Alexander Zickler über Kunstrasen

»Es gibt keine Ausreden«

Alexander Zickler ist ein Kenner in Sachen Kunstrasen. Woche für Woche spielt er mit Red Bull Salzburg auf Gummi-Untergrund. Wir sprachen mit ihm über die Vor- und Nachteile und das Länderspiel Russland gegen Deutschland. Alexander Zickler über Kunstrasen

Herr Zickler, die deutsche Nationalmannschaft spielt erstmals auf Kunstrasen. Haben Sie als Kunstrasen-Experte Verständnis für die Aufregung vor der Premiere?

Es geht in Moskau um Platz eins und die direkte WM-Qualifikation. Und Russland ist sicher kein einfacher Gegner. Von daher ist eine gewisse Nervosität nachvollziehbar. Aber wenn ich die ganzen Kunstrasen-Diskussionen höre, frage ich mich schon, ob man bereits nach Ausreden für eine mögliche Niederlage sucht.

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Immerhin müssen Ballack & Co. auf einem ungewohnten Untergrund antreten.


80 Prozent der russischen Nationalspieler sind Legionäre oder kommen von Klubs, die nicht auf Kunstrasen spielen. Ich glaube deshalb nicht, dass Russland im Vorteil ist. Technisch starke Leute tun sich auf Kunstrasen leichter. Im Passspiel muss eine große Genauigkeit drinnen sein. Möglicherweise kommt das sogar den Deutschen entgegen.

Jogi Löw hat in Mainz auf einem Untergrund trainieren lassen, der jenem im Moskauer Luschniki-Stadion ähnelt. Wie lange braucht man, um sich auf den Kunstrasen einzustellen?

Zwei, drei Tage reichen aus. Die Torhüter brauchen vielleicht ein bisschen mehr Zeit. Inzwischen sind die Unterschiede zwischen Kunst- und Naturrasenplätzen nicht mehr so groß. Die Kunstrasenplätze haben sich weiterentwickelt und haben mit den Betonplätzen früherer Zeiten nichts mehr zu tun.

Hat der DFB bei Ihnen schon angerufen und nach Tipps gefragt?

Nein, das ist auch nicht nötig.

Was sind die Besonderheiten im Spiel auf Kunstrasen?

Zuerst einmal hat man als Spieler keine Ausrede mehr. Der Platz ist immer gleich, es gibt keine Löcher. Da die Plätze in der Regel vor dem Spiel bewässert werden, rollt der Ball schneller. Deshalb muss man sehr genau passen. Wenn man zwei Meter daneben spielt, ist der Ball weg. Bei langen Bällen ist das genauso. Der Ball setzt auf und ist bei ungenauem Zuspiel verloren. Außerdem muss man beim plötzlichen Abstoppen aufpassen, dass man nicht wegrutscht. Insgesamt ist das Spiel nicht so aggressiv. Ein Verteidiger überlegt es sich zweimal, ob er reingrätscht. Ich denke, dass man als Stürmer einen kleinen Vorteil hat.

Der Kunstrasen hat bei Fußballspielern einen eher schlechten Ruf.

Sicher ist das auch ein Kopfproblem. Meist fängt man schon vorher an, nach Ausreden zu suchen. Wenn man Profi ist, muss man aber überall spielen können.

Was ist Ihnen persönlich lieber: Kunst- oder Naturrasen?

Ich muss zugeben, auf einem perfekten Rasen, wie man ihn häufig in den englischen Stadien vorfindet, spiele ich am liebsten. Andererseits sage ich: Lieber auf einem Kunstrasen, der absolut eben ist, als auf einem Naturrasen mit mehr Sand als Gras. In den neuen großen Stadien mit wenig Sonnenlicht und Wind lässt ja die Rasenqualität relativ schnell nach.

Sie und Ihre Teamkollegen müssen sich von Woche zu Woche umstellen.

Das ist kein Problem. Vor Auswärtsspielen trainieren wir die ganze Woche über auf Naturrasen, vor Heimspielen auf Kunstrasen.

Es heißt, die gegnerischen Mannschaften treten nicht gerne in der Salzburger Red Bull-Arena an.

Das liegt aber nicht grundsätzlich an der Abneigung gegenüber dem Kunstrasen, sondern hat vor allem damit zu tun, dass wir in unserer Mannschaft eine gewisse Qualität haben und die auf dem Kunstrasen zur Geltung bringen. Wie ich schon sagte, technisch starke Mannschaften sind im Vorteil.

Hat der Kunstrasen im Profifußball eine Zukunft?

Ich glaube schon. Er ist auf jeden Fall eine Alternative für Vereine, die finanziell nicht so gut dastehen. Naturrasenplätze halten oftmals nur drei, vier Monate und müssen dann ausgetauscht werden. Das ist ein Kostenfaktor. Kunstrasenplätze sind auf lange Sicht günstiger. Aber die großen Klubs werden immer auf Rasen spielen.

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