Andreas Görlitz im Interview

„Ich habe viel dazu gelernt“

Andreas Görlitz wurde einst als Riesentalent auf der rechten Verteidigerposition gefeiert. Doch seine Münchner Zeit war von schweren Verletzungen geprägt. Nun wagt er in Karlsruhe den Neuanfang. Was traut er sich noch zu? Imago

Herr Görlitz, Sie waren über zwei Jahre verletzt und mussten etliche Operationen über sich ergehen lassen. Was bedeutet Glück für Sie?

Nach so einer langen Verletzungszeit wieder spielen zu dürfen, hat nicht nur mit Glück zu tun. Es ist auch die Folge harter Arbeit. Bis zu einem bestimmten Level kann man Glück provozieren. Aber es nicht alles Zufall, was danach aussieht. Mein erstes Spiel nach der Verletzung war trotzdem ein Glücksmoment, keine Frage!

Warum ist Karlsruhe der richtige Ort für einen Neuanfang?

Der Wechsel zum KSC war eine Bauchentscheidung. Ich kannte den Verein ja kaum, mal abgesehen von dem, was ich über die Medien und von anderen Spielern mitbekommen habe. Im Nachhinein kann ich jetzt schon sagen, dass es die richtige Entscheidung war, weil hier einfach alles zusammen passt. Vom ersten Tag an gab es nie Probleme, weder privat noch sportlich. Auch das bedeutet Glück für mich.

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Hat auch die geringere Medienpräsenz im Badischen ihren Teil dazu beigetragen?


Zuallererst stand die Frage im Raum, ob ich in München bleibe oder zu einem anderen Verein wechsele. Was die Medienpräsenz angeht, ist der FC Bayern zweifellos das Nonplusultra in Deutschland. Von daher war klar, dass ein Wechsel automatisch weniger Aufmerksamkeit für mich bedeutet. Trotzdem spüre, dass auch in Karlsruhe ein großes Interesse besteht - speziell an meiner Person. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich vom FC Bayern komme.

Nach Ihrem Kreuzbandriss im November 2004 durften Sie zweieinhalb Jahre kaum Fußball spielen. Warum hat die Reha so lange gedauert?

Es waren mehrere kleinere Verletzungen, die sich summiert haben, angefangen im November 2004 mit dem Kreuzbandriss, bei dem auch der Meniskus und ein Knorpel betroffen waren. Danach schien eigentlich alles wieder in Ordnung. Aber gleich im ersten Training hab ich mich erneut verletzt. Ein Teil vom Meniskus war eingerissen. Danach wieder Reha, noch ein Meniskusschaden, und noch mal Reha. So ging es das drei, vier Monate lang. Immer mal wieder stand eine OP an...

Waren Sie zu ehrgeizig?

Vielleicht kam mein erstes Comeback, sagen wir mal, um zehn Prozent zu früh. Die Naht, mit der der Meniskus genäht wurde, hielt den hohen Anforderungen eines Profis nicht stand. Sie ist immer wieder eingerissen, da konnte ich nichts machen. Die Ärzte hatten nur zwei Stiche gesetzt.

Gab es Momente, in denen Sie die Hoffnung aufgegeben hatten?

Ich hatte nur eine schwierige Phase, ganz am Ende, als die fünfte Operation anstand. Wenn du fünfmal operiert wirst, fängst du schon mal an, dir Gedanken zu machen. Da fragst du dich: Wird das noch mal was mit dem Profifußball? Diese Phase ging aber nach ein, zwei Wochen wieder vorbei. Glücklicherweise habe ich mich nach jedem Eingriff ein Stück sicherer gefühlt. Ich wollte immer positiv denken und wusste: jetzt eine reibungslose Reha, und ich bin wieder dabei.

Wie haben sich Ihre Teamkollegen in München verhalten? Hat jemand mal angerufen und gefragt, wie es Ihnen geht?

Während meiner Reha-Zeit war ich fast täglich auf dem Trainingsgelände der Bayern und habe mit den anderen Spielern gequatscht. Die wollten immer wissen, wie es mir geht. Die kennen ja das Gefühl, nur auf der Tribüne zu sitzen und nicht spielen zu dürfen.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dieser Zeit für sich persönlich mitgenommen?

Man muss Geduld haben. Der Körper braucht seine Zeit, man kann nichts erzwingen. Ich habe nie große Ansprüche gestellt, auch vor der Verletzung nicht. Das Ziel, Nationalspieler zu werden, hatte ich beispielsweise nie. Das kam einfach so. Ich habe es immer so genommen, wie es kam. Heute weiß ich: Wenn es gut läuft, darfst du nicht anfangen, den großen Zampano zu spielen. Dafür ist nicht alles immer gleich schlecht, wenn es mal nicht so gut läuft. Ich habe gelernt, abzuwägen und realistische Ansprüche an mich selbst zu stellen.

Was unterscheidet Andreas Görlitz heute vom 21-jährigen Nachwuchstalent des FC Bayern damals?

Ich habe durch die Verletzung viel dazu gelernt. Diese Zeit hat mich persönlich sehr geprägt. Wenn alles positiv läuft, macht man sich eben weniger Gedanken. Ich habe gelernt, Kleinigkeiten mehr zu schätzen und zu respektieren. Auch wenn ich verletzt war, ging es mir trotzdem gut, weil meine Familie gesund war, weil ich gesund war – von meinem Knie mal abgesehen. Wenn man sich damit ein bisschen auseinandersetzt, merkt man schnell, dass es deutlich schlimmere Sachen gibt als eine Verletzung. Das ist nichts, was einen umbringt. Man darf den Blickwinkel auf die Prioritäten des Lebens nicht verlieren. Es gibt viele Leute, denen es deutlich schlechter geht als uns.

Der FC Bayern ist dazu verdammt, Meister zu werden. Sind Sie froh, diesem Druck entgangen zu sein?

Positiver Druck kann nie schlecht sein. Es zeugt von einem gewissen Respekt, wenn jeder von dir erwartet, dass du Meister wirst. Für Neuzugänge wie mich ist es natürlich leichter, wenn erst mal nicht so viel erwartet wird. Wobei das im Falle des KSC kaum zutreffend ist. Auch hier sind die Erwartungen an uns gestiegen. Wir wollen das Niveau aus der letzten Saison bestätigen und uns weiter verbessern. Einen gewissen Druck haben wir hier in Karlsruhe also auch, gerade weil die Fans nach dem Aufstieg so euphorisch sind.

Sie tragen in Karlsruhe ihre Lieblings-Rückennummer »77« (Name der Band von Andreas Görlitz, d. Red.). In München war es die 18. Bietet der KSC jungen Spielern mehr Freiräume für die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit als der FC Bayern?

Gleich bei meinem ersten Gespräch mit dem KSC hat mich Manager Rolf Dohmen gefragt, welche Rückennummer ich haben möchte. Also habe ich mich für meine Lieblingsnummer entschieden. Wenn ich nach der Saison zurück nach München gehe, werde ich auch wieder um die 77 bitten. Ob ich sie auch kriege, ist eine andere Frage. Damit beschäftige ich mich aber jetzt noch nicht.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Heimspiel gegen die Bayern entgegen?

Grundsätzlich freue ich mich auf alle Spiele, nicht nur auf das gegen die Bayern. Das Derby gegen Stuttgart wird wahrscheinlich noch brisanter als das Bayern-Spiel. Generell sind die Spiele gegen die großen Teams einfacher für uns. Auf das Wiedersehen mit meinen alten Kollegen freue ich mich natürlich besonders. Mal sehen, wer am Ende die Punkte mitnimmt...

Was muss passieren, damit Ihre Chancen auf einen Stammplatz in München größer sind als vor dem Ausleihgeschäft?

Ich will möglichst viele Spiele machen und mich im Training weiter entwickeln. Alles andere wird man sehen. Es geht mir darum, meine Qualitäten verbessern. Wenn ich mein altes Niveau von 2004 wieder erreiche, werden auch meine Chancen in München wieder steigen.

Ist die WM 2010 langfristig ein realistisches Ziel für Sie?

Das sind ja noch drei Jahre! So weit blicke ich nicht.

Auf ihrer Homepage prangt immer noch das Bayern-Logo. Werden Sie das Design wegen einer Saison ändern lassen?

Wenn sich jemand findet, der mir umsonst ein KSC-Design für die Seite entwirft, gerne!

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