07.10.2007

Ali Günes im Interview

»Man sollte auf die Frisur achten«

Freiburg – Istanbul – Freiburg: Nach sieben Jahren in der Türkei ist Ali Günes zurück im Breisgau. Wir sprachen mit ihm über die Gratwanderungen zwischen den Kulturen, Heimweh, Fernweh, türkischen Familiensinn und deutsche Schokolade.

Interview: Johannes Scharnbeck Bild: imago

Herr Günes, haben sie auf Deutschlands Fußballplätzen negative Erfahrungen aufgrund Ihrer Abstammung gemacht?

Bis jetzt noch nicht. Ich finde auch, dass sich das in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern in Grenzen hält. Freunde von mir, die im Ausland spielen, berichten, dass es dort schwieriger ist.



Und in der Türkei? Gab es dort Probleme, weil man Sie als Deutschen angesehen hat?

Absolut nicht! Ich kann natürlich nur aus meiner Erfahrung berichten, und die Klubs (Fenerbahce und Besiktas Istanbul, d. Red.), für die ich gespielt habe, hatten viele Ausländer unter Vertrag. Man hat sich dort sehr um sie bemüht und alles dafür getan, dass sie sich wohlfühlen.

Manche Deutsch-Türken, die von hier in die Türkei gewechselt sind, berichten von dem Vorwurf, sie würden den Türken die Arbeitsplätze wegnehmen.

Ich habe so etwas nie erlebt und höre das jetzt auch zum ersten Mal.

Wie oft hören Sie eigentlich die Frage, ob sie sich als Deutscher oder als Türke fühlen?

Sehr oft. Und die Antwort ist einfach: Ich fühle mich als Türke, und ich verhalte mich wie ein Türke. Ich sehe bei Deutschen und Türken durchaus kulturelle Unterschiede.

Welche sind das?

Bei uns hat die Familie zum Beispiel einen stärkeren Zusammenhalt. Das ist eine Sache der Tradition: Schon meine Großeltern haben auf die Dinge geachtet, auf die auch ich heute noch achte. Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele: Wenn der Vater nach Hause kommt, setzt man sich aufrecht hin und fläzt sich nicht auf dem Sofa herum. Ich würde auch nie im Unterhemd rumsitzen, wenn mein Vater im Haus ist. Da ist man ordentlich angezogen. Wenn die Eltern reden, ist man zunächst mal ruhig. Das sind vielleicht kleine Dinge, die Deutsche oft nicht verstehen können und vielleicht für Schwachsinn halten. Aber es sind Dinge, die für uns sehr wichtig sind.

Was war Ihr Traum als Jugendlicher: die höchste Spielklasse Deutschlands oder der Türkei?

Ich war bereits als Kind Fan von Fenerbahce Istanbul, und es ist immer mein großer Traum gewesen, bei einem der großen türkischen Vereine zu spielen. Und es ist auch etwas sehr Besonderes gewesen, für einen Klub in meinem eigenen Land aufzulaufen. Aber mein größtes Ziel war es, überhaupt Profi zu werden.

Das heißt, dass sich für Sie nie die Frage gestellt hat, für welche Nationamannschaft Sie spielen möchten?

Die Frage hat sich in der Tat nie gestellt. Ich habe türkische Eltern und türkische Verwandte. Von daher war immer klar, dass ich auch für die Türkei Fußball spielen möchte.

Welchen Stellenwert hat das Verhältnis zur Familie in der Türkei?

Ich habe viele deutsche Freunde, und so habe ich mitbekommen, welches Verhältnis sie zu ihrer Familie haben - und das ist sicher kein schlechtes, aber doch ein anderes. Während meiner Zeit in der Türkei habe ich etwa jeden Tag mit meinem Vater telefoniert. Ich denke, dass wir ein engeres Verhältnis zu unseren Familien pflegen, als das in Deutschland der Fall ist.

Beschreiben Sie das bitte ein bisschen genauer.

Bei uns geht man zum Beispiel nicht von zu Hause weg, wenn man 18 geworden ist. So lange man nicht geheiratet hat, bleibt man normalerweise bei den Eltern.

Wie kam es dann zu Ihrem Wechsel von Freiburg zu Fenerbahce Istanbul?

Ich war 20 und hatte Lust, etwas Neues auszuprobieren – auch wenn ich Freiburg sehr gemocht habe. Ich wusste einfach, dass ich diesen Schritt jetzt machen muss, wenn ich schon so ein gutes Angebot bekomme. Es hat einfach alles gepasst. Dazu kam, dass ich in Freiburg zu der Zeit ein paar Probleme hatte.

Was waren das für Probleme?

Da möchte ich nicht ins Detail gehen, das ist so lange her. Auf jeden Fall hatte ich keinen wirklichen Spaß mehr am Fußball.

Wäre auch ein anderes Angebot für Sie in Frage gekommen?

Ich hatte auch Angebote aus der Bundesliga und aus Griechenland, aber eigentlich kam das für mich nicht in Frage. Fenerbahce war der Lieblingsverein meiner ganzen Familie, insofern war es klar, dass ich nur dorthin wechseln würde.

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