André Trulsen im Interview

„Strapse und kurze Hosen“

André Trulsens gute Stube ist das Millerntor. Dort empfängt der frühere Spieler und heutige Trainer des FC St. Pauli seine Gäste. Doch richtig ungezwungen ging es nur im Klubheim bei Brigitte zu. Hier plaudert Trulsen aus dem Nähkästchen. Imago
Heft #74 01 / 2008
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André Trulsen, Sie kennen den FC St. Pauli seit 1986. Was für Sie die schönste Zeit am Millerntor?

Die Anfangszeit als Spieler. Damals waren wir ein junges Team, das in die 2. Liga aufstieg und fast ausschließlich aus Hamburgern bestand. Mit dem sportlichen Erfolg entstand ein enormes Wir-Gefühl und die St. Pauli-Tugenden traten zutage: Einsatz, Leidenschaft, Kampfkraft, Herz.

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Beschreiben Sie doch mal den Zusammenhalt im Team damals.

Das kann man mit der heutigen Zeit gar nicht mehr vergleichen. Damals war das Klubheim mit Wirtin Brigitte gleich nach dem Spiel der erste Anlaufpunkt. Das traf man die Fans im Ligaraum. Und besonders die Küche war für viele Spieler der Anziehungspunkt.

Was war in der Küche los?


Da wurde auch mal ein Bierchen mehr getrunken oder eine geraucht. Da gab es so eine Art Klüngel, fünf, sechs Spieler, die regelmäßig in der Küche abhingen. Ein paar Fans, die die Spieler kannten, kamen dann auch mal dort hin und hinterher zogen wir gemeinsam auf den Kiez.

Und da wurde dann ordentlich gezecht?

Wir hatten immer unsere Anlaufstellen, wie die »Blaue Nacht« mit ihrem Wirt Easy. So etwas wäre heute gar nicht mehr möglich, wo alle Spieler permanent wissenschaftlich ausgewertet werden und sich medizinischen Tests unterziehen müssen.

Gingen Sie damals in die Küche zum Biertrinken, weil es im Klubraum verpönt war?

Verpönt nicht. Es wurde nichts gesagt, wenn man mit einem Fan gesprochen hat und dabei ein Gläschen in der Hand hatte. Aber in der Küche konnten wir ausgelassener trinken und rauchen, weil es nicht gleich für jeden zu sehen war.

Steht die Wirtin Brigitte immer noch hinterm Tresen?


Nein, die ist vor drei Jahren ausgeschieden und hat jetzt eine Eckkneipe auf der Reeperbahn. Manchmal treffen sich auch ein paar Leute von damals noch bei ihr. Brigitte war schon eine Kultfigur – nicht nur für die Fans, auch für die Mannschaft.

So etwas wie die Mutter der Kompanie?


So ungefähr. Sie war schlagkräftig und rigoros. An manchen Tagen trug sie Strapse und kurze Hosen. Ein richtiges Pauli-Original. Und wenn ihr einer dumm kam, hat sie dem auch mal eine geknallt. Als es dann mit dem Bier auf der Tribüne anfing, ist sie mit dem Tablett dort herumgelaufen und hat die Gläser verteilt. Ich weiß gar nicht, ob man dafür überhaupt bezahlen musste.

Hatten Sie als Spieler damals Kontakt zur autonomen Szene? Traf sich die auch in der »Blauen Nacht«?

Die nicht. Die hatten ihren eigenen Bereich, den ich so nicht kannte. Das habe ich nur ein wenig über Volker Ippig mitbekommen...

...der sagte, er sei im Training immer als »Gestörter« bezeichnet worden.

So wie er herumgelaufen ist, wurde er natürlich in eine Schublade gesteckt. Aber er hat sein Image auch kultiviert und forciert mit seinen langen Haaren und den Springerstiefeln.

Haben Sie ihm mal gesagt, dass er sich mal die Haare schneiden soll?


Nein, dafür war er viel zu selbstbewusst. Er war ein Typ, die genau bei uns reinpasste. Und durch ihn hatte die Öffentlichkeit was zu reden. Das wurde über eine Spielerperson nach außen getragen und über die Fanszene transportiert. Die konnten ihresgleichen in Volker auf dem Platz wieder finden, was letztlich auch dem Verein zu Gute kam.

Welcher Trainer, unter dem Sie gespielt haben, hat am Besten zum Millerntor gepasst?

Andreas Bergmann hat sich voll und ganz mit dem Klub und den Fans identifiziert. Er hat sich viel Zeit genommen, um auch das Umfeld mit einzubeziehen. Auch Helmut Schulte war bei den Fans auch sehr angesehen, weil er immer ein offenes Ohr für sie hatte.

Uli Maslo, mit dem Sie 1995 in die Bundesliga aufstiegen, fiel es schwerer.

Er hatte das Problem, dass die Fans am Anfang sehr wenig von ihm wussten. Hinzu kam, dass er Probleme mit seiner Außendarstellung hatte…

…sie meinen, weil er unter anderem im »Sportstudio« verkündete, er sei »stolz ein Deutscher zu sein.«

Das kam dazu, aber er wollte auch partout auf Viererkette umstellen, obwohl wir nicht die richtigen Typen dafür hatten. Aber rückblickend muss ich sagen, dass sich die Mannschaft unter keinem Trainer so weiter entwickelt hat, wie unter Maslo. Denn als das System klar erkennbar war, haben wir guten Fußball gespielt.

Wann wurde Ihnen erstmals bewusst, dass der FC St. Pauli ein besonderer Klub ist?

Es war ein langer Prozess. Ich war vom SV Lurup 1986 zum FC St. Pauli gekommen und hatte vorher im Schnitt vor 500 Zuschauern gespielt. Dann habe ich die Aufstiegsspiele zur 2. Liga als Zuschauer auf der Tribüne miterlebt und die Superstimmung mitbekommen. Dann waren wir kontinuierlich fünf Jahre am Stück erfolgreich, die nicht nur die Mannschaft für die Außendarstellung nutzte, sondern auch die Fans mit vielen außergewöhnlichen Aktionen, die von den Medien aufgegriffen wurden.

Was machte die Fans in dieser Periode aus?

Die Fans wurden in der Berichterstattung auch durch das aufkommende Privatfernsehen als stimmungsvoll, kreativ und friedlich präsentiert, weil sie die Mannschaft mit Gesang und auch lustigen Provokationen unterstützen – aber nie gewalttätig wurden.

War das auch ein Gegensatz zu den HSV-Hooligans im damaligen Block E des Volksparkstadions?

Unsere Fanszenen bildete damals das krasse Gegenteil. Die Fans des HSV galten damals als äußerst gewalttätig und machten meistens nur Negativschlagzeilen.

Sie haben auch ein paar Jahre beim 1. FC Köln gespielt, einem Verein, der von seinen Fans ähnlich wie St. Pauli vergöttert wird. Was macht den FC trotzdem anders?

Als ich dort hinkam, war der Verein die Nummer 3 in Deutschland und die Mannschaft wurde viel stärker als wir hier von den Fans abgeschottet. Es gab einen eigenen VIP-Bereich und man war mehr mit den Sponsoren als mit den Fans zusammen. Aber die Spieler wurden trotzdem geliebt, weil der Erfolg da war. Aber dafür hatte man in Köln viel bessere Trainingsmöglichkeiten. Alles war bestens ausgestattet, piekfein und damit ein krasser Kontrast zu St. Pauli, wo wir uns immer auf einem Amateurniveau bewegten.

Heute sind Sie Trainer des FC St. Pauli. Sorgen Sie dafür, dass sich die Spieler immer noch im Klubheim bewegen?


Nach den Spielen essen wir heute nicht mehr im Klubheim, sondern abgetrennt im Ballsaal hinter der Haupttribüne. Aber zwei, drei Spieler sind hinterher immer noch im Klubheim und ich versuche auch, so oft wie möglich dort hinzukommen.

Sie sagten, Ihr Team damals bestand fast nur aus Hanseaten. Heute spielen auf St. Pauli fast nur noch Zugezogene. Hat das die Nähe zu den Fans verändert?

Nachdem in der zweiten Hälfte der 90er viele Ausländer geholt wurden, ließ die Identifikation mit den Fans natürlich etwas nach. Viele Spieler sahen die Zeit hier nur noch als Job an. Sie sind nach dem Spiel nach Hause gefahren, weil Frau und Kind warteten. Inzwischen aber haben wir wieder viele Spieler im Verein, die diese Fannähe zu schätzen wissen.

Was war die kritischste Phase in den letzten 20 Jahren?

Der direkte Abstieg von der 1. über die 2. in die 3. Liga? Ich denke schon. Da wurden auch die größten Fehler gemacht, als 20 neue Spielern in zwei Jahren verpflichtet wurden. Im Aufstiegsjahr in Bundesliga holte man zehn Spieler und im Verlaufe der Saison nochmals viele Neue. Und dann kam der sportliche Misserfolg mit dem Bundesligaabstieg 2001. Es kamen und gingen so viele Spieler, dass eine Fannähe kaum noch aufzubauen war. Und durch die zwei Jahre Misserfolg mit dem Abstieg aus der 2. Liga war dann auch der Zusammenhalt innerhalb der Fanszene nicht mehr so groß wie früher.

Trotzdem blieben die meisten Fans bei der Stange. 13 000, 14000 Fans, manchmal ausverkauft – welcher Regionalligist kann das von sich behaupten?

Die Leute haben sich nach den 13 Jahren Erst- und Zweitligafußball gewünscht, sofort wieder aufzusteigen. Deswegen haben sie in den vier Jahren in der Regionalliga zwar sehr kritisch, aber letztlich auch sehr treu zur Mannschaft und zu den Verantwortlichen gestanden.

Trotzdem scheint es einigen Fans auch völlig egal zu sein, in welcher Liga der FC St. Pauli spielt. Die Hütte ist immer voll.

Viele haben aber auch in der vierten Regionalligasaison gesagt, dass sie bei einer weiteren Spielzeit in der 3. Liga abspringen würden. Wir sind jetzt auf einem guten Weg, den Kredit, den wir vorher verspielt haben, wieder zurück zu gewinnen.

Inwieweit fällt man auf St. Pauli dem Größenwahn anheim, wenn der Klub, wie 2001, überraschend in die Bundesliga aufsteigt?

Wenn so etwas passiert, steigt die Erwartungshaltung überall. Deswegen waren die Fans nach dem Abstieg von der 2. in die Regionalliga auch sehr kritisch. Aber ich denke, nach den vier Jahren im Amateurbereich, ist hier auch die Erkenntnis gereift, dass wir in die 2. Liga gehören. Und auch das ist immer ein Drahtseilakt, weil hier acht, neun Traditionsmannschaften um den Aufstieg kämpfen - und die anderen neun Teams um den Klassenerhalt. Und wir gehören definitiv zur zweiten Gruppe.

Als Trainer sind Sie nun viel mehr in der Schusslinie, wenn es nicht läuft, als zu Zeiten als Spieler. Wie überschaubar ist die Dauer Ihres Engagements auf St. Pauli?


Wenn der sportliche Erfolg nicht mehr da ist, wird man eben entlassen. Das weiß ich. Schließlich habe ich auch Spieler den Fall erlebt, von dem ich nie gedacht hätte, dass er eintreten würde: 2002 wollte man mich hier nicht mehr haben. Damals ist mir bewusst geworden, dass man durchaus entlassen werden kann, wenn Personen in der Verantwortung stehen, die einen nicht leiden können oder die sportliche Situation falsch einschätzen.

Hat Ihre Ausmusterung Sie vom Verein entfremdet?


Ja, ich habe eine zeitlang gebraucht, um das zu verkraften und zu verarbeiten. Durch die Aktion wurde St. Pauli für mich auch ein Stückweit zu einem Verein wie jeder andere auch. Aber das Leben muss weitergehen.

Was ist bei diesem Klub trotzdem anders als bei allen anderen?

Dass wir ein reiner Stadtteilverein sind. Es gibt sonst Städte mit mehreren Vereinen oder mit einem großen Klub, aber nur wenige haben so einen engen Bezug zum Stadtteil. Mit dem FC St. Pauli assoziiert man den Kiez und die Reeperbahn. Und dadurch haben wir nicht nur in Hamburg einen Namen, sondern sind in ganz Deutschland. Uns finden viele sympathisch, auch wenn sie Anhänger eines anderen Vereins sind.

Gibt es auch Fans, bei denen St. Pauli negative Assoziationen weckt?

In Ostdeutschland hatten wir wegen unserer alternativen Fans schon öfter Probleme. Verbal, aber auch öfter mit körperlicher Gewalt.

Was meinen Sie?


Nach einem Hallenturnier in Schwerin wurde unser Mannschaftsbus von Fans einmal mit Steinen beworfen. Und bei einem Spiel in Rostock flog eine Rauchbombe aufs Spielfeld, woraufhin Klaus Thomforde ausgewechselt werden musste.

Die Aufstiegsmannschaft 1977 trifft sich jedes Jahr zu Weihnachten, in diesem Jahr zum 30. Mal. Was ist mit der Klasse von 1988, ’95 und 2001?

Wir kommen nur regelmäßig mit der Altliga zusammen. Da kommen dann auch einige von der 70er-Jahre-Mannschaft. Aber die 88er- oder die 95er-Aufstiegsmannschaft hat noch keinen regelmäßigen Termin. Da müsste sich mal jemand finden, der das organisiert.



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