurde. Die Generation von Ernst Happel und Gerhard Hanappi war das. Davon sind wir momentan weit entfernt – ein ähnliches Schicksal wie die Ungarn. Mein großes Vorbild war immer mein Vater, der in den 60er-, 70er Jahren bei Austria, beim Wiener SK auch in der ersten Liga gespielt hat. Deshalb war ich schon immer von klein auf bei jedem Training mit und auf Wiener Fußballplätzen unterwegs. Das war mein Berührungspunkt. Ich wollte immer nur Fußball spielen.

Erinnern Sie sich noch an Cordoba 1978 und den legendären Radio-Kommentar Edi Fingers?


Ja, das hab’ ich als damals 11-jähriger live gehört. Die Rivalität zwischen Österreich und Deutschland bekam ich gar nicht so mit, sondern habe mich einfach irrsinnig gefreut, dass Österreich so bei einer WM aufgetrumpft ist. Prohaska, Pezzey, und Krankl – die großen Helden. Aber mir war’s egal, ob wir gegen Deutschland, Spanien oder Schweden spielten.

Halten Sie es für möglich, den Glanz alter Wiener und Österreichischer Fußballtage irgendwann wiederzubeleben?

Nein, so wie sich der Fußball vor allem in den Großstädten entwickelt hat, geht es immer weiter weg von uns. Nehmen wir beispielsweise die Eigengewächse: In Wien gibt es fast keine gebürtigen Wiener mehr, auch in München gibt es fast keine gebürtigen Münchner mehr. Mit dem Bosman-Urteil hat sich der Fußball komplett verändert. Und eben nicht nur zum Positiven.

Also heißt es: weiterträumen?


In Österreich sind Rapid und Austria wieder im Kommen, können auch sicher wieder Meister werden: Aber europaweit scheint es aussichtslos. Hoffentlich qualifiziert sich mal wieder ein Wiener Verein für die Champions-League, so wie Rapid vor zwei Jahren. Doch das Wettrüsten der anderen europäischen Vereine kann man einfach nicht mithalten.

Haben die österreichischen Klubs geschlafen?

Nein, da fehlen und fehlten dem österreichischen Fußball einfach die Möglichkeiten. Dafür ist auch die Liga zu klein. Es gab Versuche, so ist es nicht. Zum Beispiel verpflichtete Rapid 1999 Dejan Savicevic, der auch sehr gut war, aber oft verletzt. Dann war es so, dass die Liga jahrelang von Mannschaften diktiert worden ist, welche wenig später in Konkurs gegangen sind. Ihre Titel waren sehr teuer erkauft: FC Tirol, Meister 2003, bankrott. Sturm Graz letztes Jahr Konkurs, GAK Bankrott, jetzt dritte Liga, Rapid geriet vor Jahren in finanzielle Schwierigkeiten. Zudem muss man klipp und klar sagen: Top-Fußballer im besten Alter kommen nicht nach Österreich. Die gehen nach England, Spanien, Italien, Deutschland. Salzburg hat zwar riesige finanzielle Mittel. Didi Mateschitz investiert viel Geld, aber man bekommt keine absoluten Topstars, maximal im Alter von 33, 34. Das ist dann auch nicht die Creme de la Creme in Europa.

Nicht zuletzt hat der österreichische Fußball ein recht schlechtes Image im Ausland.

Das letzte Jahr war für das Ansehen und den österreichischen Fußball an sich einfach eine Katastrophe. Ein Präsident verkauft seine Mannschaft nach Klagenfurt, andere sind mitten in der Saison Bankrott gegangen. Das schadet dem Ansehen ganz enorm.

Die Zuschauerentwicklung der letzten Jahre gibt indes Hoffnung. Seit 2003 stieg der Schnitt von 4000 und kratzt derzeit an der 9000er-Marke.

Die Zuschauerentwicklung der Bundesliga stimmt mich sehr positiv. Salzburg und Rapid Wien sind im Kommen. Mattersburg ist seit zwei, drei Jahren ganz toll. Der ASK Linz ist aufgestiegen, ein Traditionsverein. Da wird der Zuschauerrekord heuer noch einmal fallen. Gerade seitdem auch der FC Kärnten oben ist, der ein Stadion für 30000 Leute hat.

9000 Zuschauer im Schnitt – das sind immer noch wenig im europäischen Vergleich. Welche Bedeutung hat der Fußball in Österreich denn überhaupt?

Österreich ist fußballverrückt. Wir haben leider nicht diese Erfolge, die wir schon langsam mal wieder brauchen würden – sowohl Clubs als auch die Nationalmannschaft. Für uns ist es bereits toll, uns für ein großes Turnier zu qualifizieren. Diesmal sind wir ja Gastgeber. Jedoch muss es auch sportlich mal wieder richtig hinhauen.

Was wurde unter sportlichen Gesichtspunkten in den letzten Jahren auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene verpasst? Ziehen sich etwa beide Seiten gegenseitig in den Keller?

Das ist ganz einfach. Wie schon erwähnt, war das Bosman-Urteil für den Fußball hier eine Katastrophe. Gerade weil sich alle Vereine übermäßig auf schlechte Legionäre stürzten. Österreich muss ein Exportland sein, gute junge Österreicher ins Ausland bringen. Dahinter muss der Nachwuchs parat stehen und die entstandenen Lücken füllen. Wir waren in den letzten zehn Jahren allerdings ein Importland für überwiegend schlechte bis mittelmäßige Spieler. Teilweise waren auch Gute darunter wie Zickler oder Linke. Aber die schlechten und mittelmäßigen Legionäre haben den Jungen den Platz weggenommen. Darunter leidet auch die Nationalmannschaft. Wir haben viel zu wenig Österreicher in der Liga!

Wie ist der Entwicklungsstand der Nationalmannschaft?

Momentan suchen wir eine Mannschaft mit vielen jungen Spielern. Diese waren in einem Loch, aus dem sie jetzt langsam wieder herauskommen. Entwickeln sie sich so weiter, dann werden wir bei der EM eine gute Rolle spielen. Wenn nicht, dann wird’s natürlich problematisch. Ohne Zweifel. Der Umbruch dauert leider länger, als wir gehofft haben.

Begann der Umbruch zu spät?


Da kann man sich jetzt uneinig sein: 2005 stand noch die WM-Qualifikation an. Viele Erfahrene haben noch gespielt. Jetzt hat man zwei Jahre Zeit, sich vorzubereiten – allerdings nur durch Testspiele. Zuweilen hatte es den Anschein, dass bei solchen Freundschaftsspielen die letzten 10 Prozent fehlen. Das muss sich ändern! Das gleiche Problem haben jedoch auch die Deutschen gehabt.

Zuletzt waren respektable Ergebnisse gegen die Schweiz (2:1-Sieg) und Tschechien (1:1) zu verzeichnen. Jedoch fehlt die Konstanz der Leistungen.

Das Problem ist, dass wir uns zwar in der Defensive verbessern konnten, aber momentan grobe Schwierigkeiten in der Offensive bei eigenem Ballsbesitz haben. Das müssen wir bis zur Euro beheben. Die drei, vier Besten kommen noch dazu, deswegen bin ich optimistisch.

Hält die Mannschaft der großen Erwartungshaltung stand?


Der Druck ist immer da im Profi-Fußball. Die Trainer haben einen großen Druck, die Spieler haben einen großen Druck. Als Veranstalter ist der Druck noch eine Spur größer, wobei wir natürlich auch den Heimvorteil haben. Wir müssen an das Positive denken, uns toll für die EM vorbereiten, 100 Prozent fit sein.

Die öffentliche Kritik, besonders an Nationaltrainer Josef Hickersberger, ist enorm.

Es ist eine große und schwere Aufgabe. Momentan sind wir in Österreich nicht mit absoluten Klassespielern gesegnet. Wenn sich dann die Guten, die man hat, noch verletzen, wird es ganz schwierig.

Was können Sie als Teammanager zur Verbesserung der Situation beitragen?

Ich bin quasi Assistenztrainer. Bin bei jedem Training mit dabei, beobachte Spiele und Gegner. Es ist ein Job, der mir irrsinnig viel Spaß macht

Auf welche Akteure kommt es besonders an?

Auf unsere Legionäre, die Kapitäne. Auf Spartak Moskaus Martin Stranzl, früher 1860 München und Stuttgart, den Ex-Leverkusener Emanuel Pogatetz, der aus Middlesbrough kommt, Andreas Ivanschitz von Panathinaikos Athen. Die drei Torhüter wie Macho sind alle sehr erfahren. Wir haben vier, fünf Leader in der Mannschaft, die uns leider gefehlt haben in den letzten Spielen.

Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung?

Dass wir vier, fünf erfahrene, gute Spieler im Ausland und noch einige junge in der Hinterhand haben, die ihr Potenzial schon angedeutet haben.

Ist die Schweiz derzeit aus sportlicher Sicht weiter?


Von der Mannschaft her muss man das zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen.
Was aber nicht heißt, dass das bei der Euro nicht andersherum sein kann. Unsere U20 war WM-Vierter. Wir haben auch gute Jungs, die aber noch besser werden, wenn sie sich in einer anderen Liga als der österreichischen zum Topspieler entwickeln.

Wo steht man Ihrer Meinung nach derzeit im internationalen Vergleich?


Wir suchen ein bisschen nach unserer Identität im österreichischen Fußball. Wir haben früher stets einen technisch sehr guten, beschlagenen Fußball gespielt. Der Fußball in Österreich befindet sich im Wandel, in dem wir einen Rhythmus und ein Spielsystem finden müssen. Früher dominierte die alte „Wiener Schule“, das „Scheiberl“-Spiel, der technisch gute Fußball. Dafür gab es körperliche Missstände. Jetzt ist es sicher so, dass wir nicht mehr zu den Nationen der Zauberei und Kabinettstückchen gehören.

Die Gruppenauslosung rückt näher. Wem geht man lieber aus dem Weg?

Es gibt traditionell ein paar Mannschaften, gegen die wir nicht so gern spielen. Aber es gibt genug Mannschaften, gegen die wir uns zu Hause gute Chancen ausrechnen können. Wir haben gegen die Engländer in der letzten WM-Quali 2:2 zu Hause gespielt, auswärts nur 0:1 verloren. Einige Länder liegen uns von ihrem Spiel her besser, andere Mannschaften wiederum liegen uns sicherlich weniger gut, und das sind sicherlich Holland und Deutschland, die hoffentlich in anderen Gruppen auftauchen werden.

Wer ist ihr Favorit?

Natürlich gab es die Underdogs wie Dänemark 1992 und Griechenland 2004. Aber ich denke, dass dieses Mal wieder ein Favorit gewinnen wird. Die Deutschen haben eine sehr starke Mannschaft und auch den gewissen Heimvorteil. Italien, Frankreich müssen sich ja erstmal qualifizieren. Das schaut ja auch noch nicht so leicht aus gegen die Schotten. Man wird sehen.

Und wo landet Österreich?

Utopisch wäre zu glauben, dass wir in Österreich alle an die Wand spielen. Wir sind der größte Außenseiter dieser EM, auch wenn’s im eigenen Land ist. Aber realistisch ist sehr wohl, dass wir ins Viertelfinale kommen, weil wir zu Hause gegen jeden Gegner gut ausschauen können. Angenommen, ein Viertelfinale hieße Deutschland gegen Österreich, würden sich die Deutschen freuen, aber wir genauso. Schon allein des Viertelfinals wegen. Das wäre eine ganz tolle Geschichte.

Was wäre das schlimmstmögliche Szenario?

Wenn wir drei Spiele abliefern und dreimal chancenlos wären. Aber da denke ich gar nicht dran. Ich denke, dass wir eine Mannschaft haben werden, die von der ersten Minute an mit extremer Leidenschaft Volldampf spielen wird. Leicht zu schlagen sind wir bei der Euro sicherlich nicht.

Spürt man bereits Euphorie im Land?


Durch die relativ schlechten Länderspiele in letzter Zeit ist die Stimmung a bisserl mau. Ganz klar. Wir müssen jetzt einfach versuchen, gute Testspiele gegen die Schweizer und danach gegen die Elfenbeinküste zu liefern. Ab Jahresbeginn 2008 wird eine ganz tolle Euphorie im Land entstehen – so wie in jedem anderen Land.

Die WM in Deutschland hat gezeigt: Die Rolle des eigenen Publikums wird für die Mannschaft immens wichtig sein.

Absolut! Im eigenen Land sind die eigenen Fans extrem wichtig. Deswegen wird es wichtig sein, dass wir durch gute Spiele vor der Euro diese Euphorie entfachen, sodass die Fans Vertrauen zur Mannschaft bekommen, sie dann bei der EM jedes Spiel von der ersten bis zur letzten Minute wie eine Wand hinter der Mannschaft stehen. Auch wenn es vielleicht einmal nicht so gut läuft.

Ist ein positives Abschneiden Wegweiser für eine erfolgreichere Zukunft?


Wir sehen es doch jetzt bei den Deutschen. Der Jürgen Klinsmann hat den Weg angefangen. Darüber hinaus ist durch die Infrastruktur, vor allem durch die herrlichen Stadien, eine Begeisterung entstanden. Die WM war das i-Tüpfelchen, ein Traum, und jetzt geht’s genauso gut weiter. Das kann man in den Ausmaßen natürlich nicht mit Österreich vergleichen, aber es könnte ebenso für uns richtungsweisend sein.

Die Mannschaft könnte sich den verloren gegangenen Respekt wieder erarbeiten.


Das muss das Ziel jedes einzelnen Spielers sein. Durch eine tolle EM kann der österreichische Fußball wieder aufblühen. Und ich hoffe, dass uns das gelingen wird. Wenn die EM gut läuft, hat jeder österreichische Spieler ein ungleich höheres Ansehen bei jedem Club. Die Spieler und die Nationalmannschaft würden stärker werden. Das wäre ein Kreislauf, der langsam in Gang kommen muss.

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Im neuen 11FREUNDE-Heft findet Ihr eine überaus schöne Fotoreportage über die altehrwürdige Fußballstadt Wien.


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