André Schürrle über Chelsea, Cro und Usain Bolt

»Zu schnell? Gibt es nicht!«

Für unsere Reportage »Komm in die Gänge« (11FREUNDE #132) trafen wir uns mit Nationalspieler André Schürrle. Lest hier das Interview über seine Highspeed-Karriere, Usain Bolt und einen geplatzten Wechsel zu Chelsea.

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André Schürrle, wie viele Punkte haben Sie in Flensburg?   
Eine überschaubare Anzahl – es müssten drei sein.

Die Sorge Ihrer Mutter, dass Sie ständig zu schnell Autofahren, ist also nicht unbegründet?
Ich sage ihr immer, dass ich die Punkte vom Falschparken habe. (lacht) Aber es stimmt schon: Ich fahre ab und zu mal über dem Limit. Aber dabei achte ich auch immer auf die Sicherheit. Da muss sie sich also keine Sorgen machen.

Auch, wenn man sich ihre Karriere anschaut, bekommt man den Eindruck, dass Tempo das zentrale Thema ihres Lebens ist.
Mein Spiel definiert sich über die Geschwindigkeit und wenn ich zurückblicke, wo ich noch vor drei Jahren stand, wundere ich mich schon manchmal, wie schnell das alles geht. Aber das passt zu mir: Ich liebe Geschwindigkeit auf und abseits des Platzes.

Gibt es da auch Grenzen? Oder sehen wir André Schürrle bald beim Skydiven aus einem Flugzeug?
Natürlich reizen mich auch solche Sachen und ich kann die Risiken ganz gut einschätzen. Aber das wäre mir dann doch zu extrem.

Gab es auch mal Momente in den letzten Monaten, in denen Sie dachten: Achtung, jetzt wird es langsam zu schnell?
Zu schnell gibt es für mich nicht. Ich habe mir immer gewünscht, irgendwann mal bei der Nationalmannschaft zu spielen und in der Champions League aufzulaufen. Aus Sicht eines Fußballprofis kann es da nicht schnell genug gehen.

Und aus Sicht des Menschen André Schürrle?
Mir ist bewusst, dass mir als Profi ein relativ kleines Zeitfenster bleibt, in dem ich etwas erreichen kann. Diese Jahre will ich so intensiv wie möglich nutzen. Ich will die Welt sehen, Titel gewinnen und möglichst einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Also habe ich eine Menge vor.

Wird dieses Zeitfenster im heutigen Fußball immer kleiner?
Natürlich. Früher brauchte man 100 Ligaspiele, um überhaupt ein Thema für die Nationalmannschaft zu sein. Ich wurde bereits nach vier Einsätzen über 90 Minuten das erste Mal eingeladen. Profikarrieren beginnen einfach früher, der Fußball ist intensiver geworden. Zudem gibt es ein größeres Bewusstsein, dass morgen schon alles wieder vorbei sein kann.

Ist es deswegen mutig, irgendwann alles auf die Karte Profifußball zu setzen?
In gewisser Weise schon. Man hat niemals Gewissheit, ob man ganz oben ankommt. Dazu gehört neben Talent und Fleiß eben auch Glück. Aber auf Glück sollte man sich niemals verlassen.

Sie begeistern die Statistiker mit Sensationswerten: Sie legen 600 Meter pro Spiel im Vollsprint zurück, Ihre Durchschnittsgeschwindigkeit liegt beständig über 24 Km/h, dazu kommen mindestens 13 Kilometer Gesamtlaufleistung. Interessieren Sie solche Daten überhaupt?
Natürlich, ich gucke mir die Statistiken nach jedem Spiel ganz genau an. Gerade die Sprintwerte sind für mich sehr wichtig. Und wenn ich merke, dass es in einem Spiel deutlich nach unten ausschlägt, sehe ich das als Warnsignal. Aber man sollte diese Werte auch richtig einordnen können.

Wie meinen Sie das?
Statistik hin oder her, es geht am Ende doch darum, dass ich die richtigen Wege laufe. Was bringt es, wenn ich 90 Minuten die Linie hoch und runter sprinte, während das Spiel nur durch die Mitte läuft?

Woher kommt diese Lust an der Geschwindigkeit?
Vielleicht ist das Veranlagung. Schon mein Vater hatte immer eine Faszination für Schnelligkeit. Er ist beispielsweise auch immer sehr schnell Auto gefahren. Aber nur, wenn meine Mutter nicht dabei war. Dann habe ich meist auf dem Beifahrersitz gesessen und hatte richtig Spaß.

Dann ist ein Großereignis wie das 100 Meter-Olympia-Finale der Männer sicher ein Pflichttermin für Sie.
Na klar. Ich hab das mit zwei Freunden in einem Restaurant verfolgt. Eigentlich lief da überhaupt kein Fernseher, aber wir haben den Kellner gefragt, ob er ihn für uns anschalten kann. Sofort saßen zwanzig Leute um uns herum und alle haben zusammen mitgefiebert.

Sind Sie in diesen Momenten Fan?
Zuallererst genieße ich die Show. Diese Anspannung vor dem Start, die coolen Posen, das finde ich fantastisch. Die Jungs wissen genau, dass Millionen Menschen zuschauen und trotzdem machen die ihre Späße. Da kann man lernen, dass man seinen Sport nicht allzu verbissen sehen sollte. Und dann kommt dieser Moment vor dem Start, die ganze Welt hält den Atem an – und nach dem Schuss explodiert dann alles.

Können Sie innerhalb von zehn Sekunden etwas von Usain Bolt lernen?
Er ist der schnellste Mann der Welt, da kann ich mir in jeder Hundertstel etwas von seiner Technik abgucken. In welchem Winkel hält er die Arme? Wie greift sein Schritt? Wie aufrecht steht sein Oberkörper? Dennoch sind die Lerneffekte auch begrenzt. In den seltensten Fällen läuft man im Spiel 100 Meter ohne Ball geradeaus.

Er hat sich selbst bei Manchester United ins Gespräch gebracht. Glauben Sie, er hätte auf dem Fußballplatz eine Chance?
Ich kenne seine fußballerischen Fähigkeiten nicht, aber Schnelligkeit ist derzeit das dominierende Thema im Fußball. Und wenn Du jemanden hast, der alle Abwehrspieler überlaufen kann, ist das sicher eine Waffe von großem Wert.

Auch die deutsche Nationalmannschaft hatte mit David Odonkor mal eine reine Highspeed-Waffe. Bei ihm hatte man allerdings zu oft das Gefühl, er sei zu schnell für den Ball. Kennen Sie das auch?
Ich mache zwar auch isoliertes Sprinttraining, aber mein Hauptberuf ist immer noch Fußball. Deswegen habe ich fast immer den Ball am Fuß. Um im höchsten Tempo die Technik nicht zu verlieren, muss man eben auch genau das immer wieder trainieren. Hohes Tempo, enge Ballführung, höchste Konzentration. Ich glaube, das habe ich ganz gut im Griff.

Ihr Tempo erfordert, dass Sie im Grunde 90 Minuten hellwach sind. Wie halten Sie die Konzentration da hoch?
Das geht nur über totale Fokussierung. Die derzeit besten Fußballer der Welt sind eben die, die Höchstgeschwindigkeit, Kontrolle und Konzentration unter einen Hut bringen. Ich denke da an Ronaldo, Messi, Ribery und Arjen Robben.

Diese Fokussierung wird allerdings auch schnell als Egoismus ausgelegt.
Jeder Fußballer ist auch ein Egoist, denn in jedem Spiel möchte man auch für sich selbst die beste Leistung bringen. Wichtig ist nur, dass man eine gesunde Mischung aus Egoismus und Mannschaftsdienlichkeit in sich trägt. Ich verstehe diese Ego-Debatten im Fußball sowieso nicht. Wenn Arjen Robben nach einem Sololauf trifft, ist er der Held, bleibt er hängen, ist er der Schuldige. Das ist mir ein bisschen zu einfach.

Sie sind ein ähnlicher Spielertyp. Braucht man auf Ihrer Position eine Extraportion Mut?
Wenn man zwei Mal am Gegner hängen bleibt, muss man sich auch beim dritten Mal trauen, ins Dribbling zu gehen. Ich glaube, all diese Spieler lieben das Risiko. Das macht sie ja so spektakulär. Aber natürlich muss man eben auch schlau genug sein und erkennen, wenn man sich verrennt. Mit dem Kopf durch die Wand kommt man heute nicht weit.

Gerade bei Arjen Robben sieht man im Dribbling meist die gleiche Bewegung. Auch Sie ziehen mit Vorliebe nach innen und schließen aus der Distanz ab. Haben Sie sich schon Mal gefragt, warum trotzdem so wenige Verteidiger Sie stellen können?
Es mag vielleicht nach der immer gleichen Bewegung aussehen, aber glauben Sie mir, dass Ganze ist wesentlich komplexer.

Erklären Sie es uns?
Der Verteidiger hat von vornherein einen Nachteil: Er muss nämlich den Weg zum Tor versperren. Allerdings gibt es für einen Angreifer immer zwei Seiten, an denen er vorbeiziehen kann. So entsteht jedes Mal ein kleines Pokerspiel zwischen beiden Spielern. Die Frage ist: Wer reagiert zuerst? Als Angreifer muss man im allerhöchsten Tempo die Ruhe haben, den richtigen Moment abzupassen. Zieht man nach innen? Geht man nach außen? Oder spielt man den Pass? Man achtet auf die Füße des Gegners, seine Körperhaltung, den Raum, dabei hat man den Ball am Fuß. Das ist sehr komplex und weit mehr, als die immer gleiche Bewegung.

Schnell denken, schnell laufen, schnell leben: Sind Sie irgendwann auch einfach mal müde?
Natürlich brauche ich meine Ruhe. Ich bin ja keine Maschine. (lacht)

Wie entschleunigen Sie Ihren Alltag?
Ich gehe gerne in Cafés. Da finde ich Ruhe und kann zwei, drei Stunden abschalten.

Inwieweit hilft Ihnen dabei Musik beim Entspannen?
Musik ist mir sehr wichtig. HipHop und R’n’B sind mein Ding und manche meiner Kollegen halten mich für einen Freak, weil ich mir sofort alle neuen Sachen besorge.

Dann kennen Sie sicher auch Cro?
Natürlich, der Panda-Rapper! An dem kommt man derzeit nicht vorbei.

Der tritt immer mit einer Pandamaske auf. Träumt man als Profi auch schon Mal davon, sein öffentliches Leben so zu anonymisieren?
Natürlich wird man, besonders jetzt nach der EM, schneller erkannt. Aber das kann auch sehr schön sein. Ich sehe das als Bestätigung, dass ich meinen Job nicht ganz so schlecht mache. Außerdem sind die meisten Fans eher schüchtern und lassen einen in Ruhe. Ich kann mich also ganz entspannt bewegen und muss mir nicht einen Platz in der hintersten Ecke mit Blick zur Wand suchen.

Sie selbst haben mal gesagt, dass Sie eine zeitlang vielleicht zu sehr in der Öffentlichkeit gestanden haben. Bereuen Sie die zahlreichen Auftritte und Interviews rund um die »Bruchweg Boys«?
Nein, das bereue ich überhaupt nicht. Das war eine coole Zeit, wir haben uns alle super verstanden, waren erfolgreich und haben einfach Spaß gehabt. Wir wurden zum Markenzeichen von Mainz 05. Heute weiß ich allerdings, dass ich mit dem Hype ein bisschen anders, ein bisschen zurückhaltender hätte umgehen sollen.

Lewis Holtby und Sie hören HipHop, Adam Szalai ist ebenfalls nicht als Hardrocker bekannt. Wer kam eigentlich auf die Idee eine Rockband zu gründen?
Im HipHop gibt es halt wenige Instrumente, die man imitieren kann. Und drei DJ’s an der Eckfahne will nun auch keiner sehen. Ich habe mir die Luftgitarre bei Didier Drogba abgeschaut und Lewis gesagt, dass ich das beim nächsten Tor auch machen werde. Er fand das lustig und versprach mir, dann zu singen. Als Adam dann auch noch als Schlagzeuger einstieg, war unsere Band komplett.

Ihr damaliger Trainer Thomas Tuchel war kein großer Fan von dieser Show. Er soll Ihnen sogar mehrfach ein Interviewverbot zu diesem Thema verpasst haben. War das ihr erster Anschiss im Profifußball?
Er hat uns ja nicht in sein Zimmer gerufen und den Rohrstock rausgeholt, sondern uns klar gemacht, dass so etwas ablenken kann. Heute weiß ich, dass er uns damit nur schützen wollte. Es hat gut getan, aus dem medialen Fokus zu verschwinden und einfach wieder nur Fußball zu spielen.

Brauchen Sie klare Ansagen, um das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren?
Vielleicht habe ich anfangs ein bisschen dazu geneigt, die Dinge schleifen zu lassen. Zum Glück hatte ich mit meiner Familie und auch meinem Trainer Thomas Tuchel immer Leute um mich, die im richtigen Moment dazwischen gefunkt sind. Daraus habe ich sehr viel gelernt. Heute kann ich die meisten Dinge sehr gut selbst einschätzen.

Unter anderem soll Tuchel Ihnen einmal ein Interview mit Raul zum Lesen gegeben haben. Was haben Sie daraus gelernt?
Zwei Tage vor dem Finale um die Deutsche-A-Jugend-Meisterschaft drückte mir Thomas Tuchel in seinem Büro das Interview in die Hand. Er hatte sogar einige Stellen darin markiert, die er für mich als wichtig erachtet hat. Und es hat funktioniert. In Mainz habe ich oft daran gedacht, was Raul über Zusammenhalt, Mannschaftsdienlichkeit und Wille gesagt hat. Er war nicht umsonst einer der größten Spieler aller Zeiten.

Ein paar Monate später spielt Raul plötzlich mit Ihrem Kumpel Lewis Holtby zusammen. Hat er Ihnen wenigstens ein Autogramm besorgt?
Nein, so etwas macht man nicht unter Kollegen. Aber natürlich habe ich nachgefragt, wie Raul sich im Training gibt und so weiter und Lewis hat nur von ihm geschwärmt.

Können Sie heute wieder über den Titel »Teuerster Luftgitarrenspieler der Welt« lachen?
Ich würde ihn mir sicher nicht in den Lebenslauf schreiben, aber trotzdem finde ich diesen Titel sehr lustig.

Leverkusen holte Sie 2010 für knapp zehn Millionen Euro, mittlerweile jagen Sie europäische Topklubs für ein Vielfaches. Belastet es nicht, wenn man die ganze Zeit mit einem Preisschild durch die Gegend läuft?
Daran denke ich nicht. Grundsätzlich ist es eine Ehre, wenn ein Klub wie der FC Chelsea sich für einen interessiert. Das zeigt ja, dass die Arbeit der vergangenen Jahre auch etwas gebracht hat. Aber die Wechselperiode ist vorbei, ich spiele für Bayer 04 Leverkusen und gebe hier Vollgas. Vielleicht sollten sich die Leute bewusst machen, dass ich nichts dafür kann, wie viel Geld ein Klub angeblich für mich zahlen möchte. Ich gebe immer das Beste für meinen Verein, das ist mein Anspruch an mich selbst. Und wer hat nicht mal einen schlechten Tag?

Angebote dieser Art sind sicher gut für das Selbstbewusstsein. In Ihren Anfangstagen in der Nationalmannschaft sollen Sie nämlich vor allem durch Ihre Zurückhaltung aufgefallen sein.
Bei meiner ersten Einladung war ich total nervös. Ich stand schüchtern in der Ecke und habe gehofft, dass einer auf mich zukommt. Auf Weltstars wie Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm zuzugehen, ist nicht ganz so leicht.

Aber die sind doch auch nur ein paar Jahre älter als Sie. Kennt man sich nicht sowieso aus der Bundesliga?
Da gibt man sich mal die Hand, aber das war’s dann auch. Bei der Nationalmannschaft war ich in einer Parallelwelt angekommen. Ich meine, ich wollte da immer hin, aber als ich da war, wurde ich total nervös. Die Minuten in der Hotellobby kamen mir vor wie Tage.

Was hat schließlich das Eis gebrochen.
Bastian Schweinsteiger kam am Aufzug auf mich zu, gab mir die Hand und behandelte mich, als wäre ich schon seit Jahren dabei. Da war mir klar: Das sind auch ganz normale Jungs, die wissen wahrscheinlich, wie sich das beim ersten Mal anfühlt.

In Mainz bekam man nach Ihrem Aufstieg plötzlich den Eindruck, Sie wollten die Spiele möglichst allein entscheiden. Im Basketball nennt man Schlüsselspieler »Go-To-Guys«. Gibt es diesen Spielertypus im Fußball überhaupt?
Diese Spieler gibt es in vielen Mannschaften, vor allem bei kleineren Klubs. Aber selbst bei einem nahezu perfekten Team wie Barcelona sind alle froh, wenn Lionel Messi auf dem Platz steht. Man muss sich dieses Standing innerhalb einer Mannschaft erarbeiten, das hat auch viel mit Vertrauen untereinander zu tun. Dennoch muss dann man aufpassen, dass man nicht alles von sich abhängig macht, weil man dann nach schlechten Spielen auch sofort sehr viel Kritik einstecken muss.

Der Leitwolf ist also doch nicht ausgestorben. Kann man diese Fähigkeit lernen oder liegt einem so etwas in den Genen?
Ich glaube, das muss man in sich tragen. Als Spieler muss man dieser Typ sein wollen, der vorneweg geht. Das kann und will nicht jeder Spieler.

Sie hatten das Glück sich in Leverkusen am vielleicht letzten Leitwolf des deutschen Fußballs zu orientieren: Michael Ballack. Wie eng war Ihr Kontakt?
Als ich zu Leverkusen kam, war Michael Ballack ein Idol. Er hat eine Weltkarriere gemacht, ich bin quasi mit ihm als Leitfigur aufgewachsen. Seine Zeit bei Chelsea habe ich sehr genau beobachtet. Und plötzlich steht er neben dir auf dem Trainingsplatz.

Und Sie haben sich wieder nicht getraut »Hallo« zu sagen?
Michael war von Anfang an total offen. Ich habe mich immer sehr gut mit ihm verstanden, auch heute schreiben wir uns noch regelmäßig SMS. Er war sofort eine Bezugsperson für mich, hat mir sehr viele Tipps gegeben, sehr offen mit mir geredet. Das hat mir in den schwierigen Phasen der letzten Saison sehr geholfen. Ich kann ihm das gar nicht hoch genug anrechnen.

Konnten Sie mit Ihrer unbekümmerten Art auch Michael Ballack helfen, wenn er von einem Tiefschlag zum nächsten hangelte.
Was sollte ich Michael Ballack denn erzählen, ohne mich lächerlich zu machen? Ich glaube, er hat sich im Laufe der Jahre ein sehr dickes Fell angelegt und hat viele Dinge mit der größtmöglichen Souveränität durchgestanden.

Hat er Ihnen auch vom FC Chelsea vorgeschwärmt?
Das brauchte er nicht. Wir waren mit Bayer Leverkusen bereits zu Gast an der Stamford Bridge. Als ich gesehen habe, welche Sympathien Michael Ballack dort nach Jahren noch entgegen gebracht wurden, war ich wirklich beeindruckt. Ich glaube, das gibt es nur in England, dass Ex-Spieler bei Ihrer Auswechslung mit Standing Ovations verabschiedet werden.

Vor Ihrem Wechsel nach Leverkusen soll Ihr damaliger Gegenspieler und heutiger Trainer Sami Hyypiä sogar mal versucht haben, Sie mit Worten zu bremsen.
Da musste ich auf jeden Fall ziemlich lachen. Wir haben kurz vor dem Saisonende mit Mainz gegen meinen neuen Verein Leverkusen gespielt. Ich war natürlich extra motiviert und war überall auf dem Platz. Als ich Sami dann ein paar Mal weggelaufen bin, hat er mich mal kurz zur Seite genommen und gesagt: »Wenn Du Champions League spielen willst, dann musst Du etwas langsamer machen!« Man muss wissen: Leverkusen war damals Zweiter, aber noch nicht sicher für die Champions League qualifiziert. Er hatte wohl Sorge, dass ich mit meinen Toren für eine Niederlage sorgen könnte (lacht).

In Leverkusen haben Sie vor allem körperlich zugelegt. Muskeln machen langsam. Müssen wir uns Sorgen machen, dass André Schürrle die Lust am Tempo verliert?
Keine Sorge, Arme wie Sylvester Stallone werde ich sowieso nie bekommen. Ich arbeite gezielt zwei bis drei Mal die Woche am Muskelzuwachs an den Stellen, die für Sprints entscheidend sind. Auch viel im Bereich Kraftausdauer, damit man in den letzten Minuten statt 50 Meter vielleicht noch mal 70 Meter im Vollsprint gehen kann. 

Oder rüsten Sie sich nur für größere Aufgaben. Es heißt gemeinhin, die englische Liga sei wesentlich robuster.
Das hat damit nichts zu tun. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich mir einen Wechsel nach England durchaus hätte vorstellen können, aber Bayer wollte mich nicht gehen lassen. Das habe ich akzeptiert und konzentriere mich jetzt auf die Bundesliga. Was die Zukunft bringt, wird sich dann zeigen.

Dennoch zeigten Sie sich genervt, dass so viele Details aus den Verhandlungen an die Öffentlichkeit geraten sind.
So ein Interview hätte ich vor zwei Jahren wohl nicht gegeben. Aber jetzt fühle ich mich bereit auch Dinge zu kritisieren, die mich stören. Ich habe dabei niemanden angegriffen, sondern mich einfach nur erklärt. Das war vonseiten des Klubs auch kein Problem.

Ihre Entwicklung vom schüchternen Neuling zum Führungsspieler ist also in vollem Gange.
Ich habe gelernt, dass man groß denken darf und muss, um weiterzukommen. Dennoch bin ich mir bewusst, dass man nicht alles an die Medien rausgeben darf, weil die Dinge einem sehr schnell um die Ohren fliegen können. Man darf seine Meinung sagen, muss aber auch realistisch bleiben.

Sie werden also nicht sagen: Wir werden mit Bayer Leverkusen in diesem Jahr Meister!
Nein, ich will natürlich das Double! (lacht)

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