Ali Günes im Interview

»Man sollte auf die Frisur achten«

Freiburg – Istanbul – Freiburg: Nach sieben Jahren in der Türkei ist Ali Günes zurück im Breisgau. Wir sprachen mit ihm über die Gratwanderungen zwischen den Kulturen, Heimweh, Fernweh, türkischen Familiensinn und deutsche Schokolade. imago
Heft #71 10 / 2007
Heft: #
71

Herr Günes, haben sie auf Deutschlands Fußballplätzen negative Erfahrungen aufgrund Ihrer Abstammung gemacht?

Bis jetzt noch nicht. Ich finde auch, dass sich das in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern in Grenzen hält. Freunde von mir, die im Ausland spielen, berichten, dass es dort schwieriger ist.

[ad]

Und in der Türkei? Gab es dort Probleme, weil man Sie als Deutschen angesehen hat?

Absolut nicht! Ich kann natürlich nur aus meiner Erfahrung berichten, und die Klubs (Fenerbahce und Besiktas Istanbul, d. Red.), für die ich gespielt habe, hatten viele Ausländer unter Vertrag. Man hat sich dort sehr um sie bemüht und alles dafür getan, dass sie sich wohlfühlen.

Manche Deutsch-Türken, die von hier in die Türkei gewechselt sind, berichten von dem Vorwurf, sie würden den Türken die Arbeitsplätze wegnehmen.

Ich habe so etwas nie erlebt und höre das jetzt auch zum ersten Mal.

Wie oft hören Sie eigentlich die Frage, ob sie sich als Deutscher oder als Türke fühlen?

Sehr oft. Und die Antwort ist einfach: Ich fühle mich als Türke, und ich verhalte mich wie ein Türke. Ich sehe bei Deutschen und Türken durchaus kulturelle Unterschiede.

Welche sind das?

Bei uns hat die Familie zum Beispiel einen stärkeren Zusammenhalt. Das ist eine Sache der Tradition: Schon meine Großeltern haben auf die Dinge geachtet, auf die auch ich heute noch achte. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele: Wenn der Vater nach Hause kommt, setzt man sich aufrecht hin und fläzt sich nicht auf dem Sofa herum. Ich würde auch nie im Unterhemd rumsitzen, wenn mein Vater im Haus ist. Da ist man ordentlich angezogen. Wenn die Eltern reden, ist man zunächst mal ruhig. Das sind vielleicht kleine Dinge, die Deutsche oft nicht verstehen können und vielleicht für Schwachsinn halten. Aber es sind Dinge, die für uns sehr wichtig sind.

Was war Ihr Traum als Jugendlicher: die höchste Spielklasse Deutschlands oder der Türkei?

Ich war bereits als Kind Fan von Fenerbahce Istanbul, und es ist immer mein großer Traum gewesen, bei einem der großen türkischen Vereine zu spielen. Und es ist auch etwas sehr Besonderes gewesen, für einen Klub in meinem eigenen Land aufzulaufen. Aber mein größtes Ziel war es, überhaupt Profi zu werden.

Das heißt, dass sich für Sie nie die Frage gestellt hat, für welche Nationamannschaft Sie spielen möchten?

Die Frage hat sich in der Tat nie gestellt. Ich habe türkische Eltern und türkische Verwandte. Von daher war immer klar, dass ich auch für die Türkei Fußball spielen möchte.

Welchen Stellenwert hat das Verhältnis zur Familie in der Türkei?

Ich habe viele deutsche Freunde, und so habe ich mitbekommen, welches Verhältnis sie zu ihrer Familie haben - und das ist sicher kein schlechtes, aber doch ein anderes. Während meiner Zeit in der Türkei habe ich etwa jeden Tag mit meinem Vater telefoniert. Ich denke, dass wir ein engeres Verhältnis zu unseren Familien pflegen, als das in Deutschland der Fall ist.

Beschreiben Sie das bitte ein bisschen genauer.

Bei uns geht man zum Beispiel nicht von zu Hause weg, wenn man 18 geworden ist. So lange man nicht geheiratet hat, bleibt man normalerweise bei den Eltern.

Wie kam es dann zu Ihrem Wechsel von Freiburg zu Fenerbahce Istanbul?

Ich war 20 und hatte Lust, etwas Neues auszuprobieren – auch wenn ich Freiburg sehr gemocht habe. Ich wusste einfach, dass ich diesen Schritt jetzt machen muss, wenn ich schon so ein gutes Angebot bekomme. Es hat einfach alles gepasst. Dazu kam, dass ich in Freiburg zu der Zeit ein paar Probleme hatte.

Was waren das für Probleme?

Da möchte ich nicht ins Detail gehen, das ist so lange her. Auf jeden Fall hatte ich keinen wirklichen Spaß mehr am Fußball.

Wäre auch ein anderes Angebot für Sie in Frage gekommen?

Ich hatte auch Angebote aus der Bundesliga und aus Griechenland, aber eigentlich kam das für mich nicht in Frage. Fenerbahce war der Lieblingsverein meiner ganzen Familie, insofern war es klar, dass ich nur dorthin wechseln würde.

Was fiel Ihnen nach dem Wechsel am Schwersten?

Ich bin damals zum ersten Mal von zu Hause weggegangen und dann sofort in eine Metropole mit 15 Millionen Einwohnern gekommen. Ich kannte dort niemanden, und obwohl es mein eigenes Land war, hatte ich bis dahin kaum Erfahrungen dort gemacht. Ich hatte anfangs Heimweh, alles erschien mir zu groß, zu eng beieinander. Das war eine schwere Zeit für mich. Nach zwei, drei Monaten wurde es dann besser.

Wie das?

Meine Mutter hat mich oft besucht, und ich habe mich schnell integrieren können. Ganz wichtig dafür war, dass ich es schnell in die erste Elf geschafft habe und oft spielen konnte. Dadurch konnte ich meine Eingewöhnungsprobleme in den Hintergrund schieben. Dennoch habe ich mir immer gesagt: „Du spielst hier zwei Jahre und ziehst das durch, und danach gehst du wieder zurück nach Deutschland.“ Aus den zwei Jahren wurden dann sieben.

Dann kann es so schlecht nicht gewesen sein.

Im Gegenteil, es war sehr schön. Ich hatte eine sehr gute Zeit in Istanbul, in der ich sportlich sehr viel erreicht habe. Ich habe dort viele Freunde gewonnen, in einem tollen Umfeld gelebt, in dem mir das Fußballspielen sehr viel Spaß gemacht hat. Aber im letzten Jahr ist der mir ein wenig abhanden gekommen.

Warum?

Wegen des riesigen Presserummels. Und die Emotionen der Fans waren mir dann fast schon ein bisschen zu viel. Dort stehst du immer unter einem riesigen Druck; wir hatten mit Fenerbahce einmal eine Serie von sieben Siegen in Folge, im achten Spiel haben wir auswärts nur ein Unentschieden erreicht und schon war die Hölle los. Da habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Man darf sich doch auch mal einen Patzer erlauben – dachte ich. Aber so war es eben nicht.

Robert Enke hat es in der Türkei nicht ausgehalten.

Beim Robert war es so, dass er nur ein Spiel gemacht hat, das wir zu Hause verloren haben. Das ist für ihn natürlich sehr schwer gewesen. Ich habe es länger ausgehalten, aber bei Robert war der Druck auch viel größer als bei mir. Die Erwartungshaltung war riesig, weil er aus Barcelona kam, und im ersten Spiel sind ihm gleich zwei Fehler unterlaufen. Und die Fans in der Türkei sind viel fanatischer als in Deutschland.

Hatten Sie nach Ihrem Wechsel denn auch Probleme, die mit den kulturellen Unterschieden zwischen der Türkei und Deutschland zusammenhängen?

Nein, ich persönlich nicht. Ich habe ja von klein auf von meinen Eltern gelernt, auf welche Dinge in der Türkei Wert gelegt wird. Aber ich hatte Freunde, die mit Problemen zu kämpfen hatten und sich umstellen mussten. Man kann sich in der Türkei eben nicht immer so verhalten, wie man sich in Deutschland verhält.

Auf was muss man achten?

Es sind vor allem Kleinigkeiten, auf die ältere Türken sehr viel Wert legen, die aber die junge Generation gar nicht mehr unbedingt versteht. Es handelt sich um die Dinge, die ich Ihnen schon beschrieben habe – dass man ordentlich sitzt, wenn ältere Personen im Raum sind und dass man aufsteht, wenn sie ihn betreten. Man sollte auch auf seine Frisur achten und nicht unbedingt wie ein Punk aussehen, wenn man in die Türkei geht. Ohrringe oder Piercings können auch problematisch sein. Wie gesagt: eigentlich Kleinigkeiten, aber man sollte darauf achten. In Istanbul geht es aber natürlich liberaler zu als beispielsweise in Mittelanatolien oder in der Osttürkei.

Aber was hat man denn gegen Ohrringe?

Türken legen großen Wert auf kleine Dinge. Selbst mir fällt es manchmal schwer, diese Dinge wirklich nachzuvollziehen. Aber für manche Türken wirken zum Beispiel Ohrringe respektlos.

Respekt ist in der Türkei also wichtiger als in Deutschland?

Respekt steht in der Türkei an erster Stelle. Wenn man als Spieler in die Türkei geht, reden die Leute nie davon, dass du ein guter Spieler bist. Sie sagen vielleicht, du bist ein guter Junge. Dein Charakter ist ihnen viel wichtiger als deine Fähigkeiten.

Welche Charaktereigenschaften sind denn – abgesehen vom respektvollen Verhalten - besonders wichtig?

Ich denke, dass der Respekt vor dem Gegenüber alle anderen Dinge, auf die man achten muss, mit sich bringt.

Gibt es generelle Unterschiede, wie eine Mannschaft funktioniert?

In der Türkei versucht man, mehr Wert auf Disziplin und Pünktlichkeit zu legen, aber es klappt leider noch nicht so, wie in Deutschland.

Wie äußert sich das?

Ich sage es mal so: Ab und an wird einfach ein Auge zugedrückt. In der Vorbereitung wird zwar immer gesagt, dass großer Wert auf die Disziplin gelegt wird, aber wenn es dann tatsächlich zu Unpünktlichkeiten kommt, wird eher mal darüber hinweggesehen. Man denkt, dass eine Disziplinarmaßnahme den Spieler verletzen könnte, so dass er nicht mehr seine volle Leistungskraft abrufen kann. Man versucht dann, sensibel mit ihm umzugehen, aber das ist meiner Meinung nach oft ein Fehler. Denn wenn man in der Türkei ein bisschen locker lässt, wird das schnell ausgenutzt. Die Vorsätze sind also da, aber im Laufe der Saison lässt man es dann wieder ein bisschen schleifen.

Gibt es auch Unterschiede in der Mannschaftshierarchie?

Generell sind die älteren Spieler die Wortführer. Sie haben meistens das Sagen. Wobei nicht nur das Alter zählt, sondern auch, wie lange man schon im Verein ist.

Das hat dann wieder mit Respekt zu tun.

Genau. Nach drei Jahren bei Besiktas war ich einer der dienstältesten Spieler. Ich habe dann ein Einzelzimmer bekommen. Und meine Meinung ist wichtiger geworden.

Man muss sich den Respekt also erarbeiten und es spielt kaum eine Rolle, welche Erfolge man vorher hatte?

Genau so ist es.

Stimmt es, dass sich die Mannschaftskameraden mit „großer Bruder“ ansprechen?

Ja, die jüngeren sagen zu den älteren Spieler „abi“, das bedeutet großer Bruder. Das ist wieder eine Sache des Respekts. Wenn unter den Duschen kein Platz ist, gehen die jüngeren Spieler kurz vor die Tür, um die älteren vorzulassen. Auch bei den Massagen oder der Teamkleidung haben die Älteren Vorrecht. Dafür haben sie aber immer ein offenes Ohr für die Probleme der Jungen. Ich habe jüngeren Spielern mal Geld gegeben, weil sie es gerade dringend brauchten. So gleicht sich dann alles wieder aus: Die Jungen geben den Alten Respekt, die Alten geben den Jungen Hilfe.

Ist das Verhältnis innerhalb einer türkischen Mannschaft freundschaftlicher als in einer deutschen?

Nein, im Gegenteil. Freundschaftlicher ist es in einer deutschen Mannschaft. Eine türkische Mannschaft dagegen ist wie eine Familie.

Welches sind die gravierendsten Unterschiede zwischen dem Fußball hier und in der Türkei?

Traditionell besteht der deutsche Fußball zu starken Bestandteilen aus Kampf und Laufen, der türkische dagegen lebt mehr von der Technik. Ich finde, dass die Taktik in der Türkei ein wenig vernachlässigt wird. Letztlich sind die Unterschiede allerdings nicht mehr so groß, wie sie einmal waren. Aber die Verhältnisse in Deutschland sind besser, zum Beispiel was die Stadien angeht oder die Trainingsmöglichkeiten, auch gerade für Jugendliche.

Bei Fenerbahce haben Sie unter Christoph Daum trainiert. Wie kam denn der deutsche Trainer bei Ihnen und Ihren Mannschaftskameraden an?

Probleme hat es jedenfalls keine gegeben. Er war ja vorher auch schon bei Besiktas und wußte, worauf er achten muss. Ich habe auch Werner Lorant erlebt, er hat sich ebenfalls sehr schnell integriert. Beide mussten sich natürlich auch ein wenig umstellen.

Haben sie Fehler gemacht?

Nein, falsch gemacht haben sie eigentlich nichts. Aber sie mussten lernen, mit den türkischen Spielern sensibler umzugehen, als sie es aus Deutschland gewohnt waren. Türken legen sehr großen Wert darauf, wie man mit ihnen umgeht – sie mögen es nicht, wenn man sie hart anpackt. Kritik zum Beispiel sollte man an ihnen niemals vor der Mannschaft üben.

Wieder eine Sache des Respekts.

Ja. Ich weiß dank meines Hintergrundes, dass das nichts mit Respektlosigkeit zu tun hat. Der türkische Spieler kann das aber nicht wissen.

Worauf haben Sie sich nach Ihrem Wechsel zurück nach Freiburg am meisten gefreut?

Auf den ruhigen Verkehr. Auf die Fans. Auf meine Familie. Und auf Freiburg selbst. Auf das Stadion, auf die Leute. Ich hatte ja auch andere Angebote, aber an Freiburg hänge ich mit meinem Herzen.

Was vermissen Sie hier?

Dass ich 24 Stunden am Tag irgendwo etwas zu Essen bekommen kann. Gutes Essen, vor allem Fleisch zum selber Grillen oder Fisch.

Was gibt es hier, was es in der Tükei nicht gibt?

(lacht) Schokolade. Die ist hier viel besser.

---------------

Im aktuelle 11FREUNDE-Heft findet Ihr einen Bericht über Deutsch-Türken und ihren Versuch, das Glück in der Heimat ihrer Eltern zu finden.


Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!