07.10.2007

Ali Günes im Interview

»Man sollte auf die Frisur achten«

Freiburg – Istanbul – Freiburg: Nach sieben Jahren in der Türkei ist Ali Günes zurück im Breisgau. Wir sprachen mit ihm über die Gratwanderungen zwischen den Kulturen, Heimweh, Fernweh, türkischen Familiensinn und deutsche Schokolade.

Interview: Johannes Scharnbeck Bild: imago
Was fiel Ihnen nach dem Wechsel am Schwersten?

Ich bin damals zum ersten Mal von zu Hause weggegangen und dann sofort in eine Metropole mit 15 Millionen Einwohnern gekommen. Ich kannte dort niemanden, und obwohl es mein eigenes Land war, hatte ich bis dahin kaum Erfahrungen dort gemacht. Ich hatte anfangs Heimweh, alles erschien mir zu groß, zu eng beieinander. Das war eine schwere Zeit für mich. Nach zwei, drei Monaten wurde es dann besser.

Wie das?

Meine Mutter hat mich oft besucht, und ich habe mich schnell integrieren können. Ganz wichtig dafür war, dass ich es schnell in die erste Elf geschafft habe und oft spielen konnte. Dadurch konnte ich meine Eingewöhnungsprobleme in den Hintergrund schieben. Dennoch habe ich mir immer gesagt: „Du spielst hier zwei Jahre und ziehst das durch, und danach gehst du wieder zurück nach Deutschland.“ Aus den zwei Jahren wurden dann sieben.

Dann kann es so schlecht nicht gewesen sein.

Im Gegenteil, es war sehr schön. Ich hatte eine sehr gute Zeit in Istanbul, in der ich sportlich sehr viel erreicht habe. Ich habe dort viele Freunde gewonnen, in einem tollen Umfeld gelebt, in dem mir das Fußballspielen sehr viel Spaß gemacht hat. Aber im letzten Jahr ist der mir ein wenig abhanden gekommen.

Warum?

Wegen des riesigen Presserummels. Und die Emotionen der Fans waren mir dann fast schon ein bisschen zu viel. Dort stehst du immer unter einem riesigen Druck; wir hatten mit Fenerbahce einmal eine Serie von sieben Siegen in Folge, im achten Spiel haben wir auswärts nur ein Unentschieden erreicht und schon war die Hölle los. Da habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Man darf sich doch auch mal einen Patzer erlauben – dachte ich. Aber so war es eben nicht.

Robert Enke hat es in der Türkei nicht ausgehalten.

Beim Robert war es so, dass er nur ein Spiel gemacht hat, das wir zu Hause verloren haben. Das ist für ihn natürlich sehr schwer gewesen. Ich habe es länger ausgehalten, aber bei Robert war der Druck auch viel größer als bei mir. Die Erwartungshaltung war riesig, weil er aus Barcelona kam, und im ersten Spiel sind ihm gleich zwei Fehler unterlaufen. Und die Fans in der Türkei sind viel fanatischer als in Deutschland.

Hatten Sie nach Ihrem Wechsel denn auch Probleme, die mit den kulturellen Unterschieden zwischen der Türkei und Deutschland zusammenhängen?

Nein, ich persönlich nicht. Ich habe ja von klein auf von meinen Eltern gelernt, auf welche Dinge in der Türkei Wert gelegt wird. Aber ich hatte Freunde, die mit Problemen zu kämpfen hatten und sich umstellen mussten. Man kann sich in der Türkei eben nicht immer so verhalten, wie man sich in Deutschland verhält.

Auf was muss man achten?

Es sind vor allem Kleinigkeiten, auf die ältere Türken sehr viel Wert legen, die aber die junge Generation gar nicht mehr unbedingt versteht. Es handelt sich um die Dinge, die ich Ihnen schon beschrieben habe – dass man ordentlich sitzt, wenn ältere Personen im Raum sind und dass man aufsteht, wenn sie ihn betreten. Man sollte auch auf seine Frisur achten und nicht unbedingt wie ein Punk aussehen, wenn man in die Türkei geht. Ohrringe oder Piercings können auch problematisch sein. Wie gesagt: eigentlich Kleinigkeiten, aber man sollte darauf achten. In Istanbul geht es aber natürlich liberaler zu als beispielsweise in Mittelanatolien oder in der Osttürkei.

Aber was hat man denn gegen Ohrringe?

Türken legen großen Wert auf kleine Dinge. Selbst mir fällt es manchmal schwer, diese Dinge wirklich nachzuvollziehen. Aber für manche Türken wirken zum Beispiel Ohrringe respektlos.

Respekt ist in der Türkei also wichtiger als in Deutschland?

Respekt steht in der Türkei an erster Stelle. Wenn man als Spieler in die Türkei geht, reden die Leute nie davon, dass du ein guter Spieler bist. Sie sagen vielleicht, du bist ein guter Junge. Dein Charakter ist ihnen viel wichtiger als deine Fähigkeiten.

Welche Charaktereigenschaften sind denn – abgesehen vom respektvollen Verhalten - besonders wichtig?

Ich denke, dass der Respekt vor dem Gegenüber alle anderen Dinge, auf die man achten muss, mit sich bringt.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden