04.07.2014

Alain Giresse über Frankreich gegen Deutschland

»Wir fielen in ein schwarzes Loch«

Der Franzose Alain Giresse war ein Teil des »Magischen Vierecks« und revolutionierte mit ihm den Fußball. Wir sprachen mit ihm über Platini, den Rivalen Brasilien, Offensive in Vollendung – und seine bitterste Niederlage.

Interview: Text: Mathieu Gregoire (Übersetzung: Fabian Jonas) Bild: Imago

Alain Giresse, welche Fähigkeit ist für einen Fußballer die Wichtigste?
Ballkontrolle und Passspiel. Wenn man den Ball kontrollieren und weiterspielen kann, kann man alles.

Das ist alles?
Es hört sich einfach an, aber es bedeutet, dass es ganz egal ist, um was für einen Ball es sich handelt, von wem er kommt, ob lang, ob kurz, flach oder hoch. Schauen Sie sich eine beliebige Partie an, suchen Sie sich einen Spieler aus und beobachten Sie seine Ballkontrolle und sein Passspiel. Achten Sie darauf, wie er nach vorne spielt, denn nach hinten ist es einfach. Wenn er gute Pässe nach vorne spielen kann, ohne hohe Fehlerquote, ist das schon sehr viel wert.

Bei der Weltmeisterschaft 1986 trafen Sie mit Frankreich im Viertelfinale auf das Team von Brasilien: Die »Fab Four«, das »magische Viereck« des französischen Fußballs, bestehend aus Luiz Fernandez, Jean Tigana, Michel Platini und Ihnen, spielte gegen die Mittelfeldachse der Seleção um Socrates. Eine Sternstunde des Fußballs.

Für uns war die Partie ein Ritterschlag. Gegen Brasilien Freundschaftsspiele zu bestreiten, war im Vergleich dazu gar nichts. Aber in einem Turnier so ein Spiel. Wir spielten im mexikanischen Guadalajara, wo Pelé 1970 den WM-Pokal gewonnen hatte. Es war magisch. Wir waren furchtbar aufgeregt, zugleich stolz. Es war fast schon surreal. Kindheitserinnerungen kamen in mir hoch. Brasilien und die WM-Geschichte, damit verbindet jeder so viel. Und nun sollten wir plötzlich Teil dieser Geschichte werden.

Rechneten Sie sich Chancen aus?
Es war klar, dass wir es mit bedeutenden Spielern zu tun bekommen würden, dafür brauchten wir keine detaillierte Analyse. Brasilianische Nationalspieler, die nicht mit dem Ball umgehen können, gibt es nicht!

Sie spielten gegen Zico und Sokrates ...
Obwohl wir amtierender Europameister waren, bewunderten wir sie. Wie sagte unser Trainer Henri Michel so schön: »Wenn dir ein solcher Tag kein Vergnügen bereitet, dann hast du ein ernstes Problem.«

Können Sie die Besonderheiten der Brasilianer um Socrates benennen?

Schon bei der WM 1982 hatten sie bewiesen, worin ihnen keiner etwas vormacht: Technik, Passspiel, Intelligenz. Der Ball war bei ihnen immer in Bewegung. Sie hatten Spieler, die nicht nur technisch sehr stark waren, sondern auch die Übersicht hatten, im richtigen Moment das Richtige zu tun, um Mitspieler in Szene zu setzen. Für mich sind die Brasilianer von 1982 neben dem Team von 1970 nach wie vor die Referenzgröße im Fußball.

Warum?
Jeder wusste genau, wo er zu stehen hatte, jeder war bereit, sich für den anderen einzusetzen. Die Zuspiele sahen so einfach aus, was nicht bedeutete, dass sie einfach zu spielen waren. Das Einfache ist bei Brasilien nie banal, nie leicht. Was glauben Sie, warum man heute immer sagt, man müsse einfach spielen? Wegen der Brasilianer! Sie hatten ein Tempo in ihrem Passspiel, das außergewöhnlich war. Solche Sachen inspirierten uns. Und wenn wir auch andere inspiriert haben sollten, dann, weil wir die Brasilianer Europas waren.

Wie verlief aus Ihrer Sicht das Viertelfinale 1986?

Da standen sich zwei Mannschaften gegenüber, die ausnahmslos von ihrer Spiellaune angetrieben wurden. Es ging ständig hin und her, fast ohne Unterbrechungen. Fußball pur.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie in Schwierigkeiten geraten könnten?
In der ersten Halbzeit bekamen wir ein paar Probleme, vor allem nach dem Tor von Careca, dessen Entstehung fantastisch war. Doch dann sind wir wieder zurückgekommen. Aber es gab Phasen, in denen sie wirklich damit beeindruckten, wie sie uns die Ordnung nahmen.

Wer war Ihr Gegenspieler?
Elzo. Er war derjenige, der den anderen im Mittelfeld den Rücken freihielt. Er schuftete für die Künstler.

Was unterschied Frankreich und Brasilien an diesem Tag?
Wir hatten die gleiche Philosophie. Unterschiede entstanden durch die Spieler, denn auf dem Platz waren wir uns sehr ähnlich. Bei beiden war die komplette Mannschaft am Spiel beteiligt, beide lebten von ihrer Spielfreude, hielten den Ball in Bewegung und suchten nach kreativen Lösungen.

Kann man Platini und Socrates miteinander vergleichen?
Nein.

Wieso nicht?
Für diese Spieler gibt es keine Kategorien mehr, sie sind einzigartig. Platini ist eine absolute Ausnahmeerscheinung, alle wollten so spielen wie er. Nur sehr wenige reichten an sein Können heran. Es würde mir allerdings Schwierigkeiten bereiten, Ihnen überhaupt jemanden zu nennen.

Socrates vielleicht?
Nein, er konnte keine langen Bälle spielen, er spielte immer nur kurz. Michel war sowohl Spielmacher als auch Torjäger. Socrates war eher der Vorbereiter. Er machte kluge Sachen im Spielaufbau, aber torgefährlich war er nicht.

Alemão?
Ein interessanter Spieler, ein Abräumer mit guter Technik. Ein früher Prototyp heutiger Sechser.

Finden Sie etwas von den damaligen Teams von Brasilien oder Frankreich im heutigen Fußball wieder?
Heute gibt es kaum noch echte Zehner. Zum Glück gibt es Teams wie Spanien. Fabregas, Xavi, Iniesta – diese Jungs liebe ich! In Frankreich wird Nasri immer stärker, aber sonst ...?

Wann entstand das »magische Viereck« als fester Bestandteil des französischen Nationalteams?
1982 während der WM stellten wir auf ein Vierer-Mittelfeld um, genau genommen beim Spiel gegen Nordirland in der zweiten Finalrunde (Endergebnis: 4:1, Anm. d. Red.). Platini hatte sich gegen die Tschechoslowakei verletzt, im Spiel gegen Österreich hatte ihn Jean Tigana (1:0, Anm. d. Red.) ersetzt. Und Tigana machte ein sehr gutes Spiel. Schon im April 1981 gegen Belgien in Paris hatten Genghini, Tigana und ich ohne Platini im Mittelfeld gut gespielt. Nun fragten die Journalisten: »Soll Platini überhaupt wieder spielen?« Michel Hidalgo entschied sich dafür, und wir stellten auf ein Vierer-Mittelfeld um.

Vorher bildeten Sie mir Genghini und Platini das Mittelfeld.
Richtig. Ab da spielten wir aber ein 4-4-2 statt eines 4-3-3. Vorher hatten wir immer mit drei Spielern im Mittelfeld gespielt.

Der französische Fußball hatte ein neues Gütesiegel.
Und das für lange Zeit. 1984 übernahm Fernandez den Platz von Genghini. Auch wenn vom »magischen Viereck« hauptsächlich erst ab der Europameisterschaft 1984 im eigenen Land die Rede war, geboren wurde die Idee bereits 1982.

Waren Sie als Gruppe eine verschworene Gemeinschaft?
Nicht zwangsläufig. Je nachdem, wie die Spiele liefen, diskutierten wir miteinander. Was uns zusammenwachsen ließ, war die Aufstellung – und die machte 1982 Michel Hidalgo. Von uns kam die Feinjustierung. Hidalgo gab das grobe Muster vor, und ausgehend von dem, was er uns gesagt hatte, steuerten wir noch etwas bei, damit es funktionierte. Aber es war nicht so, dass auf der einen Seite wir vier gestanden hätten und auf der anderen der Rest der Mannschaft. Wir haben uns auch nicht intern getroffen, um genau festzulegen, wer was zu tun habe. Das erledigten wir alles intuitiv.

Über die Besetzung des französischen Mittelfelds gab es in dieser Zeit keinerlei Diskussionen.

Französische Mittelfeldspieler, die das Zeug gehabt hätten in der Nationalmannschaft zu spielen, wussten, dass die Tür zu ist. Dieses Mittelfeld war eine echte Einheit. In anderen Mannschaftsteilen gab es Veränderungen, im Mittelfeld blieben jegliche Überraschungen aus.

Sie waren über jeden Zweifel erhaben?
Allerdings tat auch jeder alles dafür, um seinen Platz zu behaupten. Wir sprachen darüber: »Hast du den gesehen? Der ist echt gut«, oder »Auf den da musst du aufpassen«. Damals war es immer Bernard Genghini, der uns Druck machte. Mit Philippe Vercruysse und Jean-Marc Ferreri gab es zwei junge Spieler, die sehr ehrgeizig waren. Eine ganze Reihe solcher Spieler saßen uns im Nacken. Aber diese Fernduelle machten uns auch noch stärker.

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