Alex Popp im Interview

»King of Curry-Wurst«

Zehn Tore bei der U 20-WM haben sie populär gemacht, dabei ist Alexandra Popp im Verein linke Verteidigerin. Im Oktober 2010 sprachen wir mit ihr über plötzlichen Ruhm und das richtige Leben im falschen. Alex Popp im InterviewLioba Schneider

Alexandra Popp, kennen Sie Klaus-Peter Thaler?
Nein. Wer ist das?

Ein Radrennfahrer der Achtziger und bis vor kurzem der bekannteste Gevelsberger. Jetzt haben Sie ihn möglicherweise abgelöst.

Na ja, eventuell dann, wenn ich nächstes Jahr mit den Frauen die WM gewinne. Noch stehe ich ja erst am Anfang meiner Karriere.

Hat sich durch die U 20-WM Ihr Leben verändert?

Was den Medientrubel angeht, auf jeden Fall. Und ich werde jetzt hier in Gevelsberg auf der Straße erkannt. Da wird geguckt und auch mal getuschelt: »Das ist doch die von der WM.«

Vor ein paar Monaten kannten Sie nur Kenner des Frauenfußballs. Müssen Sie sich manchmal kneifen?

So richtig habe ich das noch nicht realisiert. Wenn mir jemand erzählt, dass in Berlin oder Bayern ein Artikel über mich erschienen ist, frage ich mich schon, was ich eigentlich dafür gemacht habe. Aber es ehrt mich total.

Ist das U 20-Turnier so verlaufen, wie Sie erwartet haben?

Bei der U 19-EM 2009 haben wir mit fast der gleichen Mannschaft dermaßen versagt, dass wir jetzt nur qualifiziert waren, weil die WM in Deutschland stattfand. Aber wir haben in der Vorbereitung sehr hart gearbeitet, und diese Arbeit hat sich ausgezahlt.

Vorne hieß es: Wenn nix mehr geht, fällt der Ball der Alex auf den Fuß. Hatten Sie in Ihrer Karriere schon mal einen solchen Lauf?

Als ich in Silschede noch mit den Jungs gespielt habe, da gab es auch mal eine Zeit, wo ich in jedem Spiel drei Tore gemacht habe. Es freut mich, dass das diesmal zur richtigen Zeit kam.

Hat es Sie am Ende gar nicht mehr überrascht, wenn der Ball schon wieder drin war?

Das Tor im WM-Finale hat mich zum Beispiel sehr überrascht.  

Warum das?

Weil ich sehr schlecht ins Spiel gekommen bin, und dann kam der Ball auch noch auf meinen schwachen Fuß. Eigentlich hatte ich schon abgeschaltet und wollte den Ball nur vernünftig treffen. Und dann ist er ins lange Eck geflogen und war doch wieder drin.

Hatten Sie schon mal eine Phase, in der Sie gar nichts getroffen haben?

Oh ja, in meinem zweiten Jahr in Recklinghausen. Da habe ich überall hingeschossen, nur nicht ins Tor. Ähnlich wie 2008 bei der U 17-WM. Laut der Statistik habe ich zwölfmal aufs Tor geschossen, davon gingen sieben Schüsse ans Aluminium, zwei waren drin, und den Rest hatten die Torhüterinnen.




Sie haben vor der U 20-WM sechs Kilo abgenommen. War dies das Geheimnis Ihres Erfolges?

Das Abnehmen hat mir eine Menge gebracht. Ich bin dadurch athletischer und schneller geworden. Das Geheimnis bei der Weltmeisterschaft war allerdings, dass ich mich gefreut habe, im Sturm zu spielen. Ich mache einfach lieber Tore als, wie in Duisburg, in der Abwehr zu spielen.

Das heißt, Sie wollten es der Vereinstrainerin zeigen?

Martina Voss-Tecklenburg weiß ja, welche Qualitäten ich im Sturm habe. Sie hat sich selbst gefreut, mich bei der WM mal ganz vorne zu sehen.

Haben Sie Angst, mit der WM die Messlatte für die Zukunft zu hoch gelegt zu haben?

Ich sehe die WM als einen weiteren Schritt in meiner Entwicklung. Jetzt muss ich gut weiterarbeiten, um im nächsten Jahr im Kader der Frauen zu sein.    

Ist das so einfach, bei dem plötzlichen Ruhm?

Es ist wichtig, gerade weil mich die Medien derzeit so hypen. Ich glaube, es ist ganz gut für den Frauenfußball, wenn ich jetzt nicht so tue, als wäre ich der »King of Currywurst«. Außerdem weiß ich, dass ich ohne den Rest der Mannschaft weder zehn Tore geschossen noch die WM geholt hätte.

Sie haben bis vor vier Jahren noch für Ihren Heimatverein Silschede gespielt. Wieso das?

Ich habe zehn oder elf Jahre mit den Jungs hier in Silschede gespielt, dann hieß es, dass ich in die Mädchenmannschaft muss. Aber dazu hatte ich gar keine Lust. Für mich konnten die kein Fußball spielen, außer mir und einer anderen in der Liga. Aber ich habe mich durchgebissen und kam irgendwann in die Westfalenauswahl. Das war der Knackpunkt, dort habe ich gemerkt, dass Frauen doch Fußball spielen können.

Stimmt es, dass Sie bei einem Hallenturnier entdeckt worden sind?

Ja, das war ein Turnier mit der Kreisauswahl. Kathrin Peter, die Frau des U 15-Bundestrainers Ralf Peter, hat mich spielen sehen und angesprochen. Beim nächsten Turnier hat sie ihren Mann mitgebracht, aber ich habe nur die Augen verdreht und wollte in Ruhe gelassen werden. Ralf Peter sagte dann, dass ich vielleicht mit 20 Jahren eine WM in Deutschland spielen könnte.

Und da hat es klick gemacht.

Nicht einmal da. Ich habe gedacht, was erzählt der für einen Kram. Überredet haben mich letztlich meine Eltern, Freunde und die Vereinstrainer.

Was hat Sie abgeschreckt?

Es war mir alles zu viel. Ich war gerade mal 14, da wollte ich mich nicht mit Leistungssport beschäftigen, sondern lieber noch zwei Jahre warten. Doch es wurde mir klargemacht, dass die anderen sich so weiterentwickeln würden, dass man mich dann auch nicht mehr brauchen könnte.



2006 haben Sie noch in Silschede gespielt, 2008 bei der U 17-WM. Wie ging das so schnell?

Einen großen Sprung habe ich in meinem ersten Jahr in Recklinghausen gemacht, und Ralf Peter, der auch die U 17 betreute, wusste dank seiner Frau ja schon, wer ich war. 

Es kam noch besser: Gerade von der U 17-WM zurück, erhielten Sie ein Angebot von Olympique Lyon.

Ich war total überrascht, als ich das erfahren habe. Das Angebot war eine Ehre, auch wenn ich wusste, dass ich es nicht annehmen würde. Dazu bin ich zu sehr Familienmensch, außerdem kam es zu früh. Andererseits hat es mir gezeigt, wo ich hinwill. 

War es das einzige Angebot?

Ich hatte bereits welche aus der Bundesliga. Wattenscheid wollte mich schon länger, außerdem Essen und Duisburg. Wattenscheid kam nicht in Frage, weil die sich mir gegenüber wie ein Stück Dreck verhalten hatten. Wenn wir gegen die in der Jugend spielten, sagte der Trainer schon mal: »Haut die Popp um, damit wir ’ne Chance haben!« Essen war interessant, aber für Duisburg sprach, dass die zweite Mannschaft in der zweiten Bundesliga spielte. Hätte ich es nicht in den Kader der ersten geschafft, hätte ich dort spielen können.
Sie haben die Schalker Eliteschule des Fußballs besucht. Wie kam es dazu?

Ich wollte mein Abi machen, aber in Kombination mit Fußball. Und Recklinghausen hatte mit der Schalker Schule eine Kooperation. Anfangs haben die Schalker gestutzt, dass ein Mädchen mit ihren Jugendspielern trainieren wollte. Ich durfte dann aber doch, quasi als Versuchskaninchen.

Wie war es denn als einziges Mädchen unter ganz vielen sportlichen Jungs?

Ich hatte ja schon vorher zehn Jahre mit Jungs gespielt. Okay, die Jungs, die da trainieren, spielen nicht umsonst für Schalke, die müssen also schon was auf dem Kasten haben. Beim ersten Training haben sie komisch geguckt und sich gefragt, was ein Mädchen da will. Ich hab mir den Ball geschnappt und ein bisschen Tacheles getrickst. Damit war ich akzeptiert und gut war.

Gab es körperliche Probleme?

Die waren natürlich athletischer, aber dadurch bin ich auch athletischer geworden.

Hat Ihnen der Besuch der Schule außer Zweikampfhärte noch etwas gebracht?

Die Schule setzt sehr auf Eigenständigkeit. Ich musste mich selber um Freistellungen oder Klausurverlegungen kümmern, wenn was mit Fußball war. Dadurch bin ich erwachsener geworden, auch wenn ich immer noch meine Macken habe.

Sind Freundschaften entstanden?

Kontakt habe ich noch zu dreien aus meiner Stufe. Und mit Joel Matip schreibe ich mir ab und zu bei Facebook.

Sie haben Ihre Profikarriere in Duisburg gestartet. Was kann danach überhaupt noch kommen?

Mein Vertrag läuft bis 2012, und ich fühle mich momentan so wohl in Duisburg, dass ich da nicht drüber nachdenke. Und ganz unerfolgreich sind wir ja auch nicht.

Haben Sie einen Termin mit Martina Voss-Tecklenburg ausgemacht, wann Sie endlich in den Sturm dürfen?

Nein, aber sie weiß, dass sie mich jederzeit nach vorne holen kann, wenn wir eins hinten liegen und der Druck auf das Tor fehlt. Ansonsten habe ich meine Offensivaktionen halt von hinten heraus, das macht auch Spaß.



Sie verfluchen nicht den Tag, an dem Sie das erste Mal hinten links gespielt haben?

Alexandra Popp: Gar nicht. Als Außenverteidigerin darf ich meinen Drang nach vorne ja durchaus ausleben. Es hat auch etwas für sich, von ganz hinten nach ganz vorne zu laufen, um den entscheidenden Pass zu einem Inka-Grings-Tor zu spielen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Inka Grings?

Super, wir machen viel Unsinn zusammen. Sie hilft mir aber auch und gibt Ratschläge.

Sie fühlt sich nicht bedroht von Ihnen?

Warum sollte Sie?

Weil Sie irgendwann nach vorne wollen, gut sind und Inka Grings nicht jünger wird.

Darunter leidet unser Verhältnis nicht.

Ihre Vielseitigkeit ist Fluch und Segen zugleich. Gibt es etwas, das Sie nicht können?

Oh, meine Übersicht und der Spielaufbau sind noch ausbaufähig. Und der rechte Fuß kann auch nicht oft genug geschult werden.

Haben Sie manchmal Angst, auf der linken Abwehrseite hängenzubleiben?

Nein. Ich habe aber auch mit Martina darüber gesprochen, wie sie meine Zukunft sieht. Sie hat mir versichert, dass sie mich irgendwann mal nach vorne stellen wird. Allerdings gibt es bei uns momentan keine wirkliche Alternative für hinten links. Wenn ich das weiß, kann ich mich darauf einstellen, und das macht es leichter, damit umzugehen.

Ruiniert die Position nicht Ihre WM-Chancen? Hinten links werden Sie da nicht spielen, vorne fehlt für ein großes Turnier möglicherweise die Spielpraxis.

Das glaube ich nicht. Ich kann aber schlecht einschätzen, wie Frau Neid das sieht. Dass ich hinten links taktische Defizite habe, hat sie mir gesagt. In der Nationalelf habe ich mit einer Ausnahme immer vorne gespielt.

Hoffen Sie auf einen Stammplatz im nächsten Jahr?

Es wäre schön, aber ich bin realistisch. Da sind Birgit Prinz, Inka Grings, Anja Mittag und Martina Müller alle noch vor mir. Mir ist es wichtig, überhaupt in den Kader zu kommen.

Kann man sich mit der WM vor der Brust überhaupt auf die Klubsaison konzentrieren?

Man muss, mehr denn je. Der Klub ist ja unsere Chance, uns der Trainerin zu zeigen. Bei einer schlechten Saison fliege ich ganz schnell aus dem Kader.



Die Spielzeit endet wegen der WM-Vorbereitung bereits Mitte März. Kommt man angesichts des engen Zeitplans überhaupt noch zu Atem?

Für mich war es schwer, da ich durch die U 20-WM weniger Urlaub hatte. Nun hat mir mein Fuß einen Strich durch die Rechnung gemacht, also hatte ich doch mal eine Woche Pause.

Vielleicht ein Zeichen.

Kann gut sein. Noch schwerer wird es dadurch, dass die Champions League bis in den Mai gespielt wird, also parallel zur WM-Vorbereitung. Da frage ich mich, wie wir das alles unter einen Hut bekommen sollen.

Die neuen Zeiten haben auch Vorteile. Sie gehören zur ersten Generation Fußballerinnen, die möglicherweise als Vollprofis leben können.

Ich hoffe, dass es nach der WM vielleicht in diese Richtung geht. Ich bin erst 19 und habe noch Zeit. Ganz so krass wie bei den Männern muss es ja nicht gleich sein. Wobei ich auch dazu nicht nein sagen würde … Es kommt viel darauf an, wie wir uns bei der WM präsentieren. Das U 20-Turnier war ja schon mal ein guter Anfang, und ich kann mir vorstellen, dass es im nächsten Sommer ein schickes Sommermärchen geben wird.

Merkt man einen Unterschied zwischen Ihrer Generation und den Älteren wie Grings und Prinz, die noch nicht diese Perspektiven hatten und vielleicht aus einer ganz anderen Motivation heraus Fußball gespielt haben?

Ich war mit Birgit auf einem Zimmer und kann von daher sagen, dass es einen sehr großen Unterschied zwischen uns gibt. Beispiel Spielvorbereitung: Die jüngere Generation trällert und tanzt zur Musik in der Umkleidekabine gerne mal mit. Die Älteren sitzen auf ihrem Platz, schauen auf den Boden und konzentrieren sich so. Ich persönlich mache es mittlerweile teils, teils: Anfangs spacke ich noch mit rum, gegen Ende setze ich mich und gehe in mich.

Haben Sie sich für Ihre extrovertierte Jubelchoreografie bei der U 20-WM Ärger eingehandelt?

Wir haben ja erst im Halbfinale damit angefangen. Ab da sind es Spiele, wo man so etwas machen kann, finde ich. Im ersten Gruppenspiel muss das nicht sein, da hat man noch nichts erreicht.
Silvia Neid hat für solche Jubelarien schon mal Rote Karten gefordert.

Oh, davon weiß ich gar nichts! Stimmt das?

Ja, weil es unsportlich gegenüber dem Gegner sei.

Also, uns hat niemand etwas gesagt.

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