Anatolij Timoschtschuk im Interview

»Ich bin ein Maximalist«

Im Sommer wechselt Anatolij Timoschtschuk von Zenit St. Petersburg zum FC Bayern. Hier spricht er über Vergleiche mit Beckham und Matthäus, sein bevorstehendes Duell mit van Bommel und seine Ziele mit dem FC Bayern. Anatolij Timoschtschuk im InterviewImago

Anatolij Alexandrowitsch, noch sind Sie gar nicht Spieler des FC Bayern, da stellt man Sie in Deutschland schon in eine Reihe mit Ausnahmefußballern. Ein Porträt über Sie in einer Fachzeitschrift trug die Überschrift: »Beckham + Matthäus = Timoschtschuk«.

In Zeitungen gibt es doch immer etwas Interessantes zu lesen. Ich beachte so etwas nicht sehr.

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Aber die Vergleiche sind doch interessant. Was wäre Ihnen denn lieber: Anatolij Beckham oder Anatolij Matthäus? Immerhin tragen Sie eine Kapitänsbinde, die früher Matthäus gehörte.

Weder das eine noch das andere. Jeder Mensch ist eine eigene Persönlichkeit und bekommt das, was er verdient. Beckham ist zweifellos eine große Persönlichkeit, und Matthäus eine noch größere Persönlichkeit, deswegen sind Vergleiche schwer. Ich bin Timoschtschuk, und ich will einfach nur eine gute Arbeit abliefern.

Sie verstehen schon, dass diese Vergleiche andeuten, dass von Ihnen hier enorm viel erwartet wird.


Von mir hat man überall viel erwartet. Von mir hat man auch bei Zenit viel erwartet, weil die Ablösesumme sehr groß war. Früher in Donezk war es genauso. Deswegen ist es keine Frage, dass man von mir viel erwartet. Ich würde im Gegenteil sehr nachdenklich werden, wenn man von mir wenig erwarten würde. Das würde bedeuten, dass man meine Fähigkeiten nicht genügend schätzt und mir nicht genügend zutraut. Und natürlich mache ich alles, um die Erwartungen auch zu erfüllen.

Viele Beobachter denken, dass sich der FC Bayern vor allem auf zwei Positionen verstärken muss, um die Champions League gewinnen zu können. Das ist einmal der Rechtsverteidiger, und das ist zum anderen Ihre Position.

Das muss man sehen, wir werden hoffen, dass die recht haben, die das sagen.

Ihr direkter Kontrahent für eine Position in der Stammelf wird wohl der Niederländer Mark van Bommel. Als hier in Deutschland erstmals gemutmaßt wurde, der FC Bayern könnte Sie verpflichten, sagte van Bommel: Timoschtschuk kann gerne kommen, dann sitzt er schön auf der Bank.

Jeder kann sagen, was er will. Ich beachte solche Aussagen nie. Es gibt einen Fußballplatz, es gibt ein Spiel. Und das Spiel bestimmt, welche der Mannschaften die bessere ist und welcher der Spieler der bessere ist. Deswegen denke ich, dass es keinen Sinn macht, solche Aussagen zu kommentieren.

Van Bommel ist ein Spieler mit viel Erfahrung und ein ziemlich anerkannter Anführer der Mannschaft. Das heißt also, ein starker Konkurrent für Sie.

Ich hatte in meinem Leben genügend Konkurrenten. Das ist Teil des Fußballs, und ohne Konkurrenten kann es keinen Fußball geben. Ich denke, Konkurrenz hebt die Qualität. Und je größer die Konkurrenz ist, desto mehr steigt die Qualität. Deswegen gilt für jeden Spieler: Je mehr Konkurrenz ein Spieler hat, desto mehr versucht er, sich fußballerisch fortzuentwickeln.

Sie und van Bommel füllen die Position des »Sechsers« ziemlich unterschiedlich aus. Was sind die wichtigsten Aufgaben eines Sechsers, der auf Russisch auch »tragender« oder »stützender« Mittelfeldspieler heißt?

Ich denke, dass er in der Tat so spielen muss, wie es seine Positionsbezeichnung von ihm fordert: die Mannschaft zu tragen, zu stützen. Er muss ein verbindendes Glied zwischen Abwehr und Angriff sein. Ein Sechser braucht eine große Leistungsfähigkeit und eine große Hingabe, um seine Aufgaben gut zu erfüllen. Deswegen sagt man auch: »Sag mir, wer im Zentrum deiner Mannschaft spielt und ich sage dir, wie deine Mannschaft ist.« 60 oder 70 Prozent des Erfolgs einer Mannschaft hängen davon ab, dass sie die Mitte des Spielfelds stärker ist. Deswegen liegt viel an der Mittefeldreihe, jede Mannschaft baut sich vom Mittelfeld aus auf.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Position vor der Abwehr zu besetzen. Entweder mit zwei Spielern, wie es beim FC Bayern van Bommel oder Zé Roberto tun, oder nur mit einem Spieler, wie Sie es bei Zenit machen und was in der Offensive für mehr Alternativen sorgt. Was ist besser?


Ich denke, dass Flexibilität nötig ist. Zé Roberto ist mehr ein attackierender Spieler, hilft aber auch in der Abwehr. Wenn du mehr solcher flexiblen Spieler hast, hilft das der Mannschaft. Im heutigen Fußball hängt von diesen Spielern viel ab.

Ihr Duell mit van Bommel wird nicht nur ein Duell um eine Position, sondern auch ein Duell um eine Leader-Rolle. Van Bommel ist derzeit Kapitän bei den Bayern, Sie sind Kapitän bei Zenit. Sie haben in einem Interview über die Kapitänsrolle gesagt: Der Kapitän ist nicht unbedingt der beste Spieler einer Mannschaft, sondern der Spieler, an dessen Seite die anderen Spieler stärker werden.

Ich war im Verlauf meiner Karriere schon mehrfach Kapitän. Als Kapitän hat man natürlich eine besondere Verantwortung, es ist aber auch eine große Ehre. Aber das nimmt den anderen Spieler nichts von deren Verantwortung. Im Prinzip ist der Kapitän der Leader der Mannschaft. Aber ich bin der Meinung, dass es im heutigen Fußball in einer Mannschaft nicht nur einen Leader geben kann. Eine starke Mannschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie einige Leader in ihren Reihen hat, die als Gleichgesinnte auftreten. Je mehr Leader es gibt, desto besser ist das für eine Mannschaft. Doch das wichtigste ist, dass diese Leader auch zusammenarbeiten und die eigenen Interessen den Interessen der Mannschaft unterordnen.

Warum haben Sie sich eigentlich für Bayern entschieden?

Eines vorweg: Meine Vertreter haben sich mit dem FC Bayern grundsätzlich geeinigt, aber die Rechte an jedem Fußballer gehören dem Klub, mit dem er einen laufenden Vertrag hat. Jetzt werden Gespräche zwischen den Klubs geführt, und wenn es eine offizielle Stellungnahme der beiden Klubs gibt, dann kann man endgültig über den Wechsel sprechen. Ich denke, alles sieht so aus, dass ich bei diesem Klub lande. Warum Bayern? Bayern ist ein sehr guter Verein mit einer bedeutenden Historie, man kann durchaus sagen: ein legendärer Verein. Ich denke, hier läuft alles auf einem sehr hohen Niveau ab, das jedem Spieler ermöglicht, sich professionell weiterzuentwickeln.

Aber das trifft doch auch auf andere Vereine zu, von denen Sie Angebote hatten. Aus England oder Spanien.

Ja, es gab auch andere Angebote. Auch als ich zu St. Petersburg gewechselt bin, gab es schon andere Angebote. Aber alles hängt davon ab, wie beharrlich ein Klub Verhandlungen führt. Ich weiß, dass Bayern der beharrlichste Klub war. Sie haben sich schon im Sommer an Zenit gewandt, vor dem Supercup-Spiel gegen Manchester United. Ich bin ein Mensch mit einer seriösen Einstellung im Leben: Wenn ich Leuten etwas verspreche, dann versuche ich auch, das bis zum Ende durchzuziehen. Außerdem habe ich in jeder Liga meine Lieblingsmannschaft, von der ich schon lange Fan bin. In Italien ist das Juventus, in England Manchester - und in Deutschland der FC Bayern.

Welche Ziele haben Sie mit dem FC Bayern?

Es ist noch früh, über Ziele zu sprechen. Aber unabhängig davon, wo ich spiele, habe ich immer dasselbe Ziel: in jedem Spiel zu gewinnen und genauso jedes Turnier, an dem ich mit meiner Mannschaft teilnehme, zu gewinnen.

Das heißt dann auch, die Champions League zu gewinnen.

Ja. In jeder Mannschaft, auch bei Zenit, habe ich mir die Aufgabe gestellt, die Champions League zu gewinnen, weil ich denke, dass es im Leben nichts Unerreichbares gibt. Ich befolge folgendes Prinzip: »Frag nach dem Unmöglichen, und du bekommst das Maximum.« Ich bin im Leben ein Maximalist und lebe danach, dass kein Tag folgenlos vergehen soll und dass ich meine Fähigkeiten immer perfektionieren will.

Welche Bayern-Spieler kennen Sie denn schon? Gewiss Sind sie froh, dass im Sommer auch Ivica Olic zum FC Bayern kommt.

Ja, Olic kenne ich noch aus Russland (der künftige Bayern-Akteur spielte bis zur Winterpause 2007 bei ZSKA Moskau, die Red.). Mit den anderen Spielern bin ich nur auf dem Fußballplatz zusammengetroffen, und die Spieler, gegen die ich gespielt habe, hatten ein sehr hohes Niveau. Und Ribéry habe ich schon einige Male bei Spielen mit der Nationalmannschaft gesehen.

Und, was halten Sie von ihm?

Er ist ein Spieler mit einem sehr hohen Niveau. Und auch er gehört zu den Leadern des FC Bayern.

Vergleiche hinken bekanntlich immer. Aber Ribéry ist ein Anarchist auf dem Platz, so ähnlich wie Andrej Arschawin, mit dem sie lange in St. Petersburg zusammengespielt haben. Beide sind Spieler, die auf dem Platz gern machen, was sie wollen, und nicht so sehr ans Kollektiv denken wie zum Beispiel Sie. Ist es schwer, mit solchen Spielern in einer Mannschaft zu spielen?

Ich denke nicht, dass er nicht ans Kollektiv denkt. Er macht das genauso, nur ist das vielleicht nicht so bemerkbar. Auf dem Platz gibt es immer verschiedenartige Spieler. Ribéry ist einer der Spieler, die das technische, schnelle Spiel predigen und den Ablauf des Spiels bestimmen.

Sie haben mit Zenit im vergangenen Jahr gegen Bayern München und Bayer Leverkusen gewonnen und in diesem Jahr den VfB Stuttgart ausgeschaltet. Wie schätzen Sie das Niveau der Bundesliga ein?

Das ist schwer zu sagen. Wir haben mit Zenit den Uefa-Pokal gewonnen, und wir haben ihn verdient gewonnen und waren stärker als die Mannschaften, gegen die wir gespielt haben. Insgesamt ist die Bundesliga natürlich ein sehr interessanter Wettbewerb. Das zeigt auch die Tatsache, welchen Wettbewerb es um die vorderen Tabellenplätze gibt. In Italien ist im Prinzip schon alles entschieden, in Spanien auch, aber in Deutschland noch nicht. Und ich denke, es gibt diesen Vielkampf um die Meisterschaft bis zum Schluss. In solchen Wettbewerben ist es immer besonders interessant, zu spielen, zu siegen und um den Titel zu kämpfen.

Es heißt, Sie könnten schon ein bisschen Deutsch sprechen. Die Bild-Zeitung schrieb sogar, Sie sprächen fließend Deutsch.

Ich spreche ein bisschen Deutsch. Ich habe das schon in der Schule gelernt, und in meiner Kindheit habe ich einmal an einem Turnier in Deutschland teilgenommen, da habe ich ungefähr eine Woche in einer deutschen Familie gelebt. Da musste ich mich natürlich auf Deutsch unterhalten, aber wenn ich in einem Land lebe, habe ich auch keine Schwierigkeiten mit dem Erlernen der Sprache. Mein Wortschatz ist relativ groß.

Speziell der Fußball-Wortschatz?

Nein, für den normalen Umgang. Deutsche Fußball-Wörter habe ich noch nicht gelernt, aber Fußball-Wörter gibt es ja auch nicht so viele. Um so mehr, als wir doch die wirkliche Sprache des Fußballs alle kennen: Das ist das Spiel, das ein Spieler zeigt. Anweisungen sind auf dem Fußballplatz immer wichtig. Aber das entscheidende sind Pässe, Bewegungen, Zweikämpfe.
 

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