2010/11: Dede über seinen Abschied vom BVB

»Meine Familie saß vor dem Fernseher und hat geweint«

50 Jahre, 50 Spieler: 11FREUNDE lässt in der aktuellen Ausgabe die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Mit Dedé sprachen wir über die Saison 2010/2011 und seinen Abschied aus Dortmund.

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Dedé, wie gefällt es Ihnen in der Türkei?
Mir gefällt es sehr gut. Die Leute sind krank nach Fußball, vergleichbar mit der Leidenschaft aus Brasilien. Es fehlt auch hier teilweise das Geld, um regelmäßig ins Stadion zu gehen. Aber wenn dann erstmal 30.000 Leute im Stadion stehen, entsteht eine unfassbare Atmosphäre. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich mich hier so schnell zurecht finden würde.

Womit haben Sie denn gerechnet?
Ich habe 13 Jahre für Borussia Dortmund gespielt, da verliert man das Gefühl, noch einmal sein Herz an einen anderen Verein verlieren zu können. Ich habe nicht geglaubt, dass das möglich ist. Doch mittlerweile fühle ich mich hier wohl, auch weil ich zu Beginn mit meinem ersten Trainer Michael Skibbe eine vertraute Person in meinem Umfeld hatte.

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Dieser war letztlich entscheidend für Ihren Wechsel in die Türkei. War Herr Skibbe der prägendste Trainer während ihrer Zeit beim BVB?
Das kann man schon so sagen. Er war der erste Trainer, unter dem ich in Deutschland trainierte. Er war damals noch sehr jung, gerade 33 Jahre alt, und eine ganz wichtige Person für mich. Doch der Trainer, unter dem ich am meisten gelernt habe, war Matthias Sammer.

Und welcher Spieler hat ihnen zu Beginn ihrer Karriere am meisten geholfen?
Jürgen Kohler. Er hat mir gezeigt, wie man in der Bundesliga verteidigt. Ich war als Brasilianer zu Beginn noch etwas leichtsinnig. Im Grunde bin ich als Baby nach Deutschland gekommen und stand plötzlich neben Größen wie Jürgen Kohler, Julio Cesar oder Stefan Reuter in der Verteidigung. Diese Männer haben die Champions League gewonnen. Das muss man erstmal verdauen.

Ihr Abschied aus Dortmund war besonders emotional. Sind die Tränen nach knapp zwei Jahren getrocknet?
Mittlerweile fühlt es sich gut an, auf diese Zeit zurückzublicken. Ich bin unendlich stolz auf meine Jahre bei der Borussia und kann gar nicht beschreiben, wie schön sie war. Viele Journalisten haben mir nach meinem Wechsel gesagt, dass mein Abschied aus der Bundesliga einmalig gewesen sei. Es haben schon andere Spieler die Bundesliga verlassen. Größere und bessere Spieler als ich es gewesen bin, doch einen derart emotionalen Abschied hatte noch niemand erlebt. Selbst meine Familie in Brasilien saß vor dem Fernseher und hat geweint.

Wie sieht Ihr Kontakt nach Dortmund heute aus?
Ich habe noch immer mein Haus in Dortmund, meine Freundin und natürlich meinen Hund. Einmal im Monat bin ich dort, und es ist jedes mal ein Ereignis. Selbst am Flughafen werde ich von den Polizisten darauf angesprochen, dass ich doch eigentlich nach Dortmund gehören würde. Diese Momente zeigen mir, dass ich in meiner Karriere alles richtig gemacht habe.

In ihren letzten drei Heimspielen wurde von der Südtribüne regelmäßig ab der Schlussviertelstunde ihre Einwechslung gefordert. Wie wichtig war es Ihnen, sich noch auf dem Platz von den Fans verabschieden zu können?
Dass die Fans meine Einwechslung gefordert haben, war eine weitere emotionale Besonderheit. Für mich war es schön, noch einmal das Tor verteidigen zu können, das ich all die Jahre zuvor verteidigt habe. Zudem konnten sich die Fans auf dem Platz von mir verabschieden.

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Im letzten Spiel gegen Eintracht Frankfurt bekam der BVB kurz vor Ende einen Elfmeter zugesprochen. Und das Stadion forderte Sie als Schützen.
Und ich habe verschossen (lacht). Aber das war in diesem Moment egal. Die Leute haben mich gefeiert, als ob ich den Elfmeter verwandelt hätte. So etwas habe ich noch nirgendwo gesehen. Diese Situation beschreibt perfekt meine Zeit beim BVB.

Auch innerhalb der Mannschaft wurden Sie gefeiert. Mario Götze jubelte nach einem Tor mit ihrem Jersey unter dem Trikot. Haben sie gewusst, dass er etwas plante?
Nein, das habe ich damals nicht gewusst. Dieser Junge ist unglaublich. Wir verstehen uns sehr gut, telefonieren und treffen uns, wann immer ich mal wieder in Dortmund bin. Er ist wie ein Bruder für mich. Ich war in der Situation genauso überrascht wie alle anderen auch.

Bis er dann auf Sie zugerannt kam.
Er hat das Tor geschossen und kam auf mich zugerannt. Die Leute um mich rum haben schon gerufen: »Guck mal, er trägt dein Trikot.« Ich konnte das aus der Entfernung noch gar nicht erkennen. Dann kam er immer näher und näher in meine Richtung. Das war schon ein Schock (lacht).

Haben Sie sich die Bilder nochmals angeschaut?
Ich kann viele Dinge von damals immer noch nicht schauen. Das ist noch immer zu emotional. Gelegentlich schaue ich mir die ein oder andere Situation an, aber alles ist immer noch nicht möglich.

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In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe: 50 Spieler und Trainer erinnern sich an ihre prägenden Bundesliga-Momente

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