23.09.2006

Andreas Herzog im Interview

„Man schießt sich selbst ins Knie“

Als Assistent von Hickersberger bereitet Andreas Herzog die österreichische Nationalelf auf die EM vor. Der Rekordnationalspieler über Wiener Techniker, Naturburschen aus der Steiermark und einen fassungslosen Emanuel Pogatetz.

Interview: Philipp Köster und Tim Jürgens Bild: Jaqueline Godany
Andreas Herzog, als Jürgen Klinsmann 2004 seinen Job als deutscher Bundestrainer antrat, verkündete er forsch, Weltmeister werden zu wollen. Will Österreich bei der EM im eigenen Land auch den Titel holen?

(lacht) Schön wär’s. Nein, wir wollen die Gruppenphase überstehen. Schließlich spielst du bei einer EM gleich gegen große Nationen. Wenn du Pech hast, bekommst du Teams vom Kaliber Spanien, England, Italien zugelost. Dann kommt es darauf an, dass du einen guten Start erwischst.

Um sich dann von der Euphorie tragen zu lassen?

In Österreich läuft das so. Wenn wir verlieren, sagen die meisten: Wir haben es eh gewusst. Wenn wir aber gewinnen, steht das ganze Land hinter dir. Das ist das Schöne an diesem Land: Du kannst irrsinnig schnell eine Begeisterung entfachen.



Allzu große Euphorie scheint aber noch nicht zu herrschen. Gerade vermeldet die ÖFB-Homepage, für das nächste Länderspiel gegen Ungarn seien „schon“ 6000 Karten abgesetzt.

Noch einmal, der Österreicher will sich begeistern lassen. Nehmt nur die letzte WM-Qualifikation. Zum ersten Spiel kommen höchstens 20 000 Leute, weil jeder denkt, dass wir uns eh nicht qualifizieren. Für das letzte Spiel gegen Weißrussland, als wir nur noch einen Sieg gebraucht hätten, hätte man auch 200 000 Karten verkaufen können. Plötzlich will jeder dabei sein.

Die Entwicklung der österreichischen Nationalelf in den letzten Jahren wirkt, von außen betrachtet, wie ein hilfloses Herumwerkeln. Häufige Trainerwechsel, kein klares Konzept. Woran leidet die Nationalelf?

Die Mischung hat schon seit Jahren nicht mehr gestimmt. Es hört sich vielleicht ein bisschen brutal an, aber es verhält sich ja so: Seit zehn Jahren hat Wien keinen guten Fußballer mehr herausgebracht.

Das war früher anders.

Die Wiener waren immer die großen Techniker, der Prohaska, der Peter Stöger, auch meine Wenigkeit, wir waren keine Kampfmaschinen, wir haben die Kombinationen, das Scheiberlspiel, gepflegt. Wir waren Städter und auf dem Platz eher gemütlich. Die Salzburger, die Steirer waren dagegen eher Naturburschen. Die haben auch ganz gut Fußball spielen können, aber waren noch viel härter. Wenn wir zusammen gespielt haben, hat die Mischung gepasst.

Und nun fehlt die Wiener Inspiration?

Seit den 80er Jahren ist nicht nur in Wien in der Nachwuchsarbeit herumgeschludert worden. Keine konsequente Sichtung und Förderung. Wir haben uns lange damit herausgeredet, dass wir weniger Einwohner haben als England oder Deutschland. Aber das Argument zieht nicht mehr, schaut euch nur die Holländer an, die haben noch weniger Einwohner.
Was muss sich ändern?

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