29.09.2012

André Schürrle über Chelsea, Cro und Usain Bolt

»Zu schnell? Gibt es nicht!«

Für unsere Reportage »Komm in die Gänge« (11FREUNDE #132) trafen wir uns mit Nationalspieler André Schürrle. Lest hier das Interview über seine Highspeed-Karriere, Usain Bolt und einen geplatzten Wechsel zu Chelsea.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Können Sie innerhalb von zehn Sekunden etwas von Usain Bolt lernen?
Er ist der schnellste Mann der Welt, da kann ich mir in jeder Hundertstel etwas von seiner Technik abgucken. In welchem Winkel hält er die Arme? Wie greift sein Schritt? Wie aufrecht steht sein Oberkörper? Dennoch sind die Lerneffekte auch begrenzt. In den seltensten Fällen läuft man im Spiel 100 Meter ohne Ball geradeaus.

Er hat sich selbst bei Manchester United ins Gespräch gebracht. Glauben Sie, er hätte auf dem Fußballplatz eine Chance?
Ich kenne seine fußballerischen Fähigkeiten nicht, aber Schnelligkeit ist derzeit das dominierende Thema im Fußball. Und wenn Du jemanden hast, der alle Abwehrspieler überlaufen kann, ist das sicher eine Waffe von großem Wert.

Auch die deutsche Nationalmannschaft hatte mit David Odonkor mal eine reine Highspeed-Waffe. Bei ihm hatte man allerdings zu oft das Gefühl, er sei zu schnell für den Ball. Kennen Sie das auch?
Ich mache zwar auch isoliertes Sprinttraining, aber mein Hauptberuf ist immer noch Fußball. Deswegen habe ich fast immer den Ball am Fuß. Um im höchsten Tempo die Technik nicht zu verlieren, muss man eben auch genau das immer wieder trainieren. Hohes Tempo, enge Ballführung, höchste Konzentration. Ich glaube, das habe ich ganz gut im Griff.

Ihr Tempo erfordert, dass Sie im Grunde 90 Minuten hellwach sind. Wie halten Sie die Konzentration da hoch?
Das geht nur über totale Fokussierung. Die derzeit besten Fußballer der Welt sind eben die, die Höchstgeschwindigkeit, Kontrolle und Konzentration unter einen Hut bringen. Ich denke da an Ronaldo, Messi, Ribery und Arjen Robben.

Diese Fokussierung wird allerdings auch schnell als Egoismus ausgelegt.
Jeder Fußballer ist auch ein Egoist, denn in jedem Spiel möchte man auch für sich selbst die beste Leistung bringen. Wichtig ist nur, dass man eine gesunde Mischung aus Egoismus und Mannschaftsdienlichkeit in sich trägt. Ich verstehe diese Ego-Debatten im Fußball sowieso nicht. Wenn Arjen Robben nach einem Sololauf trifft, ist er der Held, bleibt er hängen, ist er der Schuldige. Das ist mir ein bisschen zu einfach.

Sie sind ein ähnlicher Spielertyp. Braucht man auf Ihrer Position eine Extraportion Mut?
Wenn man zwei Mal am Gegner hängen bleibt, muss man sich auch beim dritten Mal trauen, ins Dribbling zu gehen. Ich glaube, all diese Spieler lieben das Risiko. Das macht sie ja so spektakulär. Aber natürlich muss man eben auch schlau genug sein und erkennen, wenn man sich verrennt. Mit dem Kopf durch die Wand kommt man heute nicht weit.

Gerade bei Arjen Robben sieht man im Dribbling meist die gleiche Bewegung. Auch Sie ziehen mit Vorliebe nach innen und schließen aus der Distanz ab. Haben Sie sich schon Mal gefragt, warum trotzdem so wenige Verteidiger Sie stellen können?
Es mag vielleicht nach der immer gleichen Bewegung aussehen, aber glauben Sie mir, dass Ganze ist wesentlich komplexer.

Erklären Sie es uns?
Der Verteidiger hat von vornherein einen Nachteil: Er muss nämlich den Weg zum Tor versperren. Allerdings gibt es für einen Angreifer immer zwei Seiten, an denen er vorbeiziehen kann. So entsteht jedes Mal ein kleines Pokerspiel zwischen beiden Spielern. Die Frage ist: Wer reagiert zuerst? Als Angreifer muss man im allerhöchsten Tempo die Ruhe haben, den richtigen Moment abzupassen. Zieht man nach innen? Geht man nach außen? Oder spielt man den Pass? Man achtet auf die Füße des Gegners, seine Körperhaltung, den Raum, dabei hat man den Ball am Fuß. Das ist sehr komplex und weit mehr, als die immer gleiche Bewegung.

Schnell denken, schnell laufen, schnell leben: Sind Sie irgendwann auch einfach mal müde?
Natürlich brauche ich meine Ruhe. Ich bin ja keine Maschine. (lacht)

Wie entschleunigen Sie Ihren Alltag?
Ich gehe gerne in Cafés. Da finde ich Ruhe und kann zwei, drei Stunden abschalten.

Inwieweit hilft Ihnen dabei Musik beim Entspannen?
Musik ist mir sehr wichtig. HipHop und R’n’B sind mein Ding und manche meiner Kollegen halten mich für einen Freak, weil ich mir sofort alle neuen Sachen besorge.

Dann kennen Sie sicher auch Cro?
Natürlich, der Panda-Rapper! An dem kommt man derzeit nicht vorbei.

Der tritt immer mit einer Pandamaske auf. Träumt man als Profi auch schon Mal davon, sein öffentliches Leben so zu anonymisieren?
Natürlich wird man, besonders jetzt nach der EM, schneller erkannt. Aber das kann auch sehr schön sein. Ich sehe das als Bestätigung, dass ich meinen Job nicht ganz so schlecht mache. Außerdem sind die meisten Fans eher schüchtern und lassen einen in Ruhe. Ich kann mich also ganz entspannt bewegen und muss mir nicht einen Platz in der hintersten Ecke mit Blick zur Wand suchen.

Sie selbst haben mal gesagt, dass Sie eine zeitlang vielleicht zu sehr in der Öffentlichkeit gestanden haben. Bereuen Sie die zahlreichen Auftritte und Interviews rund um die »Bruchweg Boys«?
Nein, das bereue ich überhaupt nicht. Das war eine coole Zeit, wir haben uns alle super verstanden, waren erfolgreich und haben einfach Spaß gehabt. Wir wurden zum Markenzeichen von Mainz 05. Heute weiß ich allerdings, dass ich mit dem Hype ein bisschen anders, ein bisschen zurückhaltender hätte umgehen sollen.

Lewis Holtby und Sie hören HipHop, Adam Szalai ist ebenfalls nicht als Hardrocker bekannt. Wer kam eigentlich auf die Idee eine Rockband zu gründen?
Im HipHop gibt es halt wenige Instrumente, die man imitieren kann. Und drei DJ’s an der Eckfahne will nun auch keiner sehen. Ich habe mir die Luftgitarre bei Didier Drogba abgeschaut und Lewis gesagt, dass ich das beim nächsten Tor auch machen werde. Er fand das lustig und versprach mir, dann zu singen. Als Adam dann auch noch als Schlagzeuger einstieg, war unsere Band komplett.
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