Aberglaube im EM-Halbfinale? Eine Parapsychologe klärt auf

»Italiener haben den Bösen Blick«

Das Klischee ist bekannt: Italiener gelten als abergläubisch. Doch was ist davon zu halten? Zieht der Halbfinalgegner Kraft aus Ritualen, die die Deutschen nicht einmal kennen? Ist die Vorentscheidung also schon gefallen? Wir fragten nach bei Walter von Lucadou, dem Leiter der parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg.

Walter von Lucadou, Italien gilt als sehr abergläubisches Land. Was sagen Sie dazu?

Das ist für mich nur ein Vorurteil. Es ist eine anthropologische Konstante, dass man andere Nationen als abergläubischer bewertet als sich selbst. Aber Aberglaube kommt überall auf der Welt vor und ist etwas ganz Normales und Selbstverständliches.

Gibt es dennoch einen Punkt, der die Italiener von den Deutschen abhebt?
In Italien ist der sogenannte „böse Blick“ verbreitet. Wobei das eher nichts mit Aberglauben zu tun hat, sondern in Richtung Magie geht. Einige Menschen glauben, dass sie anderen allein durch ihren Blick Schaden zufügen können. Es gibt dazu wissenschaftliche Abhandlungen, die regelrechte gesellschaftliche Konflikte aufzeigen: Als italienische Gastarbeiter in den Sechzigern nach Deutschland oder in die Schweiz kamen, wurde ihnen von den Einheimischen dieser Blick nachgesagt.

Wie zeigt sich der böse Blick denn auf dem Fußballplatz?


Sie kennen ja die emotionalen italienischen Fußballer, die mit dem Gegenspieler oder dem Schiedsrichter in engem Blickkontakt stehen. Da kann man durchaus Ansätze eines „bösen Blickes“ erkennen. In Deutschland gibt es den übrigens auch, doch er ist bei Weitem nicht so verbreitet wie in Italien, wo der Glaube an Magie einfach stärker ist.

Also sollten wir uns vor den Italienern am Donnerstag fürchten?
Nein. Da stehen Profis auf dem Platz, die beherrschen ihr Handwerk viel zu gut, als dass sie sich von solchen Dingen beeinflussen lassen würden. Dann wären sie in ihrem Spiel ja nicht weit gekommen. Wobei ein milder Aberglaube im Fußball durchaus sehr hilfreich sein kann.

Wie meinen Sie das?


Es ist doch so: Eine Mannschaft, die glaubt, das Spiel schon gewonnen zu haben, ist auf unvorhersehbare Dinge in den meisten Fällen nicht gut vorbereitet. Sobald man viele Spiele hintereinander gewonnen hat, kann das einen den Eindruck gewinnen lassen, die uneingeschränkte Kontrolle zu besitzen. Doch irgendwann wird sich das rächen. Abergläubische Spieler hingegen können mit solchen Wendungen besser umgehen. Durch ihre abergläubischen Strategien haben sie sich schon zuvor eingestanden, dass sie in komplexen Situationen nicht alles im Griff haben.

Wie kann der Aberglaube einem Fußballer außerdem noch helfen?


So, wie er es überall kann. Durch Aberglauben entsteht zum Beispiel innerhalb einer Gruppe ein Kommunikationsansatz. Skifahrer wünschen sich traditionell „Hals- und Beinbruch“, wenn sie sich auf die Piste stürzen. Schauspieler klopfen sich auf die Schulter und sagen vor einem wichtigen Auftritt „Toi, toi, toi“. Bei Fußballern ist es der Mannschaftskreis. Der fördert den Zusammenhalt.

Und wie kann der Aberglaube einem Spieler schaden?


Sobald er ihn ihm Griff hat. Dann verpasst dieser Spieler es womöglich, innerhalb einer Partie die richtige Entscheidung zu treffen.

Walter von Lucadou, wenn Italien gegen Deutschland spielt, werden wir dann abergläubische Rituale zu sehen bekommen?


Das glaube ich nicht. Aberglaube vollzieht sich vor dem eigentlichen Ereignis. Das können Sie auch bei sich selbst sehen: Wenn Sie eine wichtige Prüfung haben, gehen Sie aus Aberglauben am Tag davor vielleicht noch mal spazieren oder machen irgendwas anderes, das ihnen bei den letzten Malen gutgetan hat und deshalb schon einem Ritual ähnelt. Während der Prüfung zählt das aber nicht mehr. Dann zählt ihre Leistung. Auch deshalb bin ich mir sicher, dass Aberglaube das Spiel nicht entscheiden wird.

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