06.05.2013

Ailton über Werder, Hassia Bingen und Kaffee-Werbung

»Werder ohne Schaaf? Das geht doch gar nicht«

Ailton spielt seit sieben Jahren nicht mehr in der Bundesliga, trotzdem ist er in Werbeclips oder Spielshows dauerpräsent. Warum macht er das? Ein Gespräch über Geldsorgen, alte Zeiten und Thomas Schaaf.

Interview: Sebastian Knoth Bild: Imago

Ailton, Sie stürmen seit Sommer 2012 für den rheinhessischen Verbandsligisten Hassia Bingen. Nach einem Traumstart zu Beginn, als Sie am ersten Spieltag auf Anhieb zwei Treffer erzielten, standen Sie in den vergangenen Partien nicht mehr in der Startelf? Woran liegt's?
Leider plagen mich seit ein paar Wochen Verletzungssorgen. Ailton wird im Sommer 40 Jahre alt, ich bin ein alter Mann (lacht). Mein Körper benötigt immer längere Regenerationsphasen. Außerdem war und bin ich ein fauler Kerl: Das Spiel der Mannschaft muss auf mich zugeschnitten sein, das Team muss für mich mitlaufen, damit ich vorne meine Tore schießen kann. Das ist aktuell in Bingen nicht der Fall.
 
Momentan ist Hassia Bingen Tabellenletzter. Halten Sie dem Verein auch im Falle eines Abstiegs die Treue?
Das kann ich im Augenblick nicht beantworten. Der Verein und sein Manager suchen zurzeit einen weiteren Sponsor, sollten sie diesen finden, ist ein Verbleib bei Hassia Bingen möglich. Meine Frau und meine Kinder fühlen sich zudem in der Region sehr wohl und als Familienvater muss ich bei der Entscheidung natürlich auf sie Rücksicht nehmen. Ich würde mich freuen, im Klub zukünftig auch andere Funktionen zu übernehmen, beispielsweise als Jugendtrainer, aber wie gesagt, das steht momentan noch in den Sternen...
 
Verletzungssorgen, 6. Liga, Abstiegskampf. Viele Ihrer Fans und Bewunderer vergangener Tage fragen sich heute: Warum tut sich Ailton auf die alten Tage noch Amateurfußball an?
Ganz einfach: Mein Manager wollte, dass ich ausschließlich geschäftliche Termine wie Werbespots und andere TV-Auftritte wahrnehme und so den Namen und die Marke Ailton besser vermarkte. Aber das entsprach nicht meinen Vorstellungen: Ailton kann nicht zu Hause auf der Couch sitzen, Kaffee trinken und auf ein Telefongespräch warten. Und bei Hassia Bingen stimmte das Gesamtpaket: Hier kann ich Fußball spielen, mich fit halten und nebenbei meinen geschäftlichen Verpflichtungen nachgehen.
 
Apropos Geschäfte: Sie haben einen Energy-Drink namens »Kugelblitz« auf den Markt gebracht, die CD »Ailton Sensation« aufgenommen, hielten die Zuschauer des Dschungelcamps bei Laune und sind als Feinschmecker in einem Kaffee-Werbespot zu sehen. Genießen Sie es, dass der Name Ailton noch immer im Medienzirkus präsent ist?
Darum geht es mir nicht, ich kann vielleicht noch ein oder zwei Jahre Fußball spielen und danach muss ich schauen, dass ich weiterhin die Rechnungen bezahle, laufende Kosten abdecke und für meine Familie in Deutschland und Brasilien sorge. Klar, das Leben eines Profi-Fußballers ist sehr teuer, aber ich rede hier nicht von Kleidern und Autos, das war gestern, jetzt muss ich an meine Zukunft denken.
 
Lassen Sie uns trotzdem über Ihre Vergangenheit reden: Sie sollen erst im Alter von 16 das erste Mal für einen Fußball-Klub aufgelaufen sein.
Noch später, erst mit 18 Jahren...
 
So spät? Junge Spieler wie Mario Götze wechseln heutzutage bereits als Jugendliche zu großen Klubs und erlernen in den Vereinsinternaten das Fußball-ABC von klein auf. Wo haben Sie das Fußballspielen gelernt oder hat es Ihnen der Vater in die Wiege gelegt?
Mein Vater? Niemals! Ich glaube, der hat zu Lebzeiten noch nie gegen einen Ball getreten. Ich glaube auch nicht, dass man Fußballspielen erlernen kann. Einige Spieler haben Talent, andere nicht. Ein guter Spieler wird als guter Spieler geboren...
 
Aber auch der »kleine Ailton« wird mit seinen Kumpels gekickt haben, oder?
Klar, wir haben auf der Straße und auf unebenen Feldern barfuß gespielt, dieser Tatsache verdanke ich meine gute Technik und kann auch auf einem schlechten Rasen spielen. Das ist heute anders: Die jüngere Generation ist in dieser Hinsicht sicherlich etwas verwöhnter, die meckern ja schon, wenn ihnen die Eltern die falschen Fußballschuhe kaufen.
 
1998 wechselten Sie aus der mexikanischen Liga zu Werder Bremen. Wie kam der Deal seinerzeit zustande?
Werder und der damalige Trainer Wolfgang Sidka hatten sich bereits ein Jahr zuvor um mich bemüht, hielten aber die Ablöseförderungen meines Klub FC Guarani für zu hoch. Also wechselte ich zunächst zu Tigres nach Mexiko, um dann schließlich doch bei Werder zu landen.
 
In der ersten Spielzeit bei Werder verlief nicht alles nach Plan: Ihr Förderer Wolfgang Sidka wurde bereits nach dem 8. Spieltag entlassen und unter seinem Nachfolger Felix Magath fanden Sie sich vorwiegend auf der Bank wieder. Diese Situation änderte sich erst, als Thomas Schaaf im Mai 1999 das Ruder an der Weser übernahm. Was machte er im Vergleich zu seinem Vorgänger anders?
Zunächst einmal nichts, denn auch unter ihm war ich in den letzten Spielen der Saison nicht gesetzt. Ich sei nicht gut integriert, wäre unmotiviert und zeige keine Leistung im Training, hieß es. Aber in der Saison 1999/2000 schenkte er mir schließlich das Vertrauen und ließ mich spielen, was das wichtigste war – Thomas Schaaf habe ich viel zu verdanken. Außerdem wechselten Claudio Pizarro und Julio Cesar zu uns, mit denen ich mich auf Anhieb gut verstand, so dass ich mich in Bremen immer wohler fühlte.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden