01.01.2009

Alan Shearer zieht Bilanz

»Ich spielte nie besoffen«

Alan Shearers Karriere begann in der guten, alten Zeit und endete im Turbo-Kapitalismus. Wir sprachen mit ihm über den Einfluss des Geldes, die Versuchungen des Alkohols und die Angst der Engländer vor Capello.

Interview: Dirk Gieselmann und Tim Jürgens Bild: imago

Alan Shearer, der glücklose englische Nationaltrainer, Steve McClaren, wollte Sie in sein Team holen. Sie lehnten ab. Glückwunsch!
 
Vielen Dank! (lacht) Aber ich habe ehrlich gesagt nicht geahnt, dass Steves Arbeit unter so einem schlechten Stern stehen würde. Es passte damals einfach nicht in meinen Zeitplan, als Trainer bei ihm anzufangen.
 


In die Qualifikation zur WM 2010 ist England sehr gut gestartet. Was macht Fabio Capello besser als McClaren?
 
Fabio ist ein Welttrainer. Schauen Sie sich nur mal seine Erfolge an! Einer wie er hat keine Autoritätsprobleme, wenn er einen neuen Job übernimmt. Da hatte Steve es schwerer, der vorher nur für relativ kleine Klubs gearbeitet hat. Dazu kommt: Steve war in England eine Person des Boulevards. Über ihn wusste die Öffentlichkeit alles. Fabio hingegen hält sein Privatleben unter Verschluss. Das macht ihn immun gegen Angriffe von gewissen Teilen der Presse.
 
Capello hat eine weiße Weste.
 
Und das führt in England zu einem verblüffenden Ergebnis: Man hat Angst vor ihm, so wie man Unbekanntes generell fürchtet. Mit diesem Angst-Faktor spielt Capello sehr geschickt.
 
Ist das der Vorteil, den auch andere ausländische Trainer haben, die in England arbeiten, etwa Wenger, Scolari oder Benitez?
 

Durchaus. Denken Sie nur an Mourinho und wie er als Chelsea-Trainer mit seinem Image des Undurchschaubaren gespielt hat.
 
Haben diese Trainer eine bessere Perspektive auf den Fußball als ihre englischen Kollegen?

 
Natürlich bringen sie neue Ideen ein, so wie jeder Trainer es tut. Zeigen Sie mir eine Liga, die nicht von Ausländern beeinflusst wird. Aber es gibt auch gute britische Trainer.

Wen denn?

Harry Redknapp ist letztes Jahr trotz eines sehr schmalen Budgets mit dem FC Portsmouth Pokalsieger geworden und coacht jetzt Tottenham. Auch Martin O’Neill leistet tolle Arbeit bei Aston Villa.
 
Dennoch fällt auf, dass sie nicht bei den exponierten Klubs arbeiten.
 
Das ist nicht ihr Fehler. Das ist die Entscheidung der Vereinsbosse, die sich gern mit großen Namen schmücken.
 
Warum können sich so wenige deutsche Fußballer in der Premier League durchsetzen?

 
Gute Frage. Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung.
 
Sind die Deutschen zu weich?
 

Das glaube ich nicht. Die Frage sollten Sie auch nicht zu laut stellen, wenn Torsten Frings gerade vorbei kommt (lacht). Im Ernst: Wenn ich mir den deutschen Kader ansehe, sind durchaus einige Spieler dabei, die auch einen englischen Top-Klub verstärken würden, vor allem Miroslav Klose mit seinem überragenden Kopfballspiel.
 
In Deutschland heißt es, von seinen Anlagen wäre insbesondere Bastian Schweinsteiger für die Premier League prädestiniert.

 
Der ist auch stark! Ich kenne viele Stürmer in England, die sich über seine Flanken freuen würden. Mit seiner robusten Art würde er bei auch bei den Fans ziemlich gut ankommen. Aber er hat noch einen Vertrag bei den Bayern, und die wären schön blöd, wenn sie ihn gehen lassen würden.
 
Sowohl die englische als auch die deutsche Nationalmannschaft befinden sich im Umbruch. Mit welchen Problemen haben beide Teams parallel zu kämpfen?

Was den Erfolg anbelangt, könnt ihr Euch nicht beklagen. Das ist eher unser Problem (lacht). Beide Ligen werden von Ausländern dominiert, was es Nachwuchsspielern erschwert, sich durchzusetzen. Selbst wenn ein Trainer weiß, dass ein Junge einschlagen wird, wenn er ihn nur regelmäßig spielen lässt, wagt er es selten und setzt lieber auf einen ausländischen Spieler, der zwar nicht überragend, aber konstant spielt. Wie mir scheint, hat die deutsche Nationalmannschaft dieses Problem aber besser weggesteckt als die englische.
 
Die Gründung der Premier League im Jahre 1992 und die damit einhergehende Kommerzialisierung ist also eine Ursache für den Misserfolg der englischen Nationalelf?
 
Das klingt mir zu einfach. Ich glaube trotz allem an das Prinzip: Wenn du gut genug bist, wirst du dich durchsetzen. Für diese Theorie gibt es auch in der Premier League einige Beispiele: Theo Walcott, Wayne Rooney oder Joe Cole.
 

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