Aachens Topstürmer Benjamin Auer im Interview

Benny Auer: »Fußball ist ein Scheißgeschäft«

Vor zehn Jahren galt Benjamin Auer als »Deutschlands größtes Sturmtalent«. Nach vielen Problemen hat er in Aachen seine sportliche Heimat gefunden. Ein Gespräch über ewige Talent, Hans Meyer und das »Scheißgeschäft Fußball«. Aachens Topstürmer Benjamin Auer im InterviewImago

Benjamin Auer, die »Bild«-Zeitung hat sie 2001 als das »größte deutsche Sturmtalent« bezeichnet. Zu Recht?

Benjamin Auer: (lacht) Das ist schon so lange her. Ich hatte damals eine gute Zeit, gerade in den Jugendnationalmannschaften, wo ich regelmäßig getroffen habe. Leider konnte ich dass in Gladbach (wo Auer zwischen 2000 und 2002 spielte, d. Red.) nicht zeigen.

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Sie waren 2001 bei der U20-WM unter den Top-Torjägern. Hat Sie dieser frühe Erfolg belastet?

Benjamin Auer: Nein. Ich habe mich richtig gut gefühlt. Aber dann habe ich mir im letzten Spiel der U20-WM das Kreuzband gerissen. Das war ein bitterer Moment.

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Sie galten als Riesentalent. Die Szene war in ständiger Erwartung einer Leistungsexplosion. Haben Sie sich da nicht auch selbst Druck gemacht?

Benjamin Auer: Eigentlich nie. Ich war immer recht entspannt.

Aber vor Ihrem Wechsel nach Mainz im Jahr 2003 haben Sie gesagt, dass Sie sich auch selbst Druck machen, um den Durchbruch zu schaffen.

Benjamin Auer: Ich habe damals in Gladbach kaum gespielt und als ich nach Mainz kam, hieß es: »Jetzt kommt das große Talent und spielt mit uns um den Aufstieg!« Da wollte ich die Erwartungen natürlich gerne erfüllen.

Sie hatten in Gladbach mit Anfang 20 den 32-Jährigen Arie van Lent vor sich. Ihr Trainer Hans Meyer hat trotzdem auf ihn gesetzt.

Benjamin Auer: Arie hat seine Leistung immer gebracht (van Lent traf zwischen 2002 und 2002  28-mal für Gladbach, d. Red.). Und wenn man dann einen Trainer hat, der nicht gerade für die Förderung junger Spieler bekannt ist, hat man es umso schwerer.

Sie hatten regelmäßig Ärger mit Hans Meyer. Hat das Ihre Entwicklung gehemmt?

Benjamin Auer: Es hat auf jeden Fall Selbstvertrauen gekostet. Das Problem war einfach, dass Hans Meyer es noch nie mochte, wenn junge Spieler in der Öffentlichkeit hochgejubelt werden. Und das war bei mir damals sogar sehr extrem der Fall.

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Haben Sie seine ständige Kritik als bösartig empfunden?

Benjamin Auer: Hans Meyer ist nun mal Hans Meyer. Damals ging mir das schon ein wenig auf die Nerven, aber im Nachhinein relativiert sich so etwas. Es war ein Prozess, bei dem ich viel über das Fußballgeschäft gelernt habe. Aber meiner Entwicklung als Fußballer hat es sicherlich nichts gebracht.

Was haben Sie daraus gelernt

Benjamin Auer: Im Fußball kann man heute hochgejubelt werden und morgen ist alles vorbei. Was das angeht, ist der Fußball ein Scheißgeschäft.


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Sie selbst haben sich mal als »Straßenfußballer« bezeichnet. Sieht man vielleicht deshalb heute mehr junge Spieler, weil die Ausbildung einfach besser ist?

Benjamin Auer: Der DFB und die Bundesliga mit den Leistungszentren haben mittlerweile wirklich sehr gute Konzepte. Viele junge Spieler sind bei ihren Vereinen in Internaten und trainieren den ganzen Tag. Da dreht sich eben alles nur um Fußball. Zu meiner Zeit war das noch nicht so extrem. Mein Vater hat mich jeden Tag 60 Kilometer zum Training nach Kaiserslautern gefahren. Ich bin erst im letzten Jahr der A-Jugend zum KSC gewechselt und wurde dort Profi.

2005 waren Sie dann laut eigener Aussage ein »Talent im Endstadium.« Was genau haben Sie damit gemeint?

Benjamin Auer: Als junger Spieler wurde ich »Talent« genannt, später war ich dann ein »ewiges Talent.« Da fand ich diesen Spruch ganz witzig.

Wann haben Sie es geschafft, sich von diesem ganzen Talentgerede innerlich zu verabschieden?

Benjamin Auer: Jetzt bin ich 30 und sicherlich kein Talent mehr (lacht). Ich bin mit meiner Karriere sehr zufrieden. Ich habe in den letzten Jahren sehr gutes Geld verdient und mir ein zweites Standbein als Fitness-Ökonom aufgebaut (Auer besitzt drei Fitnessstudios, d. Red.). Für mich wäre es kein Problem, wenn es von heute auf morgen mit der Fußballkarriere vorbei sein sollte.

Denke Ihre Kollegen ähnlich?

Benjamin Auer: Viele nicht. Die Meisten spekulieren darauf, später Trainer oder Manager zu werden. Andere machen sich gar keine Gedanken.

Wann haben Sie angefangen, sich entsprechende Gedanken zu machen?

Benjamin Auer: Als ich mir 2001 bei der U20-WM das Kreuzband gerissen habe. Man weiß ja nie, in welcher Form es nach so einer Verletzung weiter geht. 2004 habe ich dann mit 23 mein erstes Fitnessstudio eröffnet.

In Aachen haben Sie in 80 Spielen 41 Tore geschossen. Warum läuft es so gut?

Benjamin Auer: Ich fühle mich hier einfach wohl. Meine Frau und ich haben in Aachen eine zweite Heimat gefunden. Deshalb habe ich hier auch einen Drei-Jahres-Vertrag unterschrieben. Es macht mir einfach sehr viel Spaß, für die Alemannia zu spielen.

Liegt es auch an der lockeren Atmosphäre in Aachen?

Benjamin Auer: Ein familiäres Umfeld ist immer förderlich. Und eine gute Beziehung zu Trainer und Manager auch. Damals in Gladbach habe ich immer zwei Tage überlegt, ob ich in Hans Meyers Büro gehe, um ihn etwas zu fragen.

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Mittlerweile sind Sie in Aachen sogar Kapitän. Eine Ehre?

Benjamin Auer: Ich bin ja quasi dazu genötigt worden (lacht). Als Cristian Fiel das Amt vergangenes Jahr im Winter niedergelegt hat, wollte es keiner machen. Da haben Erik Meijer und Michael Krüger (damals Trainer in Aachen, d. Red.) mich gefragt, ob ich Lust hätte. Ich habe meinen Vater angerufen und um Rat gefragt.

Und was hat er Ihnen gesagt?  

Benjamin Auer: »Du hast schon so viel Scheiße im Fußball gemacht: das fehlt dir eigentlich noch.« Da war mir klar. Das nehme ich auch noch mit.


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