2012/13: René Adler über sein Comeback beim HSV

»Es ist brutal, austauschbar zu sein«

50 Jahre, 50 Spieler: 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Mit René Adler sprachen wir über die Saison 2012/2013 und sein Comeback beim HSV.

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René Adler, hätten Sie gedacht, dass Sie nicht einmal zwölf Monaten nach ihrem Wechsel zum Hamburger SV wieder fest zum Kader der deutschen Nationalmannschaft gehören würden?
Nein, ganz ehrlich, daran habe ich nicht gedacht. Natürlich hatte ich die Nationalmannschaft als langfristiges Ziel im Hinterkopf, doch dass es von Anfang an bei mir so gut laufen und mit dem Comeback in der Nationalmannschaft so schnell gehen würde, das habe ich nicht gedacht. Das ist ein bisschen wie im Märchen.
 
Wundern Sie sich manchmal selbst darüber, wie schnell es im Laufe ihrer Karriere sowohl aufwärts als auch abwärts gehen kann?
Das war schon extrem bisher, stimmt. Ich kam bei Bayer recht unvermittelt ins Tor, und dann ging es rasend schnell weiter bis in die Nationalmannschaft. Als ich mich dann verletzt habe und sowohl in der Nationalmannschaft als auch in Leverkusen plötzlich komplett draußen war, da war es war brutal zu spüren, dass man austauschbar ist. Man weiß ja um diese Tatsache, aber es ist doch ein ekliges Gefühl, wenn man es tatsächlich erlebt. Mein Leben hatte ich zu dieser Zeit ja ausschließlich auf der Säule Fußball errichtet. Aber diese Erfahrungen helfen mir heute, mein Leben auf mehrere Säulen zu stellen, was mich ausgeglichener sein lässt. Und sie helfen mir, die jetzige tolle Phase realistisch einschätzen und gleichzeitig auch genießen zu können.

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Hatten Sie zwischenzeitlich selbst Zweifel an Ihrer Rückkehr auf die große Fußballbühne?
In der langen Zeit der Verletzungen war mein Selbstwertgefühl komplett weg. Und ich fühlte mich schlecht, ich bekam sogar Berührungsängste mit dem Stadion. Der Ort, an dem ich mich sonst am besten fühlte, sorgte dafür, dass mir total unwohl wurde. Ich war froh, wenn ich wieder zu Hause war. Heute weiß ich, dass ich mir damals viel zu viel Druck gemacht habe, der Körper sucht sich dann ein Ventil, und bei mir waren das die vielen Verletzungen. Ich musste damals wirklich aufpassen, dass ich nicht in eine Depression verfalle
 
Gab es in dieser Saison einen Moment, an dem sie wussten: Jetzt bin ich wieder der Alte?
Nein, nicht diesen einen bestimmten Moment, denn dafür ging tatsächlich alles zu schnell. Schon im Trainingslager wurde mir bewusst, dass die Verbindung mit dem HSV eine ganz besondere werden könnte. Als ich nach ein paar Tagen in voller Trainingsmontur an einem Spiegel vorbei ging, habe ich das, was ich sah, als total selbstverständlich hingenommen. Das wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Kein Wundern darüber, dass die Klamotten plötzlich blau statt rot waren, anderes Logo und so weiter. Ich sah in den Spiegel und dachte: sieht gut aus, und fühlt sich irgendwie auch total richtig an. Von da an lief es rund und eh ich mich versah, war ich wieder der Alte.

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Gibt es ein Spiel in dieser Saison, an das Sie sich besonders gerne erinnern?
Zwei. Die beiden Spiele gegen den BVB. Es kommt nicht so häufig vor, dass man zweimal in einer Saison den deutschen Meister und Pokalsieger schlägt. Im Hinspiel hatten wir noch eine gehörige Portion Glück, aber in der Rückrunde haben wir total verdient dort gewonnen. Und ich konnte noch nicht einmal so richtig was dafür, die Jungs vor mir haben einfach alles weggeräumt und tolle Tore geschossen. Dieses Spiel habe ich genossen.
 
Sehen Sie sich wieder bei Ihrer alten Leistungsstärke im Vergleich zu Ihren Glanzzeiten in Leverkusen?
Ich denke, das darf ich so sagen, ohne überheblich oder mich selbst überschätzend zu wirken. Es ging wie gesagt erstaunlich schnell, schneller als ich es selbst für möglich gehalten hätte, aber ich freue mich, dass ich wieder ein gutes Niveau erreichen konnte.

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In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe: 50 Spieler und Trainer erinnern sich an ihre prägendste Bundesligasaison

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