02.10.2007

Andreas Herzog im Interview

„Die Stimmung is a bisserl mau“

„Europa zu Gast bei Gespenstern“ könnte es bei der EM 2008 heißen. Denn die Glanzzeiten des österreichischen Fußballs sind lange her. Wir sprachen mit Andreas Herzog, dem Letzten seiner Art, über die besorgniserregende Gegenwart.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Herr Herzog, lang, lang ist’s her: In den 30er Jahren dominierten Österreich und im Besonderen die Wiener Mannschaften den europäischen Fußball.

Nicht ausschließlich in den 30er-Jahren. Über Jahrzehnte gab es einige hochklassige Verein, davon sind gerade Rapid und die Austria übrig geblieben. Rapid ist der Arbeiterverein, Austria ist mehr der Klub der reicheren Leute. Dadurch hat Rapid auch mehr Fans, ist der größte Verein in Österreich mit der größten Anhängerschaft. Früher gab es noch den Wiener Sportklub, genauso ein Traditionsverein, Vienna, Simmering und noch einige andere. Das war vor allem für die jungen Spieler von Bedeutung. Kam man nicht sofort bei Rapid oder Austria in den Stamm, hat man sich immer wieder verleihen lassen, um dort seine Karriere starten zu können.



Große Spieler sind in ihrer Anfangszeit diesen Weg gegangen.


Toni Polster war bei Simmering, Ernst und Andreas Ogris bei Admira Wacker Wien. Die Ballung im Osten Österreichs, in der Hauptstadt, war in den 70er-, 80er Jahren viel extremer als jetzt. Und es war immer so, dass die Wiener Fußballer die guten Techniker waren, dieses viel gerühmte Wiener „Scheiberl“-Spiel, das Schlitzohrige, die Schlawiner der 30er- bis 50er Jahre. Die konnten kombinieren, hatten gute Tricks auf Lager. Die Steierer-, die Tiroler-, die Salzburger waren immer die Naturburschen, die eine gewisse Härte, Leidenschaft und Kampfkraft in die Nationalmannschaft brachten, was sich aber jetzt komplett verändert hat. Der Wiener Fußball hängt momentan – ausgenommen Austria und Rapid, hinterher. In letzter Zeit sind immer weniger Wiener – gebürtige Wiener, in die Nationalmannschaft gekommen. Leider!

Ihre Laufbahn bekam den wichtigsten Schub beim First Vienna FC 1894, einem ebenfalls fast vergessenen Traditionsteam. Hängen Sie noch an dem Verein?

Ja, ganz klar, das war der Beginn meiner Karriere. Hans Krankl oder Mario Kempes spielten vor mir dort. Ich wurde nach einem halben Jahr von Rapid zu Vienna verliehen, das war damals noch ein guter Wiener Bundesligist. Wir haben uns für den UEFA-Cup qualifiziert, und wenn ich jetzt sehe, dass die leider nur in der Regionalliga rumdümpeln, blutet mir natürlich schon das Herz, weil ich dem Verein viel zu verdanken habe.

Die Heimstätte von Vienna, das Naturstadion „Hohe Warte“, zog vor dem Krieg bis zu 85000 Zuschauer in seinen Bann. Kann man das unter den heutigen Gegebenheiten überhaupt richtig greifen?

Ich hab’ erst letzte Woche ein paar Mal auf der hohen Warte gespielt, vorgestern sogar. Da haben wir darüber diskutiert. Das ist eigentlich unvorstellbar, dass fast 90000 Zuschauer dort waren, was sich ja bis heute total verändert hat (Kapazität: 5500 Zuschauer, die Red.).

Sie sind mit den Erzählungen über Wiener Glanzzeiten und das „Wunderteam“ um Matthias Sindelar groß geworden. Waren das Ihre Vorbilder?

Viel gehört haben wir auch über die 54er-Mannschaft, die bei der WM Dritter wurde. Die Generation von Ernst Happel und Gerhard Hanappi war das. Davon sind wir momentan weit entfernt – ein ähnliches Schicksal wie die Ungarn. Mein großes Vorbild war immer mein Vater, der in den 60er-, 70er Jahren bei Austria, beim Wiener SK auch in der ersten Liga gespielt hat. Deshalb war ich schon immer von klein auf bei jedem Training mit und auf Wiener Fußballplätzen unterwegs. Das war mein Berührungspunkt. Ich wollte immer nur Fußball spielen.

Erinnern Sie sich noch an Cordoba 1978 und den legendären Radio-Kommentar Edi Fingers?


Ja, das hab’ ich als damals 11-jähriger live gehört. Die Rivalität zwischen Österreich und Deutschland bekam ich gar nicht so mit, sondern habe mich einfach irrsinnig gefreut, dass Österreich so bei einer WM aufgetrumpft ist. Prohaska, Pezzey, und Krankl – die großen Helden. Aber mir war’s egal, ob wir gegen Deutschland, Spanien oder Schweden spielten.

Halten Sie es für möglich, den Glanz alter Wiener und Österreichischer Fußballtage irgendwann wiederzubeleben?

Nein, so wie sich der Fußball vor allem in den Großstädten entwickelt hat, geht es immer weiter weg von uns. Nehmen wir beispielsweise die Eigengewächse: In Wien gibt es fast keine gebürtigen Wiener mehr, auch in München gibt es fast keine gebürtigen Münchner mehr. Mit dem Bosman-Urteil hat sich der Fußball komplett verändert. Und eben nicht nur zum Positiven.

Also heißt es: weiterträumen?


In Österreich sind Rapid und Austria wieder im Kommen, können auch sicher wieder Meister werden: Aber europaweit scheint es aussichtslos. Hoffentlich qualifiziert sich mal wieder ein Wiener Verein für die Champions-League, so wie Rapid vor zwei Jahren. Doch das Wettrüsten der anderen europäischen Vereine kann man einfach nicht mithalten.

Haben die österreichischen Klubs geschlafen?

Nein, da fehlen und fehlten dem österreichischen Fußball einfach die Möglichkeiten. Dafür ist auch die Liga zu klein. Es gab Versuche, so ist es nicht. Zum Beispiel verpflichtete Rapid 1999 Dejan Savicevic, der auch sehr gut war, aber oft verletzt. Dann war es so, dass die Liga jahrelang von Mannschaften diktiert worden ist, welche wenig später in Konkurs gegangen sind. Ihre Titel waren sehr teuer erkauft: FC Tirol, Meister 2003, bankrott. Sturm Graz letztes Jahr Konkurs, GAK Bankrott, jetzt dritte Liga, Rapid geriet vor Jahren in finanzielle Schwierigkeiten. Zudem muss man klipp und klar sagen: Top-Fußballer im besten Alter kommen nicht nach Österreich. Die gehen nach England, Spanien, Italien, Deutschland. Salzburg hat zwar riesige finanzielle Mittel. Didi Mateschitz investiert viel Geld, aber man bekommt keine absoluten Topstars, maximal im Alter von 33, 34. Das ist dann auch nicht die Creme de la Creme in Europa.

Nicht zuletzt hat der österreichische Fußball ein recht schlechtes Image im Ausland.

Das letzte Jahr war für das Ansehen und den österreichischen Fußball an sich einfach eine Katastrophe. Ein Präsident verkauft seine Mannschaft nach Klagenfurt, andere sind mitten in der Saison Bankrott gegangen. Das schadet dem Ansehen ganz enorm.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden