20.12.2010

Als Chris Nicholl zwei bzw. vier Tore schoss

»Nicht schon wieder ich!«

1976, Aston Villa tritt in Leicester an. In diesem Spiel widerfährt Villas Verteidiger Chris Nicholl Historisches: Er erzielt vier Treffer, zwei davon ins eigene Netz. Wir sprachen mit Nicholl, einem Original britischer Prägung.

Interview: Christoph Ries Bild: Archiv
Als Chris Nicholl zwei bzw. vier Tore schoss

Stimmt es, dass ihr Teamkollege Andy Gray Ihnen nach dem 2:2 persönlich gratuliert hat?

Ach ja, Andy Gray und ich, wir fetzten uns oft auf dem Spielfeld. Wir haben damals eine Art Kampf begonnen, der bis heute andauert. Kürzlich hat er ich wieder zu einem Tennismatch herausgefordert.

Wie haben Sie sich nach dem Spiel gefühlt?

Ein totaler Mix der Emotionen. Wenn wir durch meine Eigentore zweimal eine Führung verschenkt hätten, hätte ich mich wahrscheinlich viel schlechter gefühlt. Aber es war ja Leicester, das beide Male in Führung lag, und ich habe beide Fehler wieder gut gemacht. Das zeugt von großem Sportsgeist!

Mussten Sie viel Spott von ihren Mannschaftskollegen über sich ergehen lassen?


Der Spruch mit dem »Guinness Buch der Rekorde« war schon ein echter Klassiker. Ansonsten hielt es sich in Grenzen. Die meisten Spieler sahen das ganz locker. Immerhin hatten zwei meiner Tore das Unentschieden gerettet. In gewisser Weise war ich ein Held, ein Retter der verlorenen Punkte. Hätte man uns vor dem Spiel gesagt, dass wir in Leicester ein Unentschieden holen würden, wären alle damit zufrieden gewesen. Das hat mich wohl gerettet. Sagen Sie mal, dieser deutscher Spieler, der zwei Eigen- und ein richtiges Tor in einem Spiel gemacht hat, wie war sein Name?

Sie meinen Peter Kaack von Eintracht Braunschweig?

Genau! Hat sein Team gewonnen oder verloren?

Das war etwas komplizierter. Das Hinspiel gegen Turin hat Braunschweig noch mit 3:2 gewonnen. Im Rückspiel haben sie dann 0:1 verloren und sind im Wiederholungsspiel ausgeschieden.


Sehen Sie, seine Situation war mit Sicherheit schwieriger zu verkraften als meine.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie das Spiel verarbeitet hatten?


Ich hatte überhaupt keine Probleme damit. Es ist wie auf dem Golfplatz: Wenn dir ein Fehler passiert, musst du versuchen, ihn abzuhaken, und einfach weiter spielen. Wenn das schlechte Gewissen die Kontrolle übernimmt, steckst du sofort in Schwierigkeiten. Ich war damals erst 25 Jahre alt, das kann man als Ausrede gelten lassen. Die Verarbeitung meiner Fehler war eine wertvolle Erziehung. Die Erfahrung hat doch gezeigt, dass kein Eigentor allein ein Spiel entscheidet. Es war sehr wichtig für mich, auf hohem Niveau weiter zu spielen und schlussendlich sogar noch den Ausgleich zu erzielen. Sie sagten, dass bei meinem vierten Treffer noch fünf Minuten zu spielen war? Das zeigt doch, dass man viel Geduld und Kämpferherz braucht. Wir hatten ein starkes Team damals bei Aston Villa, und ich bin stolz, später Kapitän dieser Mannschaft gewesen zu sein.

Haben die Ereignisse von Leicester den Fortgang Ihrer Karriere beeinflusst?


Das Spiel gegen Leicester ist in die Geschichte eingegangen. Es waren meine Tore, an die sich jeder erinnern kann. Meine Name wird immer wieder mit diesem Spiel verbunden. Immer wenn ich heute einen Fehler mache, erinnere ich mich an meine vier Tore in Leicester. Ich weiß nicht, ob das Spiel meine Karriere als Spieler verändert hat. Jedenfalls habe ich danach länger als geplant bei Aston Villa gespielt, insgesamt sechs Jahre, und durfte als Kapitän die Mannschaft zum Sieg im Ligapokal und in den Europacup führen. Es war eine große Zeit. Unser Manager war ein strenger, harter Mann, aber er hat mich damals nicht verantwortlich gemacht. Ich glaube, er war auch froh über das Unentschieden.

Überwiegt heute der Stolz oder die Scham?

Ich bin mehr stolz, als dass ich mich schäme, definitiv. Die Reihenfolge, in der die Tore gefallen sind, sagt viel über mich und mein Team aus. Es war ein Beweis unseres Charakter und unserer Persönlichkeit, und kein Beweis unserer Schande.

Aber gewonnen haben Sie trotzdem nicht!

Wissen Sie, einer meiner besten Freunde zu dieser Zeit war Ray Graydon. Kennen Sie Ray?

Nein.

Ray spielte bei Aston Villa auf dem rechten Flügel und war bekannt für seine Hattricks. Insgesamt schaffte er es, fünf Mal einen Hattrick zu erzielen und jedes Mal bekam er dafür den Spielball geschenkt. Ab und zu lud er mich in sein Haus auf eine Tasse Tee ein und führte mich zu seinem Kamin, wo all diese Bälle fein säuberlich aufgereiht auf dem Sims lagen. Dann begann Ray von ihnen zu erzählen. Er zeigte auf die einzelnen Trophäen und sagte Dinge wie »Schau mal, Chris, mit diesem Ball habe ich 1973 drei Tore gegen Manchester United geschossen.«

Und Sie wurden blass vor Neid...

Ich war Verteidiger! Verstehen Sie? Die Chancen, dass ich einmal einen Hattrick erzielen würde, waren verschwindend gering. Sie können sich nicht vorstellen, wie neidisch ich auf Ray war. Das erste, was ich nach dem Schlusspfiff in Leicester tat, war der Gang zum Schiedsrichter. Ich wollte den Ball haben, mit dem ich vier Tore erzielt hatte.

Haben Sie ihn bekommen?

Nein, es war das letzte Spiel des Schiedsrichters, er wollte ihn für sich selbst behalten.

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