04.06.2014

Alles Gute zum 60. Geburtstag, Herr Gerland

»Jeder kann Hermann zu mir sagen«

Bayerns Co-Trainer Hermann Gerland wird heute 60 Jahre alt. Zu Feier des Tages lest ihr hier das Interview aus dem 11FREUNDE SPEZIAL »Rivalen an der Ruhr«. Bochum, ich komm’ aus dir: Gerland über die Liebe zu seiner Heimat, Ommas Nagelbürste und sein Münchner Exil.

Interview: Fabian Jonas Bild: Imago

Hermann Gerland, singen Sie mit, wenn im Autoradio »Bochum« von Herbert Grönemeyer läuft?
Manchmal. Vor allem freue ich mich, wenn ich das Lied höre.

Woran denken Sie, wenn Sie an Heimat denken?
Zuerst an mein Elternhaus, an die Familie und an Kollegen, mit denen ich aufgewachsen bin. Und an den VfL Bochum, zu dem ich immer noch engen Kontakt habe, hauptsächlich über die beiden Sekretärinnen, die ich von früher kenne.

Haben Sie dann Bilder vom Stadion im Kopf?
Auch, eher aber noch von der Eisdiele Faghera, an der man auf dem Weg zum Stadion vorbeikam. Das war der Treffpunkt aller Bochumer Spieler. Hat aber leider vor zwei Jahren zugemacht.

Und die Königsallee, auf der, wie Grönemeyer singt, keine Modenschauen stattfinden?
Es sind weniger die Gebäude und Straßen selbst, die ich dann im Kopf habe, sondern die Erinnerungen, die ich an sie habe: an die Sportplätze, den Kinderspielplatz und an Weitmar 09, den Verein im Viertel, in dem ich aufgewachsen bin.

Bei Grönemeyer heißt es auch: »Tief im Westen ist es viel besser, als man glaubt.« Was glauben die Leute denn Ihrer Erfahrung nach, wie es da ist?
Wenn ich mich mit Manuel Neuer und Tapa (Toni Tapalovic, Torwarttrainer des FC Bayern, d. Red.) über den Pott unterhalte, grinsen die anderen und versuchen, uns zu provozieren: »Da will ich nicht tot überm Zaun hängen!« Die verstehen nicht, dass wir davon schwärmen, wo wir aufgewachsen sind, und denken, da ist immer noch alles voller Ruß.

Ist das denn ein Irrglaube?
Natürlich sind der Starnberger See und der Chiemsee schöner als der Kemnader See, und die Isar ist sauberer als die Ruhr, aber mir gefällt es da trotzdem, mir hat das gereicht. Ich kenne da jeden Fleck, ich weiß, wo ich lang muss, und wenn mal ein Stau kommt, weiß ich, wie ich den umfahren kann.

Schöne Umschreibung von Heimat! Was fällt Ihnen noch ein?
m wichtigsten sind natürlich die Menschen. Ich habe heute noch Kontakt zu den Leuten, mit denen ich zur Schule gegangen oder zur Arbeit in der Bank gefahren bin, in der ich eine Lehre gemacht habe. Als ich an Weihnachten zu Hause in Bochum war, habe ich drei Stunden in der Metzgerei Willie Drees an der Castroper Straße gesessen und mir angeschaut, wie nett der Seniorchef ist. Der ist 75 Jahre alt, Jahreskartenbesitzer vom BVB – wenn ich sehe, wie der mit seinen Kunden umgeht und wie die ihn begrüßen: Das ist einfach schön.

Fehlt Ihnen das anderswo?
Ach, da muss man vorsichtig sein, mir fehlt in München ja nichts. Ich stelle einfach nur fest, dass da eine Metzgerei ist, die wahrscheinlich auch teurer ist als der nächste Supermarkt, und trotzdem gehen die Leute da hin, werden erkannt und begrüßt. Das ist ein herzliches Verhältnis, man nimmt sich Zeit für ein Gespräch. Dabei ist ansonsten im Pott ja alles viel hektischer.

Woran bemerken Sie das?
Als ich 1988 von Bochum nach Nürnberg kam, ist mir sofort aufgefallen, dass dort niemand der Straßenbahn hinterherrennt. Die Leute sagen sich: Dann nehm’ ich halt die nächste. Bei uns im Pott hingegen: Nein! Die Straßenbahn! Schnell!     

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Es ist hektischer da oben. Vielleicht wegen des Strukturwandels. Die Schlegel-Brauerei, Nokia, Opel, das ist alles nach und nach weggefallen oder wird es. Umso bemerkenswerter ist, was dort immer wieder geleistet wird.

Wie sind Sie aufgewachsen?
In einer Bergarbeitersiedlung. Mein Vater ist Bergmann geworden, weil er eine Wohnung benötigte. Wir sind vier Geschwister, ich bin der Älteste. Als mein Vater 1964 mit 39 Jahren gestorben ist, war ich neun und mein jüngster Bruder zwei.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden