11.11.2012

Alex Rosamilia, Gitarrist bei The Gaslight Anthem, im Fußballinterview

»Making money, das ist auch Punkrock!«

Seinen Verstärker schmückt eine FC St. Pauli-Flagge, bei den Konzerten trägt er Totenkopf-Mütze: Alex Rosamilia, Gitarrist bei The Gaslight Anthem, über Mainstream auf dem Kiez, Glatzenangst und das musikalische Potential von Mario Balotelli.

Interview: Moritz Herrmann Bild: PROMO

Alex Rosamilia, ist der FC St. Pauli noch Punkrock?
Verdammt, was meinst du damit?

Im offiziellen Store gibt es Lätzchen mit dem Totenkopf, Türmatten, Badeenten, Teller, Luftgitarren und Brotdosen. Der Spagat zwischen Verkauf und Ausverkauf, zwischen notwendiger Wirtschaftlichkeit und exzessiver Kommerzialisierung beschäftigt den Klub seit geraumer Zeit.
Sogar Badeenten? Das ist echt hart. Dann ist die Frage wahrscheinlich berechtigt. Aber fuck it, making money, das ist auch Punkrock. Das gehört zur Geschichte des Punkrock dazu. Meinem Hund habe ich ja auch einen St. Pauli-Ball gekauft. Man braucht diesen Scheiß gar nicht, will ihn aber trotzdem. Solange sich der Verein nicht komplett verkauft und weiter an seinen Werten festhält, geht das klar.

Sind Sie wegen dieser Werte Fan des FC St. Pauli?
Fußball mag ich schon, seit ich klein bin. Ich schaue etliche Spiele im TV. Und mit The Gaslight Anthem touren wir natürlich viel durch Europa. Eines Tages kam Ian, unser Roadie und ebenfalls ein Fußballfreak, angetrabt und meinte: »Ey, Alex, diesen Verein wirst du lieben!« Ich dachte mir: »Naja, okay, mal schauen.« Dann sah ich das Totenkopf-Logo und begann zu verstehen.

Was zu verstehen?
Den Geist, die Idee. Ich beschäftigte mich intensiver mit dem Verein und las über die politische Verzahnung in der Kurve, über die Hafenstraße, über das antifaschistische, antirassistische und antisexistische Engagement. Damit konnte ich mich identifizieren. Seither bin ich Fan.

The Gaslight Anthem spielen weltweit Konzerte. Wenn keine Tournee ansteht, sitzen Sie im Studio in den USA und arbeiten an einer neuen Platte. Wie leben Sie Ihr Fantum aus?
Die 2. Bundesliga ist nicht gerade groß bei uns. Bei mir läuft das Fansein vor allem über den Liveticker im Smartphone, und wenn es zeitlich passt, streame ich mir die Spiele. In Zukunft wird aber alles besser: Ich habe erfahren, dass es in New York eine Bar geben soll, die den FC St. Pauli zeigt. Sobald die Tour vorbei ist, checke ich das.

Klingt dennoch nicht gerade befriedigend.
Hey, immerhin hatte ich neulich meine Stadion-Premiere. Als St. Pauli im Pokal beim VfB Stuttgart spielte, stand ich in der Kurve. Das war... naja, ziemlich scheiße fürs erste Mal. (Stuttgart gewann mit 3:0, d. Red.)

Diversen Umfragen zufolge ist der FC St. Pauli einer der populärsten Klubs Deutschlands. Das Image vom ewigen Underdog, vom Hort alternativer Gegenkultur zieht nach wie vor in seinen Bann. Auch Ihre Band ist mit dem vierten Album in der Chartspitze angekommen. Wie cool ist Mainstream?
Diese Mentalität, etwas plötzlich weniger cool zu finden, nur weil es viele andere cool finden, habe ich nie verstanden. Was soll das? Das ist doch aufgeblasene Koketterie. Wenn dich plötzlich die falschen Leute mögen, dann muss man sich hinterfragen. Aber wenn dieser Verein so ein Echo findet wegen der Prinzipien, für die er steht, dann ist das doch nicht falsch!

Man sieht Sie nie ohne Totenkopf-Mütze. Haben Sie keine Angst vor einer frühen Glatze?
Eigentlich schon, aber schau mal, hier... (lüftet die Mütze: schwarzes, volles Haar) ... ich glaube, das ist noch okay. Ich liebe diese Mütze nunmal, und ich sehe mich als Botschafter des Vereins. So etwas wie die politische Idee beim FC St. Pauli würde es im amerikanischen Sport niemals geben.

Wie fallen denn die Reaktionen aus, wenn Sie in Detroit, Michigan oder Philadelphia auftreten und die braun-weiße Flagge über den Verstärker hängen?
Durchweg positiv. Aber zwangsläufig kommt die Frage: Sind die schon mal Meister geworden? Taugen die denn was? Geht schon, nuschel' ich dann und verdrücke mich mit einer Ausrede in die andere Ecke des Raumes. Der Klub soll sich nicht verändern und veräußern, aber eine Trophäe wäre schon ganz nett (lacht). Meisterschaft, Pokal, egal. Damit ich auch mal angeben kann.

The Gaslight Anthem stammen aus New Jersey, der Stadt von Bruce Springsteen. Für ein paar Gigs haben Sie ihn sogar als Special Guest auf die Bühne geholt. Ist der Boss bereits Fan vom FC St. Pauli?
Verdammt, leider nicht. Er ist sofort nach den Auftritten verschwunden. Ein beschäftigter Mann. Ich habe mit Springsteen ganze neun Sekunden geredet. Mehr war nicht drin. Fußball ist als Thema in der Musikszene ohnehin nicht besonders salonfähig. Deshalb bin ich immer begeistert, wenn wir durch Europa touren, wo ich mich mit anderen Nerds unterhalten und Statistiken abfragen kann.

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