Alaa Al-Hashimy im Interview - Der Irak gewinnt den Asien-Cup

„Ein Sieg für den Nationalstolz“

Der Irak hat überraschend den Asien-Cup gewonnen. Robert Ide sprach mit dem irakischen Botschafter Alaa Al-Hashimy über den sportlichen Triumph, die politische Bedeutung und den Traum von einem einigen Land. Imago

Herr Al-Hashimy, wann haben Sie zuletzt ein Fußballspiel im Irak gesehen?

Ach, das ist sehr lange her, bestimmt schon 30 Jahre. Das war im Bagdader Nationalstadion, das es heute noch gibt. Wenn ich ein Fußballspiel besuche, erfreue ich mich an den vielen verschiedenen Menschen auf den Rängen. Der Sport bringt sie alle friedlich zusammen.

Wie haben Sie den Sieg der irakischen Nationalmannschaft beim Asien-Cup erlebt?

Ich saß in Berlin mit Freunden zusammen. Schon Stunden vor dem Finale kamen Berichte auf irakischen Sendern – schon fühlte man sich, als wäre man dabei. Die ganze Nation hat mitgefiebert, am Ende waren alle Iraker geeint, egal wo sie wohnen. Sie müssen wissen, es gibt mindestens fünf Millionen Iraker, die über die ganze Welt verstreut sind.

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Waren Sie nicht traurig, in diesem Moment nicht in Bagdad sein zu können?

Wir Iraker haben uns daran gewöhnt, unser Land im Satellitenfernsehen zu sehen. Während der Diktatur von Saddam Hussein mussten wir lernen, außerhalb des Iraks zusammenzufinden. Natürlich ist das auch etwas traurig. Aber es war rührend zu sehen, wie sich die Menschen im Irak auf den Straßen umarmt haben.

Aber wieder gab es Tote wegen der Salutschüsse bei den Freudenfesten.

Die Straßen in Bagdad waren aus Sicherheitsgründen gesperrt. Die Regierung wollte verhindern, dass Fans wieder zur Zielscheibe terroristischer Anschläge werden. Also haben die Iraker in Cafés, bei Freunden und Verwandten das Spiel verfolgt. In sicheren Gebieten etwa im Nordirak wollten sich die Leute nicht am Feiern auf der Straße hindern lassen, ja, da gab es auch Schüsse. Aber das Wichtigste dieses Tages war: Muslime, Christen und Kurden, alle feierten vereint als ein Volk der Iraker. Das spiegelt genau den Geist der Mannschaft wieder.

Wie wichtig ist Fußball denn im Irak?

Fußball hat die wichtige Aufgabe, die Menschen zusammenzubringen. Noch nie habe ich die gemeinsame Begeisterung so deutlich erlebt wie beim Spiel am Sonntag. Die Iraker haben ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft gezeigt, sie lieferten den Beweis für ihre Einigkeit.

Der Sieg kam überraschend. Hat die Stärke der Mannschaft auch etwas mit Trotz zu tun?

Natürlich war das eine Spitzenleistung der Löwen von Tigris und Euphrat – so nennen wir unser Team. Es ging um mehr als um Fußball, unsere elf Jungs haben für das Land gespielt. Jeder Spieler trug eine schwarze Binde am Arm, um zu zeigen, dass das Volk und die junge Demokratie zu leiden haben.

Gibt es eine politische Botschaft, die von der Mannschaft ausgeht?

Die Spieler kommen aus allen Volksgruppen. Ihre Botschaft ist klar: gemeinsam als Iraker das Leben bejahen, Zuversicht demonstrieren. Sie zeigen, dass man sich vom Terror nicht einschüchtern lässt und sich trotz aller Unterschiede in Religion und Kultur als ein Volk sieht. Es war ein Sieg für einen neuen Nationalstolz.

Aber die meisten Fußball-Nationalspieler sind doch gar nicht im Irak aktiv, weil Sie Angst vor Entführungen und Anschlägen haben.

Auch wenn Sie es nicht glauben wollen: Bei uns herrscht nicht überall Chaos. Wir haben eine Regierung, viele Kinder gehen zur Schule, und es gibt Gegenden, in denen Fußball gespielt wird – zum Beispiel im Nordirak. Natürlich können die Iraker sich aus Sicherheitsgründen selten in großen Stadien aufhalten. Es finden aber Ligaspiele auf örtlicher Ebene im Norden und Süden statt. Deutschland hat es nach dem Zweiten Weltkrieg auch geschafft, das Land wieder aufzubauen. Warum soll uns das nicht gelingen?

Gibt es Hilfe aus Deutschland für den irakischen Fußball?

Bis jetzt leider noch nicht. Wir brauchen vor allem Unterstützung bei der Renovierung von Stadien.

Wann werden Iraker wieder ohne Angst in ein Fußballstadion gehen können?

Um Stabilität in den Irak zu bringen, muss noch mehr auf menschlicher Ebene getan werden, nicht nur auf politischer. Gelehrte und Würdenträger, die die Menschen erreichen, könnten sich stärker einsetzen, um den Terrorismus aus dem Land zu vertreiben. Das Volk sehnt sich danach. Der Erfolg im Fußball hat die Einigkeit der Menschen deutlich gezeigt.

Wovon träumen Sie, wenn Sie an die Zukunft des irakischen Fußballs denken?

Mit dem Erfolg beim Asien-Cup hat sich schon ein Traum erfüllt. Mein ganz großer Traum wäre es aber, unsere Fußballer bei der WM 2010 in Südafrika spielen zu sehen.


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Das Interview erschien mit freundlicher Genehmigung von tagesspiegel.de .

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