12.02.2012

Afrob über den Fußball in den 90ern

»Matthäus war der Chef«

Eigentlich wollte Robert Zemichiel Profi beim VfB Stuttgart werden. Doch dann kamen HipHop, Partys und Drogen – und aus Robert wurde Afrob. Fußball lässt ihn dennoch nicht los. Wir sprachen mit ihm über seine Prägung.

Interview: Andreas Bock und Benjamin Apitius Bild: Katja Kuhl / Tse Tse Promo

Robert Zemichiel, von hier zum Stuttgarter Neckarstadion sind es 637,2 Kilometer.

Afrob: Zum Glück bin ich kein Freiburg-Fan.   

Vermissen Sie Fußball?

Afrob: Natürlich, ein bisschen schon. In Berlin, wo ich seit einiger Zeit wohne, ist Fußball jedenfalls anders als in Stuttgart. 



Inwiefern?

Afrob: Weil in Berlin kaum Berliner leben (lacht). Das Bekenntnis zum Verein der Stadt ist demnach nicht so präsent wie etwa in Bremen, Hamburg oder eben Stuttgart. Dort siehst du an jeder Straßenecke Hinweise darauf, welcher Klub unterstützt wird. Vielleicht liegt es in Berlin aber auch daran, dass die großen Erfolge ausbleiben. Ich kann mir vorstellen, dass es für viele Berliner ernüchternd sein muss, als Hauptstädter nie vorne mit dabei zu sein. Man braucht sich nur die anderen europäischen Ligen angucken: Dort gibt es mitunter vier Klubs aus der Hauptstadt, die regelmäßig um Titel mitspielen. Du hast hier in den letzten Jahren selten einen Moment gehabt, wo du sagen konntest: das war ein Schlüsselspiel, nun ist die Hertha mein Verein.

Welches war Ihr Schlüsselspiel?

Afrob: Zwei Spiele sind für mich sehr wichtig. Das eine ist das Spiel meines Lebens, das andere ein sehr prägendes Spiel. Das war 1988 und mein allererstes Spiel im Stadion: Der VfB spielte im Derby gegen die Stuttgarter Kickers. Ich war elf Jahre alt und wurde von meinen Kumpels mitgenommen. 76.000 Zuschauer im Stadion – das war der Wahnsinn.   

Warum wurden Sie nicht Kickers-Fan?

Afrob: Weil der VfB an dem Tag 4:0 gewonnen hat (lacht). Im Ernst: Die Mannschaft des VfB war damals grandios: Jürgen Klinsmann, Fritz Walter, Karl Allgöwer, Guido Buchwald. Geile Typen, die sahen schrecklich aus, hatten Kanten im Gesicht und achteten nicht ständig darauf, ob die Frisur sitzt. Die rannten um ihr Leben. Dazu dieser unentwegte Lärm im Stadion. Sowieso: Meine frühen VfB-Jahre haben mich sehr geprägt.   

Wieso?

Afrob: Ein Jahr später sah ich das Uefa-Cup-Finale zwischen dem VfB und Neapel. Ich hatte das Glück, dass mein damaliger Nachbar, ein Italiener, eine Karte hatte, aber nicht ins Stadion konnte. Also gab er mir die Karte. Ich stand mitten im Neapel-Block, hinter mir ein paar assige VfB-Fans. Das Spiel ging 3:3 aus, das Hinspiel hatte Neapel mit 2:1 gewonnen. Somit gewannen sie den Cup. Doch das war in dem Moment fast nebensächlich, denn dieses Spiel hatte einen Moment, den ich nie vergessen werden. Als sich alle Spieler bereits warm machten, fehlte einer: Diego Maradona. Ich hatte schon die Befürchtung, er würde nicht spielen. Doch dann sehe ich auf einmal, wie dieser kleine Typ aus den Katakomben dackelt. Plötzlich fängt das ganze Stadion an zu vibrieren. Er hält ein paar Mal den Ball hoch, passt ein paar Bälle mit seinem Kollegen, zack, zack, wieder ein paar hoch, dann geht er wieder rein.   

Sie fanden das nicht arrogant?

Afrob: Klar, war das irgendwie arrogant. Aber ich fand es in dem Moment auch wahnsinnig cool. Vor allem so mitten im Neapel-Block.  

Wo standen Sie normalerweise?

Afrob: In der Stehkurve, im C-Block.   

Haben Sie sich wohl gefühlt?

Afrob: In den späten 80er und frühen 90er Jahren war es schwierig dort zu stehen.

Aufgrund Ihrer Hautfarbe.

Afrob: Genau. Oftmals habe ich mir vorher die Kader der Gegner angeschaut und bin nur zu den Spielen gegangen, wenn ich wusste, dass kein Schwarzer im Kader der gegnerischen Mannschaft stand. Wenn etwa Wattenscheid mit Souleyman Sané kam, bin ich zu Hause geblieben, denn da war das Stadion die Hölle. Manchmal erwarteten mich im Stadion aber auch böse Überraschungen. Dortmund hatte zu der Zeit einige Schwarze im Nachwuchs, von denen ich erst erfuhr, als ich die kompletten Kader im Stadion sah. Wenn die eingewechselt wurden, stimmte das ganze Stadion zum Affengebrüll an. Dazu Gesänge aus dem Dritten Reich: »Husch, husch, Neger, husch, husch.«   

Haben Sie sich gewehrt?

Afrob: Was sollte ich sagen? Ich war viel zu jung, um mich mit diesen Typen anzulegen.   

Souleyman Sané sagte einmal in einem Interview, dass er keinen Zorn gegen die Fans verspürte, die ihn ausgebuht haben. Er spricht von Menschen, die ihren Lebensfrust in der Kurve ließen. Sehen Sie das auch so?

Afrob: (überlegt) Nein. Natürlich ist eine Fankurve keine Akademiker-Runde und natürlich fallen da Sprüche, die übel sind, doch ich denke, dass viele von denen auch sonst rassistisch dachten. Einer solchen Denke liegt natürlich auch Neid und aufgestauter Frust zugrunde, doch muss muss hier dennoch ausdrücklich von Rassismus sprechen. Alles andere würde das verharmlosen.  

Wie lange hielten Sie die Sprechchöre aus?

Afrob: Bis 1992. Danach konnte ich nicht mehr. Dabei waren es nicht mal die Sprechchöre, die mich zermürbt haben, die »Sieg, heil!«-Rufe im Stadion waren zumindest noch harmlos gegen das, was meine Freunde und ich auf dem Weg zum Stadion erlebten. Ich wurde gedemütigt und habe mich geschämt. Damals schwor ich mir: Ich gehe nie wieder in ein deutsches Fußballstadion. Und so wurde ich zum Fernseh-Fan.   

Sie waren seitdem nicht mehr im Stadion?

Afrob: Doch, klar. Aber es hat einige Jahre gedauert, und das nächste Mal saß ich auf der Haupttribüne.   

Einige Leute sagen, die Rechten im Stadion seien heute nicht weniger geworden, man würde sie nur nicht mehr erkennen.

Afrob: Man kann natürlich nicht jedem in den Kopf gucken und seine Gesinnung überprüfen, doch ich glaube, dass es besser geworden ist. Diese Aggression von damals ist heute zumindest nicht mehr vorhanden. Heute gehen auch viel mehr Familien mit Kindern hin. Ich finde, der DFB geht mit der Thematik mitunter auch gar nicht so schlecht um.  

Obwohl er in dieser Hinsicht auch viel Kritik einstecken musste.

Afrob: Das mag sein, doch während der U21-EM wurde ich Fan von Theo Zwanziger. Ein Typ hatte ihm einen Brief geschrieben und darin gefragt, warum in der Nationalmannschaft so viele Schwarze und so wenig Deutsche spielen würden. Das war so ein Deutscher, der darauf nicht klar kommt, dass Deutsche mitunter keine helle Hautfarbe haben und volksdeutsch sind. Zwanziger antwortete in einem Satz: »In der deutschen Nationalmannschaft spielen grundsätzlich nur Deutsche.« Das hat mich irgendwie berührt. Der hat kein großes Fass aufgemacht, sondern einfach diesen sehr wahren Satz geschrieben.   

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden