Amnesty-Generalsekretär Wolfgang Grenz über die EM-Gastgeber

»Folter in der Ukraine, Rassismus in Polen«

Wolfgang Grenz, Generalsekretär von Amnesty International Deutschland erhebt im Interview mit 11FREUNDE schwere Vorwürfe gegen die EM-Gastgeberländer Polen und die Ukraine. Und fordert die Politiker trotzdem zu einem Besuch auf.

Wolfgang Grenz, in der öffentlichen Debatte wurde in den vergangenen Monaten ein Boykott der EM in der Ukraine und Polen gefordert. Amnesty International hält nichts von einem Boykott. Warum?
Amnesty fordert nicht zum Boykott auf. Aber das war zum Teil auch eine seltsame Debatte. Was können die Politiker schon boykottieren? Sie nehmen ja nicht an den Spielen teil! Dann zu sagen: Wir fahren nicht hin und tragen so einen Teil dazu bei, Menschenrechte durchzusetzen, ist einfach zu wenig.

Und wie sollten sich die Politiker Ihrer Meinung nach verhalten?
Wir denken, dass es gerade wichtig ist, hinzufahren. Nicht, um sich auf der Tribüne neben seinen Ministerkollegen zu setzen, sondern um die Gelegenheit zu nutzen, klare Forderungen zu stellen.

In einer Pressemitteilung mit dem Titel »Rote Karte für Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine« erheben Sie schwere Vorwürfe gegenüber dem EM-Gastgeber. Was meinen Sie konkret?
Die ukrainische Regierung nimmt Menschen willkürlich fest, die in der Haft misshandelt und gefoltert werden. Den Gefangenen droht außerdem ein unfaires Verfahren. Bei der Ombudsperson (einer sich vor Ort befindlichen Kontaktperson von AI, d. Red.) in der Ukraine gingen 2010 5.000 Beschwerden wegen Folter und Misshandlung ein. Aber nur zehn Polizeibeamte wurden auch strafrechtlich verfolgt. Menschenrechtsgruppen vor Ort haben dokumentiert, dass im selben Jahr 51 Menschen in Haft gestorben sind.

Es geht also nicht nur um die ehemalige Premierministerin Julia Timoschenko, die aufgrund der schlechten Haftbedingungen in Hungerstreik getreten war und damit die Diskussionen über einen möglichen Boykott erst ausgelöst hat?
Es geht um viel mehr. Aber etwas Gutes hat der Fall Timoschenko: Er sorgt für die Aufmerksamkeit, die wir brauchen, um auf weitere Fälle von Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen. Man darf aber auch nicht die Probleme vergessen, mit denen Co-Gastgeber Polen zu kämpfen hat. Da wird mit zweierlei Maß gemessen, weil die Verbindungen der Bundesregierung zur polnischen Regierung besser sind, als zur ukrainischen.

Was meinen Sie?
Uns besorgt der zunehmende Rassismus in Polen. In polnischen Fußballstadien kommt es immer regelmäßiger zu fremdenfeindlichen Übergriffen. Besonders auffällig sind die Fans aus Warschau, Krakau, Breslau, Posen und Danzig, die schwarze Spieler regelmäßig rassistisch beleidigen und sie mit Bananen bewerfen. Da fallen antisemitische Slogans, werden Poster mit rassistischen Symbolen gezeigt.

Sie haben sich wegen der Menschenrechtsverletzungen mit Vertretern des DFB getroffen. Wie haben die auf die Informationen reagiert?
Dass sich der DFB überhaupt mit dem Thema befasst, ist schon ein großer Fortschritt. Der Präsident der UEFA, Michel Platini, behauptet nach wie vor, Politik und Sport hätten nichts miteinander zu tun. Als Philipp Lahm die Haftbedingungen von Timoschenko kritisierte und Platini zu einer Stellungnahme aufforderte, entgegnete der, Lahm hätte nichts von ihm zu einzufordern. Der DFB ist also schon einen Schritt weiter als die UEFA.

Herr Grenz, wie politisch ist Fußball?
Der Sport kann sich heute nicht mehr seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung entziehen. In der Olympischen Charta bekennt man sich zu ethischen Werten. Die Fußballverbände sollten sich ebenfalls für Menschenrechte einsetzen. Wir hätten es zum Beispiel gerne gesehen, dass die deutschen Nationalspieler Armbinden mit der Aufschrift »Achtet die Menschenrechte!« tragen.

Aber?
Die Spielordnung der UEFA verbietet politische Statements. Das muss sich ändern. Ein Ausspruch zur Wahrung der Menschenrechte darf nicht untersagt werden können. Das ist nicht mehr zeitgemäß, denn alles im öffentlichen Raum ist politisch.

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