Andreas Brehme im Interview

»Jäggi war der Untergang«

Die alte Garde um Fritz Walter schwor sich, niemals ein Amt beim FCK zu bekleiden. Andreas Brehme traute sich – und wurde zum unglücklichsten Trainer der Vereinsgeschichte. Doch das war nur der Anfang von Ende. Hier blickt er zurück.
Heft #76 03 / 2008
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Herr Brehme, machen Sie sich Sorgen um den FCK?

Natürlich! Bei dem Rückstand, den die im Moment auf einen Nichtabstiegsplatz haben! Es darf keine Unentschieden mehr geben, sondern nur noch Siege!

Ist es nicht ein Wunder, dass ein Verein aus einer so kleinen Stadt vierzig Jahre in der Bundesliga gespielt hat?

Ja, das ist ein Wunder. Ein schönes Wunder!

Sie waren dreimal in Kaiserslautern. Zunächst von 1981 bis 1986 als junger Spieler. Wie war ihr erster Eindruck, als sie zum Verein stießen?


Es war toll. Es war eine harmonische Atmosphäre, die Leute waren nett. Es war einmalig.

Ist diese Harmonie im Laufe der Jahre verloren gegangen?

Ja, auf alle Fälle. Der Untergang des FCK war René C. Jäggi. Erst wirbelt er alles durcheinander, dann haut er ab. Andererseits ist es gut, dass er abgehauen ist. Denn nun haben die neuen Verantwortlichen die Chance, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Das wird schwer genug.

Man macht Jäggi den Vorwurf, er habe sich nicht mit dem FCK identifiziert.

So ist es! Der hat an den Verein mal überhaupt nicht gedacht. Null Komma Null! Er war der Untergang des FCK.

Als sie 1993 nach sieben Jahren im Exil zurückkehrten – Sie hatten bei Bayern München, Inter Mailand und Real Saragossa gespielt, waren Weltmeister geworden: War der FCK da noch der alte?

Ja! Es war wieder unheimlich schön. Ich wollte eigentlich nur ein Jahr spielen, bin aber bis 1998 geblieben. Wir sind Pokalsieger geworden, leider auch abgestiegen, dann Meister geworden. Das sagt doch alles.

Warum ist der FCK 1996 abgestiegen?

Wir sind abgestiegen, weil wir den schlechtesten Platz hatten. Das ist ein klarer Nachteil für eine so spielstarke Mannschaft wie uns. Der Gegner stellt sich nur hinten rein. Dann kannst du nicht gewinnen.

Hielten Sie es damals für möglich, was stets prophezeit wurde: Dass die ganze Region stirbt?

Ja, das hat man gemerkt. In der Pfalz leben die Leute für den Fußball. Uns Spielern war bewusst: Wir müssen das wieder gut machen. Und das ist uns gelungen. Wir haben zwar keinen schönen Fußball gespielt in der Zweiten Liga, sind aber direkt und unangefochten wieder aufgestiegen.

Nach dem entscheidenden letzten Spiel weinten Sie bittere Tränen, Rudi Völler musste Sie trösten. Haben Sie damals mit dem Gedanken gespielt, Ihre Karriere zu beenden?

Nein, auf keinen Fall. Wenn man soviel Erfolg hatte, kann man seine Karriere nicht mit einem Abstieg beenden.

Sie sprachen das Thema Wiedergutmachung an. Nach dem Abstieg bat Präsident Thines die Spieler, auf ein Drittel Ihres Gehalts zu verzichten. Sie sollen sich geweigert haben. Warum?

Das stimmt nicht. Ich habe genauso auf ein Drittel verzichtet. Wir haben alle mitgemacht.

Der FCK stieg nicht nur direkt wieder auf, er wurde auch sofort Deutscher Meister. Wie geht das?

Wir sind auf einer Erfolgswelle geschwommen, wurden von den Zuschauern getragen. Die Konkurrenten haben uns unterschätzt und wohl gedacht, dass wir irgendwann einbrechen. Doch Otto Rehhagel wusste das zu verhindern. Er hat uns stets gefordert und uns eingeimpft, dass wir es schaffen können-
In der Folge wurde Otto Rehhagel sehr viel Macht übertragen. Zuviel?

Auf gar keinen Fall. Der Erfolg hat ihm doch recht gegeben. Dass wir nun Serienmeister werden, das konnte doch niemand von ihm verlangen. Unser Ziel musste es sein, uns für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Und das ist uns ja auch gelungen.

Man las ihm jeden Wunsch von den Augen ab, verpflichtete z. B. den Weltstar Djorkaeff. War zumindest dieser Transfer ein Fehler?

Er war immerhin ein Weltklassespieler – und hat das auch manchmal beim FCK gezeigt.

Brach der FCK aber durch solche Transfers nicht mit seiner Tradition?

Das Problem war nicht der Transfer an sich. Das Problem war, dass Djorkaeff sich geweigert hat, Deutsch zu lernen. Man kann nicht zwei Jahre in einem Land leben, ohne mit den Kollegen kommunizieren zu können. Das geht nicht!

Der Djorkaeff Transfer legt den Verdacht nahe: War nach der sensationellen Meisterschaft der Größenwahn ausgebrochen?

Die Leute haben gedacht, dass es immer so weiter geht und den FCK schon auf einer Stufe mit Bayern München gesehen. Man hätte den Bayern Paroli bieten können, wenn sie mal schwächeln. Dass man sich auf Augenhöhe gesehen hat, das war der Fehler.

Hätte jemand auf die Euphoriebremse treten müssen?


Ich habe das immer gesagt – als Spieler und auch als Trainer. Wenn vor der Saison eine Pressekonferenz stattfand kam von den 100 Journalisten immer die gleiche Frage: Wer wird Meister? Dann habe ich gesagt: Das spielen Bayern und Dortmund unter sich aus. Danach kommen Leverkusen, Stuttgart, der HSV und vielleicht auch wir. Mit Glück spielen wir am Ende international.

Das reichte einigen nicht.

Nein. Im Aufsichtsrat saßen Leute wie Hubert Keßler, die sagten: „Wir sind genauso gut bestückt wie die Bayern.“ Da muss ich mir an den Kopf packen. Damit macht man die Leute verrückt – und die Spieler erst recht.

Wird man beim FCK als Realist automatisch zum Miesmacher?

So ist es. Dabei habe ich doch lang genug beim FCK gespielt, um den Verein zu kennen. Gegenwärtig haben sie jedenfalls kaum noch einen im Vorstand, der sich mit Fußball auskennt. Du brauchst da Leute, die den Ball dreimal hochhalten können. Die da jetzt sitzen können das noch nicht mal mit der Hand.

Ab dem Jahr 2000 schwand aufgrund ausbleibender Erfolge Rehhagels Macht, und er trat schließlich zurück. Sie kehrten ein zweites Mal zurück, wurden Team-Manager, Reinhard Stumpf Trainer. Große Fußstapfen, in die Sie da traten, Herr Brehme.

Auf alle Fälle! Der Verein stand auf einem Abstiegsplatz. Und wenn man mit dem Herzen an dem Verein hängt, nimmt man diese Aufgabe schon sehr ernst.

Von Anfang an kam es zu Eifersüchteleien zwischen Ihnen und dem anderen Weltmeister beim FCK, Youri Djorkaeff. Warum konnten Sie ihn nicht stehen sehen?

Ich hatte nichts gegen ihn. Doch wenn er sich übers Präsidium Sonderurlaub holen will, obwohl er schon eine Woche länger im Urlaub war als die anderen Spieler, dann kann ich nur sagen: Der wird bei mir nicht mehr spielen. Ich kann wegen einer Person nicht das ganze Mannschaftsgefüge durcheinander wirbeln. Er hätte Vorbild für die anderen sein müssen, gerade als Weltmeister. Und das war er beim besten Willen nicht!

Hatte man sich von dem Namen blenden lassen und zu wenig Acht gegeben, ob der Mann auch in die Mannschaft passt?


Ich habe ihn nicht geholt. Das waren andere. Für den FCK war dieser Transfer sicher toll, aber man hätte sich vorher erkundigen müssen: Wie steht es um seinen Charakter? Man kann doch nicht blind einkaufen, das geht nicht!

Reinhard Stumpf geriet immer wieder in die Kritik, weil er die Spieler ungerecht behandelt haben soll. Ihnen wurde vorgeworfen, die Spieler nicht geschützt zu haben. Wo waren Sie, als die Spieler Sie brauchten?

Ich?

Sie.


Ich habe die Spieler immer geschützt!

War Ihnen wirklich bewusst, dass Sie ein Mannschaftsgefüge hatten, das allergrößter Pflege bedurfte?

Ich habe klipp und klar gesagt: Bei mir wird Djorkaeff nicht mehr spielen.

Er spielte trotzdem weiter für den FCK, ihre Autorität war stark geschwächt. In einem offenen Angriff gegen Vorstandsmitglied Robert Wieschemann 2002 schien es so, als wollten Sie ihren Rausschmiss provozieren.


Auf keinen Fall. Aber es kann nicht sein, dass sich Leute in meine Kompetenzen einmischen, die den Trainingsbetrieb nie gesehen haben. Das kann nicht sein! Das habe ich auch klipp und klar zu Atze Friedrich gesagt: Mit solchen Leuten kann man nicht zusammenarbeiten.

Atze Friedrich forderte von Ihnen, sich zu entschuldigen. Danach durften Sie bleiben. Aber hatten Sie denn auch noch Lust auf den Job?

Natürlich! Wir haben in den zwei Jahren gute Arbeit geleistet. Der FCK stand unter meiner Leitung im UEFA-Cup-Halbfinale. Das hat der Verein danach nicht wieder geschafft.

Aber eine Serie von knappen Siegen vertuschte in dieser Zeit, dass es in dieser Mannschaft nicht allzu gut lief.

Meine Rede! Die vom Aufsichtsrat haben immer nur auf das Ergebnis geguckt und dann geschwärmt: „Oh, wie toll!“ Aber ich habe gesagt: „Du, mir hat’s nicht gefallen!“ Dann sagen die gleich: „Das gibt’s doch nicht! Was haben wir denn für einen Trainer?“

Hätte man nach der Saison 2001/2002 eine Kursänderung einleiten müssen? Man hätte z. B. wieder Spieler aus der Region in die Mannschaft einbinden können, die sich stärker mit dem FCK identifizieren – und andersrum die Fans mit ihnen.

Wir haben ja den Thomas Hengen zurückgeholt, der hat sich nur leider nie wieder von seiner schweren Verletzung erholt. Das war traurig. Aber in Kaiserlautern kann man nicht alles von einem Tag auf den anderen umwerfen.

Sie sprachen an, dass die Verantwortlichen zu wenig Sachverstand gehabt hätten. Wer hätte denn für sportliche Kontinuität sorgen können? Briegel? Feldkamp? Toppmöller?

Das hätte eine Galionsfigur sein müssen! Fritz Walter würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, was heute aus seinem FCK geworden ist.

Ende August 2002 wurden Sie von Ihren Aufgaben als Trainer entbunden. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich war bei Atze Friedrich zu Hause. Auf einmal sagt er: „Ich höre morgen auf.“ Dann habe ich gesagt: „Dann weißt Du ja: Ich höre auch auf.“ Friedrich hatte Ahnung vom Fußball – im Gegensatz zu Jäggi! Und da wusste ich: Ich habe hier nichts mehr zu suchen.

Ahnten Sie zu diesem Zeitpunkt schon, wie schlecht es tatsächlich um den Verein bestellt war?

Nein, nicht direkt. Dass man finanzielle Probleme hatte, wusste ich nicht.

Hat Atze Friedrich einen nervösen Eindruck auf Sie gemacht?

Nein, überhaupt nicht. Er hat sich nur ein bisschen beschwert, dass er sich rumschlagen musste mit denen vom Aufsichtsrat, dauernd Rede und Antwort stehen. Darauf hatte er keine Lust mehr.

Im September 2002 leistete Vorstandsmitglied Robert Wieschemann den Offenbarungseid. Vor laufenden Kameras verzettelte er sich und sagte: »Wir haben ein Defizit an Durchblick – alle!«

Das war ein Armutszeugnis für den FCK!

Um den Überblick wiederzuerlangen, wurde der Wirtschaftsmann René C. Jäggi als neuer Vorstandsvorsitzender und Nachfolger Atze Friedrichs geholt.

Wie gesagt: Das war eine schlechte Entscheidung! Und noch mal: Fritz Walter würde sich im Grabe umdrehen!

Jäggi zeigte Atze Friedrich und Co. wegen angeblicher Steuerhinterziehung an. Trauen Sie Ihren ehemaligen Vorgesetzten soviel kriminelle Energie zu?

Ich kenne den Atze Friedrich, seit ich 18 Jahre alt war. Ich kann mir das nicht vorstellen. Beim besten Willen nicht!

Jäggi führte den FCK im Zuge seines harten Sanierungsplans an den Rand der sportlichen Existenz.

Das stimmt. Aber ich mache mir keine Gedanken über den Abstieg. Man muss positiv denken, hoffen und beten, dass die Jungs da so schnell wie möglich wieder rauskommen.

Können Sie sich vorstellen, einmal wieder eine Funktion beim FCK zu bekleiden?

Warum nicht? Man soll nie „Nie“ sagen. Es kommen auch für den FCK wieder bessere Tage.


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