Als Chris Nicholl zwei bzw. vier Tore schoss

»Nicht schon wieder ich!«

1976, Aston Villa tritt in Leicester an. In diesem Spiel widerfährt Villas Verteidiger Chris Nicholl Historisches: Er erzielt vier Treffer, zwei davon ins eigene Netz. Wir sprachen mit Nicholl, einem Original britischer Prägung. Als Chris Nicholl zwei bzw. vier Tore schossArchiv

Chris Nicholl, wie fühlt es sich an, vier Tore in einem Spiel zu erzielen und trotzdem nicht zu gewinnen?

Sehr interessant, würde ich sagen. Wir hatten gegen Leicester City ein Unentschieden erkämpft – und das auswärts. Das war schon mal nicht schlecht! Nach dem Schlusspfiff erschien unser Teammanager recht gut gelaunt in der Kabine. Was mich betraf, ich wusste nicht so recht, was mich dort erwarten würde. Irgendwie fühlte ich mich als Held, schließlich hatte ich zweimal einen Rückstand aufgeholt.

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Hatten Sie sich vor dem Spiel Chancen auf einen Sieg gegen Leicester ausgerechnet?

Nein. Leicester hatte in diesem Jahr eine sehr starke Mannschaft, zu der auch der junge Gary Lineker zählte. Beide Teams spielten in der Division One, die höchste englische Spielklasse damals.

Wie konnte es dazu kommen, dass Sie nach zehn Minuten das Tor verwechselten?

Es lag an den chaotischen Zuständen in unserem Strafraum, es herrschte ein unüberschaubares Gewühl direkt vor unserem Torwart. Ich stand am Eck des Fünfmeterraums und versuchte, den Ball weg zu schlagen. Aber statt zu klären, traf ich ins eigene Netz. Sehr enttäuschend!

Auch ihr Keeper schien nicht den besten Tag erwischt zu haben.

Ach, das war ein Typ namens John. Er war ein kleiner, aber sehr kräftiger Keeper, mit einem gewissen Hang zur Akrobatik. Ich habe immer behauptet, dass es einfach sei, ihn zu überwinden, und genau das habe ich diesem Tag bewiesen.

Ach, das war also Absicht?


Nein, bei Weitem nicht! (lacht)

War es das erste Eigentor in Ihrer Karriere?


Ich glaube nicht, ich war ja schon 25. Als Verteidiger war ich nun mal dazu berufen, gefährliche Situationen zu entschärfen. Manchmal wurden solche Bälle abgefälscht und landeten im eigenen Netz. In diesem Fall hatte mein Eigentor sogar etwas Gutes: Ich wollte nach vorne stürmen und meinen Fehler wieder gut machen.

Kurz vor der Halbzeit ist Ihnen genau das gelungen. Eine große Genugtuung?


Das können Sie sich vorstellen! Es war kein Kopfballtor, was ungewöhnlich für mich war, denn normalerweise habe ich immer per Kopf getroffen. Ich hatte den Ruf weg, bei Standardsituationen mit nach vorne zu gehen und Tore zu machen, also habe ich mein Glück versucht. Besonderes schön oder clever waren meine Tore nie, auch dieses nicht. Ich habe aus zehn Metern einfach draufgehalten, der Ball ging direkt in die untere Ecke.

Und schon hatten Sie ihren Fehler wieder gut gemacht. Eigentlich konnten Sie zur Halbzeit stolz auf sich sein.

Stimmt. Mit diesem Zwischenergebnis konnten wir zufrieden sein. Es war ein spannendes Spiel und das 1:1 kein Desaster für uns. Keine Ahnung, was mein Coach in der Halbzeitpause zu mir sagte. Wahrscheinlich etwas wie »mach mal langsam, Junge.« Das Spiel war ja noch nicht entschieden, wir wussten, dass es auf die zweite Halbzeit ankommt. Als die Mannschaften aufs Spielfeld zurückkehrten war ich noch relativ entspannt.

Zwanzig Minuten später schlugen Sie erneut zu, 2:1 für Leicester, ihr zweites Eigentor in diesem Spiel. War es wenigstens ein schöner Treffer?


Glauben Sie mir, dieses zweite Eigentor für Leicester war das schönste meiner ganzen Karriere. Als die Flanke rein kam, dachte ich, hinter mir steht noch einer, hau ihn lieber weg. Noch heute sehe ich das Bild vor mir, wie ich sechs Fuß über dem Boden horizontal in der Luft schwebe und einnicke. Ein perfekter Flugkopfball direkt ins obere Eck, unser Torwart hatte nicht den Hauch einer Chance. Definitiv das schönste Tor meiner Karriere. Leider ins falsche Tor.

Man könnte meinen, wie der frühe Alan Shearer...

(lacht) Ja, in diesem Moment war ich Shearer sicher sehr ähnlich. Als Manager des FC Southampton habe ich Alan übrigens persönlich unter Vertrag genommen. Ein Talent im Erkennen eines guten Stürmers scheint mir also angeboren.

Was war Ihr erster Gedanke?

Ich dachte nur: Nicht schon wieder ich! Obwohl, sonderlich niedergeschlagen war ich eigentlich nicht. Irgendwie musste das Spiel ja weitergehen.

Wie haben die Fans auf ihr abermaliges Missgeschick reagiert?


Sagen wir mal, Sie waren nicht gerade begeistert. Aber böse Worte fielen keine, außer vielleicht aus der Leicester-Kurve. Ich glaube da haben einige Fans gelacht.

Immerhin haben Sie noch ein viertes Mal zugeschlagen. Man sagt, Ihr Ausgleichstreffer zum 2:2-Endstand war einer der schönsten in der Geschichte von Aston Villa. Stimmt das?

(lacht) Nein, das stimmt ganz sicher nicht. Mein schönstes Tor habe ich im Ligapokal-Finale gegen Everton erzielt, ein Flachschuss aus dreißig Metern. Dank mir haben wir damals den Titel gewonnen. Aber an dieses vierte Tor in Leicester habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr. Ich gehe davon aus, es war ein Kopfball. Oder doch ein Flachschuss? Keine Ahnung! Aus irgendwelchen Gründen ist dieser Teil des Spiels vollkommen aus meinem Gedächtnis verschwunden.

Sie vergessen ausgerechnet den glücklichsten Moment des ganzen Spiels?

Ja. Ist das nicht verrückt? An alle Tore kann ich mich erinnern, aber nicht an dieses vierte. Wie lange war da noch zu spielen?

Fünf Minuten, glaube ich.

Sehen Sie, da wissen Sie mehr als ich. Offensichtlich hat mein Gehirn im Laufe der Zeit die Erinnerung an dieses vierte Tor vollständig verdrängt. Ich habe auch nie irgendwelche Videos oder Bilder davon gesehen. Dreißig Jahre später verbinden die Leute meinen Namen immer noch mit diesen vier Treffern in Leicester. Und ich habe einen davon offensichtlich vergessen.


Stimmt es, dass ihr Teamkollege Andy Gray Ihnen nach dem 2:2 persönlich gratuliert hat?

Ach ja, Andy Gray und ich, wir fetzten uns oft auf dem Spielfeld. Wir haben damals eine Art Kampf begonnen, der bis heute andauert. Kürzlich hat er ich wieder zu einem Tennismatch herausgefordert.

Wie haben Sie sich nach dem Spiel gefühlt?

Ein totaler Mix der Emotionen. Wenn wir durch meine Eigentore zweimal eine Führung verschenkt hätten, hätte ich mich wahrscheinlich viel schlechter gefühlt. Aber es war ja Leicester, das beide Male in Führung lag, und ich habe beide Fehler wieder gut gemacht. Das zeugt von großem Sportsgeist!

Mussten Sie viel Spott von ihren Mannschaftskollegen über sich ergehen lassen?


Der Spruch mit dem »Guinness Buch der Rekorde« war schon ein echter Klassiker. Ansonsten hielt es sich in Grenzen. Die meisten Spieler sahen das ganz locker. Immerhin hatten zwei meiner Tore das Unentschieden gerettet. In gewisser Weise war ich ein Held, ein Retter der verlorenen Punkte. Hätte man uns vor dem Spiel gesagt, dass wir in Leicester ein Unentschieden holen würden, wären alle damit zufrieden gewesen. Das hat mich wohl gerettet. Sagen Sie mal, dieser deutscher Spieler, der zwei Eigen- und ein richtiges Tor in einem Spiel gemacht hat, wie war sein Name?

Sie meinen Peter Kaack von Eintracht Braunschweig?

Genau! Hat sein Team gewonnen oder verloren?

Das war etwas komplizierter. Das Hinspiel gegen Turin hat Braunschweig noch mit 3:2 gewonnen. Im Rückspiel haben sie dann 0:1 verloren und sind im Wiederholungsspiel ausgeschieden.


Sehen Sie, seine Situation war mit Sicherheit schwieriger zu verkraften als meine.

Wie lange haben Sie gebraucht, bis Sie das Spiel verarbeitet hatten?


Ich hatte überhaupt keine Probleme damit. Es ist wie auf dem Golfplatz: Wenn dir ein Fehler passiert, musst du versuchen, ihn abzuhaken, und einfach weiter spielen. Wenn das schlechte Gewissen die Kontrolle übernimmt, steckst du sofort in Schwierigkeiten. Ich war damals erst 25 Jahre alt, das kann man als Ausrede gelten lassen. Die Verarbeitung meiner Fehler war eine wertvolle Erziehung. Die Erfahrung hat doch gezeigt, dass kein Eigentor allein ein Spiel entscheidet. Es war sehr wichtig für mich, auf hohem Niveau weiter zu spielen und schlussendlich sogar noch den Ausgleich zu erzielen. Sie sagten, dass bei meinem vierten Treffer noch fünf Minuten zu spielen war? Das zeigt doch, dass man viel Geduld und Kämpferherz braucht. Wir hatten ein starkes Team damals bei Aston Villa, und ich bin stolz, später Kapitän dieser Mannschaft gewesen zu sein.

Haben die Ereignisse von Leicester den Fortgang Ihrer Karriere beeinflusst?


Das Spiel gegen Leicester ist in die Geschichte eingegangen. Es waren meine Tore, an die sich jeder erinnern kann. Meine Name wird immer wieder mit diesem Spiel verbunden. Immer wenn ich heute einen Fehler mache, erinnere ich mich an meine vier Tore in Leicester. Ich weiß nicht, ob das Spiel meine Karriere als Spieler verändert hat. Jedenfalls habe ich danach länger als geplant bei Aston Villa gespielt, insgesamt sechs Jahre, und durfte als Kapitän die Mannschaft zum Sieg im Ligapokal und in den Europacup führen. Es war eine große Zeit. Unser Manager war ein strenger, harter Mann, aber er hat mich damals nicht verantwortlich gemacht. Ich glaube, er war auch froh über das Unentschieden.

Überwiegt heute der Stolz oder die Scham?

Ich bin mehr stolz, als dass ich mich schäme, definitiv. Die Reihenfolge, in der die Tore gefallen sind, sagt viel über mich und mein Team aus. Es war ein Beweis unseres Charakter und unserer Persönlichkeit, und kein Beweis unserer Schande.

Aber gewonnen haben Sie trotzdem nicht!

Wissen Sie, einer meiner besten Freunde zu dieser Zeit war Ray Graydon. Kennen Sie Ray?

Nein.

Ray spielte bei Aston Villa auf dem rechten Flügel und war bekannt für seine Hattricks. Insgesamt schaffte er es, fünf Mal einen Hattrick zu erzielen und jedes Mal bekam er dafür den Spielball geschenkt. Ab und zu lud er mich in sein Haus auf eine Tasse Tee ein und führte mich zu seinem Kamin, wo all diese Bälle fein säuberlich aufgereiht auf dem Sims lagen. Dann begann Ray von ihnen zu erzählen. Er zeigte auf die einzelnen Trophäen und sagte Dinge wie »Schau mal, Chris, mit diesem Ball habe ich 1973 drei Tore gegen Manchester United geschossen.«

Und Sie wurden blass vor Neid...

Ich war Verteidiger! Verstehen Sie? Die Chancen, dass ich einmal einen Hattrick erzielen würde, waren verschwindend gering. Sie können sich nicht vorstellen, wie neidisch ich auf Ray war. Das erste, was ich nach dem Schlusspfiff in Leicester tat, war der Gang zum Schiedsrichter. Ich wollte den Ball haben, mit dem ich vier Tore erzielt hatte.

Haben Sie ihn bekommen?

Nein, es war das letzte Spiel des Schiedsrichters, er wollte ihn für sich selbst behalten.

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