Aleksandr Hleb über BATE Baryssau und seine Europa-Odyssee

»Ich würde gerne wieder in Deutschland spielen«

BATE Baryssau ist eine der Überraschungsmannschaften der diesjährigen Champions-League-Saison. Im Hinspiel siegten die Weißrussen 3:1 gegen die Bayern.

Aleksandr Hleb, Sie sind seit einer Woche in München und bereiten sich dort mit BATE Baryssau auf das Spiel gegen den FC Bayern vor. Anfang des Jahres waren sie zwei Monate lang bei Tim Lobinger, dem Ex-Stabhochspringer, um sich die Fitness für ein Comeback auf dem Fußballplatz zu holen, und müssten sich daher in München auskennen. Was haben Sie ihre Teamkollegen denn alles von der bayerischen Landeshauptstadt gezeigt?
Wir sind ja nicht direkt in München, sondern rund 60 Kilometer davon entfernt in einem Hotel untergebracht. Aber es ist alles prima hier. Wir waren einmal beim Shoppen in München, das musste schon sein. Es sind ja auch die Familien von einigen Spielern dabei. Aber das Ganze hat nicht den Charakter eines Ausflugs. Wir bereiten uns sehr gewissenhaft auf das Spiel gegen den FC Bayern vor.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Team bereits eine Woche vorher zu einem Champions League-Auswärtsspiel anreist.
Die Saison in Weißrussland ist vor zehn Tagen zu Ende gegangen, und unser Trainer dachte, dass es hier in Deutschland wärmer ist als daheim und dass die Trainingsbedingungen hier besser sind. Aber jetzt hat es in Deutschland auch geschneit, und es ist ähnlich wie in Weißrussland. Doch die Plätze, die uns zur Verfügung stehen, sind sehr gut. Das passt schon alles.

BATE hat im Hinspiel den FC Bayern München 3:1 geschlagen.
Das war natürlich sensationell. Für einen weißrussischen Verein kann man schon von einem historischen Sieg sprechen. Man schlägt nicht jeden Tag den großen FC Bayern München.

Ist der FC Bayern München bei den Fußball-Fans in Weißrussland beliebt, laufen Kinder und Jugendliche mit Gomez- oder Ribéry-Trikots herum?
Nein, für den deutschen Fußball interessiert man sich dort nicht so sehr. Man sieht vor allem Trikots vom FC Barcelona, vielleicht auch noch von Real Madrid oder den englischen Klubs. Aber dennoch war der Sieg gegen den FC Bayern der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte von BATE Baryssau.

Wie lautet Ihre Erklärung für das kleine Fußballwunder im Hinspiel gegen den FC Bayern?
Wir haben 105 Prozent gegeben und hatten auch noch das nötige Glück. Wenn Toni Kroos in der ersten Halbzeit das Tor macht, statt den Pfosten zu treffen, hätten wir verloren, da bin ich mir ziemlich sicher.

Es war der zweite Sieg im zweiten Spiel der diesjährigen Champions League-Gruppenphase. Danach gab es für BATE nur noch Niederlagen.
Im Fußball ist das Glück nicht immer auf deiner Seite. Wir haben in den Spielen danach aber auch Fehler gemacht – und in der Champions League darfst du eigentlich keine Fehler machen. Ich gehe davon aus, dass wir uns als Drittplatzierter jetzt immerhin für die nächste Europa League-Runde qualifizieren.

Haben Sie sich zur Vorbereitung auf das heutige Spiel das Bundesliga-Gipfeltreffen am vergangenen Samstag angesehen?
Ja, im Fernsehen. Es war in meinen Augen ein sehr gutes Spiel, in dem die beiden besten Mannschaften in Deutschland aufeinander getroffen sind. Mir gefällt die Spielweise der Dortmunder sehr. Die spielen sehr schnell und direkt, das finde ich richtig geil. Der FC Bayern München ist wie eine Maschine oder ein Zug, den man fast nicht stoppen kann. Aber ich freue mich auf das Spiel in der Allianz Arena, gegen einer der besten Mannschaft auf der Welt. Es wird schwer werden, weil Bayern sich bestimmt für die Niederlage in Minsk revanchieren will. Wir wollen Charakter zeigen und möglichst keine Fehler machen.

Ist es für Sie auch deshalb ein besonders wichtiges Spiel, weil Sie möglichst schon in der Winterpause bei einem Bundesligisten unterkommen wollen und sich heute Abend dafür bewerben können?
Es stimmt, ich würde sehr gerne wieder in der Bundesliga spielen wollen. Deutschland ist meine zweite Heimat. Es gibt Interesse von verschiedenen Vereinen aus verschiedenen Ländern. Aber ich will mich damit erst nach dem Spiel am Mittwoch richtig beschäftigen. Jetzt konzentriere ich mich voll auf  BATE Baryssau. Es ist auch nicht so, dass ich auf jeden Fall den Verein verlassen werde. Weißrussland ist ein schönes Land. Ich wohne mit meiner Familie in Minsk, das ist eine sehr schöne Hauptstadt.



Aber für einen Fußballprofi, der schon beim FC Arsenal und dem FC Barcelona unter Vertrag stand, ist der weißrussische Meister eigentlich nicht die erste Adresse.
Klar, da lief einiges schief. Und ich bin manchmal traurig, dass ich die besten Jahre als Fußballer nicht optimal genutzt  habe. Aber ich war auch froh, dass ich bei BATE Baryssau wieder spielen konnte, nach all den negativen Erfahrungen und den Verletzungen. Ich fand dort eine tolle Atmosphäre vor, habe alte Freunde wieder getroffen. Der Verein und die Mannschaft haben sich super um mich gekümmert. Ich habe bei BATE all das angetroffen, was ich in jener Zeit gebraucht habe. Dafür bin ich sehr dankbar

Warum war es in Barcelona zum Bruch in dieser Bilderbuchkarriere gekommen, die zuvor immer nur steil nach oben geführt hatte?
Nach dem Wechsel von Arsenal zum FC Barcelona bin ich einfach zu ungeduldig gewesen. Ich war jetzt beim besten Verein der Welt und wollte immer spielen. Aber es war dann so, dass ich ein Spiel gemacht habe und das nächste Mal auf der Bank saß. Und damit konnte ich einfach nicht umgehen, denn bei Arsenal habe ich 60 Spiele in einer Saison gespielt. Pep Guardiola war damals noch ein junger Trainer, am Anfang seiner Karriere. Er hat schon mit mir geredet, aber er fand irgendwie nicht die richtigen Worte oder vielleicht nicht die Worte, die ich hören wollte. Aber ich möchte die Schuld nicht auf Guardiola schieben. Ich war zu schnell unzufrieden und mir hat die nötige Geduld gefehlt. Letztendlich bin ich selbst dafür verantwortlich, dass die Sache in Barcelona nicht wie erhofft lief. Inzwischen weiß ich, dass Barcelona deshalb so groß ist, weil jeder Spieler sein Ego zurückstellt. Ich hätte damals einfach nicht so schnell aufgeben dürfen. Das war rückblickend betrachtet der größte Fehler in meiner Karriere.

Sie wechselten auf Leihbasis zum VfB Stuttgart, aber richtig rund lief es bei Ihrem EX-Klub auch nicht.
Das war dort nicht mehr so wie früher. Vielleicht war der Wechsel zum VfB Stuttgart auch ein Fehler, weil es damals vom FC Barcelona kommend ein zu großer Rückschritt war. Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, bei Inter Mailand zu spielen. Aber das ist alles längst Vergangenheit und lässt sich nicht mehr ändern.

Sie setzten Ihre Odyssee in Birmingham und später in Wolfsburg fort.
Ich hatte eine Operation hinter mir und Felix Magath versicherte mir, dass er mir genügend Zeit geben würde, damit ich mir die nötige Fitness holen könnte, um dann wieder richtig angreifen zu können. Aber aufgrund der sportlichen Situation war das schwierig und am Ende war die Belastung nach meiner Verletzung einfach zu hoch.

Sie suchten bei Tim Lobinger in München Rat. Der ehemalige Stabhochspringer sollte Sie wieder fit für den Fußballprofisport machen. Wie kam der Kontakt zu Tim Lobinger zustande?
Ein Freund, der für Tim Lobinger arbeitet, hat ihn mir empfohlen. Und Tim hat es tatsächlich geschafft, mich in einer sehr schwierigen Situation wieder nach oben zu bringen. Er weiß so viel, ich habe unwahrscheinlich von der Arbeit Tim profitiert. Vor allem habe ich gelernt, besser auf meinen Körper achtzugeben, mich professioneller zu verhalten. Das sind manchmal Kleinigkeiten, wie ausreichend Schlaf, die richtige Vorbereitung auf ein Spiel, die Regenerationsphase  oder die Ernährung. Über all das habe ich vorher nicht so viel nachgedacht. Wenn du jung bist, interessiert dich das ganz einfach nicht.

Sie haben gleichzeitig beim FC Augsburg mittrainiert. Wie fühlt man sich als Gastspieler?
Das ging sehr gut. Alle waren sehr nett und freundlich zu mir. Das Training beim FC Augsburg hat mir auch sehr geholfen.

Fiel es Ihnen in den vergangenen Wochen schwer, wenn Sie nach einem Auftritt in der Champions League von der großen Bühne des Fußball in den grauen weißrussischen Ligaalltag zurückkehren mussten?
Das ist natürlich schon schwierig. Champions League und die weißrussische Liga – das ist wie Tag und Nacht. Zu den Spielen in Weißrussland kommen 3000 oder 4000 Zuschauer. Das Niveau in der Liga ist relativ schlecht. Eigentlich gibt es nur zwei richtig gute Vereine. Und das macht es für BATE auch schwierig, in der Champions League zu bestehen, weil du Woche für Woche nicht richtig gefordert wirst.

Ist BATE Baryssau so etwas wie der FC Bayern München von Weißrussland?
(Lacht). Ja das kann man schon so sagen, BATE wird auch immer Meister.

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