Altin Lala im Interview

„Meine Stärke ist mein Kopf“

Während einer Reise mit der Nationalmannschaft der U16 setzte sich Altin Lala kurzentschlossen ab. Der Albaner wollte sein Glück in Deutschland suchen und fand es in Hannover. In seiner zehnten Saison gehört er mittlerweile zum Inventar bei 96. Imago

Herr Lala, gibt es eine deutsche Bedeutung Ihres Namens?

Es gibt keine genaue Übersetzung. »Lala« wird in Albanien oft als »Freund« gebraucht, oder »Kumpel«.

Sie sind in Albanien geboren. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Als ich klein war, gab es in Albanien noch ein anderes System als heute, ähnlich wie in der DDR. Es gab damals keine großen Unterschiede zwischen »arm« und »reich«, alles war eigentlich gleich. Wir konnten als Kinder unbekümmert auf den Straßen spielen, haben uns Schwerter gebastelt oder sind mit unseren selbstgebauten Karren die Hügel hinab gefahren. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit.

[ad]Sie sind demnach ein echter Straßenfußballer?

Ja, ganz genau. Man durfte früher in Albanien kein eigenes Auto besitzen, es gab also sehr wenig Verkehr auf den Straßen. Wir haben überall Fußball gespielt, mussten nur mit zwei Steinen ein Tor markieren. Ich bin erst mit elf Jahren in einen Fußballverein eingetreten.

Hatten Sie damals ein Vorbild?

Sulejman Demollari! Er war einer der besten Spieler in Albanien und war später für kurze Zeit mein Trainer in der Nationalmannschaft - so trifft man sich wieder. (lacht)

Konnten Sie sich als Jugendlicher in Albanien vorstellen, mit dem Fußballspielen einmal Geld zu verdienen?

Daran habe ich wirklich nie gedacht! 1990 hatte der Kommunismus in Albanien ein Ende, es herrschte eine große Umbruchstimmung, viele junge Menschen wollten das Land verlassen und woanders ihr Glück versuchen. Ich hatte in dieser Zeit die Möglichkeit, mit der U16 nach Deutschland zu reisen – und bin schließlich dort geblieben.

Sie haben sich abgesetzt?

Ja, ich habe die Chance genutzt und mich kurzerhand entschieden, in Deutschland zu bleiben. Mit 18 Jahren konnte ich dann meinen ersten Profivertrag unterschreiben. Ich musste nebenher arbeiten, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Zeit hat mir für mein weiteres Leben sehr geholfen. Ich habe wahrlich gelernt, mich durchzusetzen.

Wie sind Ihre Eltern mit diesem Entschluss umgegangen?
Ich habe sie erst nach drei Wochen angerufen.

Waren sie damit einverstanden, dass ihr Sohn plötzlich Fußballprofi in Deutschland werden will?

Mein Vater war überhaupt nicht einverstanden. Er hat immer einen guten Job gehabt, zuerst war er Lehrer, später war er bei der Polizei. Er hat mir von klein auf gepredigt, die Schule fertig zu machen und etwas Vernünftiges zu lernen. Als Kind war ich jedoch so stur, dass ich immer nur raus auf die Straße und Fußball spielen wollte.

Diese Sturheit war für Ihre Familie - daheim in Albanien - ein harter Schlag.

Für meine Eltern war es schwer zu verstehen, warum ihr Sohn mit 16 Jahren plötzlich allein in Deutschland bleiben wollte. Heute verstehe ich ihre Sorgen natürlich, ich bin mittlerweile selbst Vater geworden. Aber damals wusste ich: Mit einem starken Willen kann ich in diesem Land viel erreichen. Ich wollte es hier schaffen! Mein Vater sagte immer wieder, ich solle mich benehmen, mich einordnen, und meinen Weg weiterführen.

In Deutschland spielten Sie fortan in der Oberligamannschaft von Borussia Fulda. Mit Ihrem Starken Willen wollten Sie jedoch in die Bundesliga, richtig?

Ich hatte die Bundesliga immer vor Augen, und ich habe mich diesem Ziel mit kleinen Schritten geduldig genähert. Mit Fulda sind wir in die Regionalliga aufgestiegen, 1998 kam schließlich das Angebot von Hannover 96.

Der nächste Schritt.

Meine Stärke ist mein Kopf. Ich hänge mich immer voll rein und versuche, hundert Prozent zu geben, nur so erreichst du deine Ziele. Die Bundesliga war schon immer mein großer Traum.

Mittlerweile spielen Sie Ihre zehnte Saison für Hannover 96. Können Sie eigentlich noch alle Trainer aufzählen, die seitdem gekommen und gegangen sind?

Ja, natürlich. Aber es waren schon sehr viele Trainer, das stimmt. (lacht) Der erste war Reinhold Fanz, dann Franz Gerber, Branko Ivankovic, dann Ehrmantraut, sein Co-Trainer Levý, Rangnick, Lienen, Neururer - und jetzt Dieter Hecking.

Tat es Ihnen einmal besonders leid, als ein Trainer gehen musste?

Es ist nie schön, wenn ein Trainer entlassen wird. Die Mannschaft ist eine Art Familie, man hat tagtäglich miteinander zu tun - und auf einmal ist der eine nicht mehr da. Man muss an solchen Tagen genug Profi sein, um so etwas nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. Ansonsten würde man ja nur noch depressiv herumlaufen und heulen.

Mit Ihrem aktuellen Trainer, Dieter Hecking, haben Sie in Ihrer ersten Saison bei Hannover 96 zusammengespielt. Was haben Sie von dem Spieler Hecking noch in Erinnerung?

Einmal hat er gegen St. Pauli in dreißig Minuten einen Hattrick geschossen und sich direkt nach seinem dritten Tor auswechseln lassen. Das war wohl zu anstrengend für ihn. (lacht)

Und umgekehrt, kann Dieter Hecking noch auf seine Erfahrungen mit Ihnen bauen, oder hat sich der Spieler Lala seither verändert?

Vor zehn Jahren gab es noch einen Libero, Dieter Hecking hat mit mir zusammen auf der rechten Seite gespielt – heute spiele ich als Sechser vor der Abwehr. Er wohnt allerdings seit seiner Zeit bei 96 in Bad Nenndorf (20 Km von Hannover entfernt, Anm. d. R.) und war die letzten zehn Jahre weiterhin im Geschäft (Trainer in Lübeck und Aachen, Anm. d. R.). Er hat also immer einen Blick auf den Verein werfen können. Ich denke, er kennt meine Stärken und Schwächen nur zu gut.

Haben Sie durch diese gemeinsame Zeit einen besonderen Draht zueinander?

Natürlich kennen wir uns lange, aber wir haben uns beide weiterentwickelt. Ich bin keine 21 Jahre alt mehr. Wir haben ein gutes Verhältnis. Ich war stets bemüht, auch als Kapitän, eine gewisse Distanz zu meinen Trainern zu wahren. Letztendlich trägt der Trainer die Verantwortung, ich, als Spieler, versuche nur umzusetzen, was er von mir erwartet.

Sie sind seit nunmehr zehn Jahren bei Hannover 96. Haben Sie jemals überlegt, den Verein zu verlassen?

Nein, ich fühle mich sehr wohl in Hannover. Seit ich hier spiele, entwickelt sich der Verein sehr positiv. Hier steht nichts auf der Stelle, es geht ständig voran.

Glauben Sie denn, ein Verein wie Hannover 96 kann in nächster Zukunft deutscher Meister werden?

Es ist lange her, dass die Schale hier in der Stadt war. (schmunzelt) Es wäre natürlich fantastisch, wenn man diesen Erfolg bald wiederholen könnte, aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir müssen jetzt erst einmal versuchen, uns im oberen Drittel der Liga zu etablieren. Alles Schritt für Schritt, nichts überstürzen.

Kürzlich haben Sie überlegt, ob Sie ihre Karriere in der Nationalmannschaft beenden sollen. Wird Ihnen diese Doppelbelastung zu anstrengend?

Die Regenerationsphasen werden mit dem Alter natürlich kürzer, aber ich fühle mich in meiner jetzigen Verfassung noch relativ wohl. Die WM-Qualifikation möchte ich für Albanien noch spielen - und dann ist endgültig Schluss.

Wenn Sie Ihre Fußballschuhe in ein paar Jahren an den Nagel hängen, was würden Sie in Ihrem „zweiten Leben“ gerne tun?

Ich will noch mindestens drei Jahre spielen. Was danach kommt, kann ich noch nicht genau sagen. Entweder, ich bleibe im Fußballgeschäft, oder ich mache mich selbstständig.

Ich habe gelesen, wenn Sie heute noch einmal die Wahl hätten, würden Sie gerne Sänger werden. Wäre das nicht eine Alternative?

(lacht) Ich habe wirklich keine Stimme! Es reicht nicht einmal für die Karaoke-Bar. Wenn ich richtig gut singen könnte, würde ich sehr gerne Sänger werden, keine Frage.

Herr Lala, haben Sie manchmal Heimweh nach Albanien?

Nein, eigentlich nicht. Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland, und ich habe mit meiner Familie in Hannover ein Haus gebaut. Ich bin sehr gerne zu Besuch in Albanien, eine Heimkehr könnte ich mir im Moment jedoch nicht vorstellen.

Sind Sie in Ihrer Geburtsstadt Kavaja eigentlich ein Star?

Die Albaner sind fußballverrückt, aber auf der Straße zurückhaltender als beispielsweise die Türken oder die Griechen. Man wird in der Öffentlichkeit freundlich begrüßt, aber nicht belagert. Für die jungen Spieler in Albanien bin ich aber das beste Beispiel dafür, dass man es schaffen kann. Das macht mich schon ein wenig stolz.

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