Als Honduras bei der WM 1982 beinahe ins Achtelfinale kam

»Wir fielen weinend auf den Boden«

Kurz vor der WM 1982 tönte DFB-Funktionär Hermann Neuberger noch, dass Nationalmannschaften aus Drittweltländern das Turnier verwässern würden – wenige Tage später gewann Algerien 2:1 gegen Deutschland, und Honduras brachte Spanien an den Rande einer Niederlage.

Efrain Gutierrez, haben Sie seit 1982 ein WM-Trauma?
Überhaupt nicht. Die Spiele gegen Spanien oder Nordirland waren die besten Erfahrungen meines Lebens. Wir standen im Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber vor einer großen Sensation, Héctor Zelaya hatte uns nach sieben Minuten in Führung geschossen, doch leider glichen die Spanier in der zweiten Hälfte durch einen Elfmeter aus.
 
Sie haben gute Erinnerungen? Sie schieden doch durch eine strittige Schiedsrichter-Entscheidung in der Vorrunde aus.
Nachdem wir auch das zweite Spiel gegen Nordirland 1:1 gespielt hatten, hätte uns im entscheidenden dritten Partie gegen Jugoslawien erneut ein Unentschieden gereicht. Doch beim Stand von 0:0 zeigte der Schiedsrichter zwei Minuten vor Ende auf den Elfmeterpunkt. Vladimir Petrović verwandelte und wir mussten heim. Dennoch: Wir spielten schönen Fußball, den so niemand von uns erwartet hätte.
 
Das klingt sehr nüchtern.
Junger Freund, es sind über 30 Jahre vergangen. Sie hätten uns damals sehen sollen: Gegen Jugoslawien machten wir unser bestes Spiel, und als der Schiedsrichter in der 88. Minute seine Pfeife an den Mund führte, fielen wir weinend auf den Boden. Wir konnten es nicht fassen, denn die Grätsche unseres Verteidigers Jaime Villegas ging klar zum Ball. Immerhin ist der Schiedsrichter dadurch eine kleine Berühmtheit in Honduras geworden, jedes Kind kennt seinen Namen: Gaston Castro aus Chile, der Mann, der unserem kleinen Land die größte Fußballsensation seiner Geschichte verwehrte.
 
Vor der WM 1982 hatten Trainer und nationale Verbandsfunktionäre noch getönt, dass die Fifa Länder wie Honduras oder Algerien gar nicht erst zu einer WM zulassen sollte. Es wurde von einer »Verwässerung des Turniers« gesprochen. Was hat Sie denn plötzlich so stark gemacht?
Was heißt plötzlich? Wir hatten vielleicht nicht die besten Einzelspieler, doch wir waren verdammt gut eingespielt. Vor Beginn des Turniers haben wir unzählige Freundschaftsspiele absolviert. Wir waren ein Team von Freunden, mental stark und körperlich absolut fit.
 
Wie war es nach der Vorrunde: Standen die Spielerberater nicht Schlange bei den honduranischen Spielern?
Damals war der Transferwahn noch nicht so extrem. Allerdings sind tatsächlich einige Spieler nach Europa gegangen. Roberto Figueroa wechselte zum spanischen Klub Real Murcia und schoss dort 51 Tore in 111 Spielen. Allan Costly ging zum FC Malaga, Hector Zelaya zu Deportivo La Coruna und Julio Cesar Arzu, unser Torhüter, heuerte bei Racing Santander an.
 
Sie hatten keine Europapläne?
Ich bekam auch einige Angebote, doch ich wollte in Honduras bleiben. Ich spielte noch ein paar Mal für die Nationalmannschaft, vor allem in der Qualifikation für die WM 1986. Danach ging ich in die USA und lebe dort seit über 20 Jahren. 2006 gründete ich eine Jugend-Fußball-Schule, die ich bis heute als Geschäftsführer leite.
 
Nach 1982 konnte sich Honduras erst wieder 2010 für eine WM qualifizieren. In Südafrika spielte das Team allerdings weniger erfolgreich. Wie wird es in Brasilien? 
2010 hatten wir ein Team, das vor allem auf Schnelligkeit setzte. Die Mannschaft, die in Brasilien spielt, ist hingegen stärker in der Defensive. Der Schlüssel wird das zweite Spiel gegen Ecuador sein. Zudem wird wichtig sein, wie die Europa-erfahrenen Maynor Figueroa (Hull City, d. Red.) und Emilio Izaguirre (Celtic Glasgow, d. Red.).
 
Die Mannschaft hat auch einen erfahrenen Trainer.
Luiz Fernando Suárez kennt sich jedenfalls sehr gut mit Underdogs aus. Er hat 2006 Ecuador ins WM-Achtelfinale geführt. Mit der honduranischen Olympiaauswahl kam er ins Finale, und in der Qualifikation zur WM 2014 schlug er mit Honduras den haushohen Favoriten aus Mexiko.
 
Was ist sein Rezept?
Er ist ein Defensiv- und Konterspezialist. Ich weiß außerdem, das er José Mourinho bewundert.
 
1982 kehrten Sie als Helden nach Tegucigalpa zurück. Was passiert, wenn Honduras dieses Mal die Vorrunde übersteht?
Die Leute würden durchdrehen und eine endlose Party feiern. Für so ein kleines Land wie Honduras mit seinen acht Millionen Einwohnern, wäre alles andere als ein Vorrundenaus eine riesige Sensation.

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