Aki Schmidt über Dortmunds Meisterschaft 1957

»Der schlimmste Tag meines Lebens«

Der Gewinn der Deutschen Meisterschaft wurde 1957 zu der größten persönlichen Enttäuschung von Aki Schmidt: Er durfte nicht spielen, weil Trainer Helmut Schneider die exakt gleiche Elf auflaufen lassen wollte, die im Vorjahr den Titel geholt hatte. Aki Schmidt über Dortmunds Meisterschaft 1957imago

Aki Schmidt, ich habe gehört, dass Sie von ihrem ersten Training bei Borussia zu Fuß nach Hause gegangen sind, weil das Niveau Sie so beeindruckt hatte. Stimmt das?

Ja, das stimmt. Ich spielte bei meinem Heimatverein Berghofen in der Jugend, und Borussia hatte bereits ein Auge auf mich geworfen. Also haben die mich als 15-jährigen ins Auto gepackt und mit zum Training genommen. »Bumbas« Schmidt trainierte den BVB. Ich habe mir das Training angeschaut und die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. In dem Moment habe ich erst gemerkt, was Fußball ist: Schnelligkeit, Technik, Kreativität und das Zusammenspiel der Mannschaft. Ich wusste nur, ich muss noch unglaublich viel trainieren, um da hin zu kommen. Ich bin still und leise abgehauen und über die Gleise zu Fuß nach Berghofen zurückgegangen. Die haben mich gar nicht mehr gesehen.

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Wie kam schließlich 1956 der Wechsel von Berghofen zur großen Borussia zu Stande?

Ich war 20 Jahre alt, mit Berghofen zweimal aufgestiegen. Ich habe immer gesagt: »Ich muss geholt werden, sonst geht das nicht.« Dann kam in Berghofen Borussias Obmann Dolle mit einem schwarzen Opel Kapitän vorgefahren. Berghofen war ein Malocherstadtteil und private PKWs waren selten, erst recht ein Opel Kapitän. Alle wussten: »Jetzt holen sie den Jungen!« Ich habe bei Borussia sofort in der ersten Mannschaft gespielt und nach einem halben Jahr wurde ich bereits Nationalspieler.

Woher kam die »Aufstiegsenergie«?

Ich habe als Kind erlebt, wie wir während des Krieges in Berghofen total ausgebombt wurden. Meine Mutter hatte ein kleines Kolonialwarengeschäft, das auch weg war. Wir standen mit nichts da, nur mit dem, was wir am Körper hatten. Diese Erfahrung hat mich unheimlich geprägt. So wollte ich nie wieder dastehen.

Sie sind in die Mannschaft gekommen, die 1956 Meister geworden war. Und am Ende Ihrer ersten Saison stand wieder ein Endspiel an…

Das war der schlimmste Tag in meinem Fußballer-Leben. Natürlich habe ich dem Endspiel entgegengefiebert. Am Morgen des Finales kam Trainer Helmut Schneider zu mir ans Bett und teilte mir seine Entscheidung mit, die gleiche Elf vom Vorjahr auflaufen zu lassen. Die Tränen liefen ihm dabei herunter. Da habe ich zu ihm gesagt: »Hören Sie auf, Herr Schneider, ich kann das hier nicht ertragen. Wir werden heute gegen den HSV gewinnen, und ich kann nicht mithelfen. Ich habe meine Koffer schon gepackt und haue ab nach Hause.« - »Das können Sie nicht machen«, sagte er, »das ist ein Skandal» – »Nein«, antwortete ich, »der Skandal ist, dass Sie mich nicht aufstellen!« Damit war das Gespräch beendet. Am Ende kamen Adi Preißler und Max Michallek zu mir und sagten: »Junge, du fährst nicht nach Hause und bleibst hier bei uns.« 

In den letzten Jahren der Oberliga West bestand die Konkurrenz zum 1. FC Köln. Wollte man die Großstädter vom Rhein besonders bügeln?

Wollen ja, aber man konnte es nicht, weil die so stark waren. Der 1. FC war Dank des Präsidenten Franz Kremer der modernste Klub der Oberliga. Er war ein Visionär und seiner Zeit weit voraus. Die sportliche Qualität stimmte, aber der Kölner war gegenüber dem »Kohlenpott« immer etwas hochnäsiger. Die haben uns ein bisschen von oben herab angeschaut, und das war im Endspiel 1963 unsere große Motivation. Wir waren so etwas von heiß und haben 3:1 gewonnen. Die hatten an dem Tag wirklich keine Chance gegen uns.

War früher die Identifikation der Anhänger mit den Vereinen größer?

Das war etwas anderes als heute. Ich selbst hörte 1949 das Endspiel von Borussia Dortmund gegen den VfR Mannheim im Radio. Den Klang des Reporters habe ich bis heute im Ohr, und wie Borussia kurz vor Schluss verlor. Ich habe selten geweint im Leben, aber da habe ich ordentlich geheult. »Borussia« – man hat sich damit identifiziert. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie die Leute damals für Borussia waren. Mit wem oder was konnten sich die Leute hier identifizieren? Wir waren immer Kohlenpott, richtige Arbeiter mit Blaumann an oder Bergleute von unten. Dieses »wir« zwischen Mannschaft und Zuschauer konnte man manchmal regelrecht greifen, an zauberhaften Nächten wie dem legendären 5:0 über Benfica Lissabon. Etwas davon hat sich bis heute vererbt. Für so manchen ist der BVB auch Familiengeschichte. Hier in Dortmund wird kein Bier mehr gebraut, keine Kohle mehr geholt und die Stahlwerke sind auch nur noch wenige, aber Borussia ist geblieben.

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