Amine Aoudia über Algeriens WM-Chancen und die Schmach von Gijon

»Wir überstehen die Vorrunde!«

Als der Algerier Amine Aoudia im vergangenen Jahr seinen Wechsel nach Deutschland verkündete, erntete er in seiner Heimat viel Unverständnis. Doch der Stürmer wusste bei Dynamo Dresden zu gefallen – bis er sich das Kreuzband riss. Jetzt muss er die WM vom Sofa aus gucken.

Amine Aoudia, haben Sie den Schock schon überwunden, dass Sie bei der WM nicht dabei sein werden?

Natürlich war ich im ersten Moment sehr enttäuscht, dass ich die WM aufgrund meiner schweren Knieverletzung verpassen werde. Aber ich bin Fußballprofi, und das Risiko einer Verletzung ist immer und zu jederzeit ein fester Bestandteil im Leben eines Leistungssportlers. Ich habe ein tiefes Gottvertrauen in mir und nehme das Positive aus dieser Erfahrung mit.

Wo verfolgen Sie das Turnier?
Nach einiger Überlegung habe ich mich dagegen entschieden, nach Brasilien zu reisen. Ich werde konzentriert und fokussiert in Dresden mein Reha-Programm durchziehen.

Mit Vahid Halilhodžić haben Sie einen sehr erfahrenen Nationaltrainer. Was war der beste Tipp, den Sie von ihm erhalten haben?
Mein Nationaltrainer war und ist ein großer Förderer von mir. Er mag mich als Mensch und schätzt meine Qualitäten als Spieler. Er ruft mich oft an oder schreibt mir eine SMS und motiviert mich – auch jetzt, da ich verletzt bin und nicht mit zur WM fahren kann. Er sagt mir immer wieder, dass ich mir Zeit lassen soll und auch etwas Geduld brauche, um wieder richtig fit zu werden. Aber er glaubt an mich und meine Rückkehr ins Nationalteam. Für diese Wertschätzung bin ich ihm unheimlich dankbar.

Tragen die Algerier den Deutschen die »Schande von Gijon« noch nach?
(lacht) Nein, so ticken wir Algerier nicht. Wissen Sie, woran sich die Menschen in Algerien vor allem erinnern? Das ist der sensationelle Auftaktsieg in der Gruppenphase gegen den damals amtierenden Europameister! Wir haben den haushohen Favoriten Deutschland mit 2:1 geschlagen. Das war unglaublich! Darauf sind wir Algerier noch heute sehr stolz. Was im letzten Spiel zwischen Deutschland und Österreich passiert ist, war natürlich bitter für Algerien, aber aus der Sicht der beiden anderen Mannschaften nachvollziehbar, weil sie wussten, dass die 1:0-Führung von Deutschland beiden Nationen zum Weiterkommen reichen würde. Letztendlich wurden daraus die richtigen Konsequenzen gezogen, denn seitdem finden die letzten Spiele in der Gruppenphase alle zeitgleich statt. Und das ist gut für den Fußball.

Madjid Bougherra gilt als herausragender Spieler in der aktuellen Mannschaft. Wer gehört außerdem zu den Wortführern innerhalb der Mannschaft?


Sicher gehört Madjid als Kapitän zu den unumstrittenen Führungsspielern in unserem Nationalteam. Er hat unheimlich viel Erfahrung, geht mit Leistung voran und ist auf und neben dem Platz ein echter Leader, der die anderen Spieler auch mal mitreißen kann. Aber unsere Nationalmannschaft ist ein eingeschworenes Team, das sich als Gemeinschaft versteht, und es ist niemandem verboten, auch mal seine Meinung zu sagen.

Wie haben Sie gefeiert, nachdem Algeriens Qualifikation für die WM gegen Burkina Faso gesichert war?
Das war eine nationale Party in Algerien! Mehr brauche ich dazu eigentlich nicht zu sagen. Meine Landsleute sind verrückt nach Fußball, sie lieben diesen Sport und verehren ihre Nationalmannschaft.

Was ist der größte Unterschied im Alltagsleben zwischen Algerien und Deutschland?
Alles ist anders! Hier in Deutschland ist es im Winter vor allem viel, viel kälter. (lacht) Das war für mich schon eine Umstellung. Auch die Mentalität der Menschen ist anders. Aber ich habe mich hier von Anfang an sehr wohl gefühlt, weil ich mit offenen Armen empfangen wurde.

Wie ist es im Fußball?
Hinsichtlich der Berufsauffassung im Profi-Fußball liegen Welten zwischen beiden Ländern. Ich war anfangs sehr überrascht, auf welch hohem Niveau sich die Organisation von Verein und Liga in der 2. Bundesliga bewegen. Das kann man mit der ersten Liga in Algerien überhaupt nicht vergleichen. Hier in Deutschland ist der gesamte Fußball viel professioneller organisiert. Mit welcher Konzentration und Konsequenz auf allen Ebenen für den Erfolg gearbeitet wird, ist einfach beeindruckend.

Es gibt im Internet einen Auftritt von Ihnen bei der Sendung »Le Grand Sbitar«, bei der die Moderatoren wie bei einer Jury aufgereiht sitzen. Worum ging es dabei?

In dieser Show wurde über meinen Wechsel nach Deutschland zu Dynamo Dresden diskutiert. Ich musste mich rechtfertigen, warum ich nach Ablauf meines Vertrages das algerische Topteam ES Sétif, mit dem ich gerade Meister geworden war, für einen deutschen Zweitligisten verlasse. Ich hatte im vergangenen Sommer viele Angebote aus vielen verschiedenen Ländern. Als ich erfahren habe, dass Dynamo Interesse an mir hat, wusste ich ziemlich schnell, dass ich hierher nach Deutschland kommen will. In Algerien bin ich ein Star, aber darauf wollte ich mich nicht ausruhen.

Ihre Landsleute haben den Wechsel also nicht verstanden?
In meiner Heimat haben mir die Leute immer gesagt: »Bleib doch hier, denn da weißt du, was du hast, du bist ein gefeierter Fußball-Held. In Europa kennt dich keiner, da musst du dich durchsetzen und dir erst einen Namen machen.« Aber genau das waren der Reiz und die Motivation für mich. Darüber wurde in dieser TV-Show ausgiebig diskutiert. Ich kann jetzt mit einem Lächeln sagen, dass der Wechsel genau der richtige Schritt war. (lacht)

Was trauen Sie Algerien in Brasilien zu?

Auch wenn die Gruppe mit Belgien, Russland und Südkorea  alles andere als leicht ist, bin ich davon überzeugt, dass Algerien die Vorrunde übersteht. Was danach passiert, werden wir sehen.

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