2006/07: Thomas Hitzlsperger über Stuttgarts Meisterschaft

»Uns kann niemand schlagen«

50 Jahre, 50 Spieler: 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Mit Thomas Hitzlsperger sprachen wir über die Saison 2006/2007.

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Thomas Hitzlsperger, Sie haben dem VfB Stuttgart 2006/07 – durch ein Traumtor im Meisterschaftsfinale gegen Energie Cottbus – den Titel ermöglicht. Wie häufig träumen Sie noch von jenem Moment?
Ab und zu kommen die Bilder natürlich wieder hoch, gerade wenn mich die Leute auf das Meisterschaftsjahr ansprechen. Aber mittlerweile ist es nicht mehr ganz so präsent wie noch vor ein paar Jahren.

War das Tor möglicherweise das schönste Ihrer Karriere?
Ja, das kann man schon so sagen. Außerdem war es ganz sicher das wichtigste meiner Karriere. Rückblickend hätte dieser Moment gar nicht besser laufen können.

Wie viele Versuche, eine Ecke per Direktabnahme in die Maschen zu zimmern, sind im Training über den Zaun geflogen?
Schwer zu sagen. Im Training ist mir gelegentlich das eine oder andere Volleytor gelungen, zwar nicht aus einer Ecke, aber immerhin. Im Spiel scheitern in schöner Regelmäßigkeit die meisten Spieler bei dem Versuch per Direktabnahme das Tor zu treffen, weil der Druck größer ist und der Gegner es oftmals einfach nicht zulässt.

Das Spiel am letzten Spieltag verlief zunächst alles andere als geplant. Cottbus ging in Führung und es schien, als würden der Mannschaft die Nerven flattern. Haben Sie selbst die Befürchtung gehabt, die Meisterschaft im letzten Moment zu verspielen?
Zugegebenermaßen: Wir waren nervös. Wir waren damals eine richtig junge Truppe und ich weiß nicht, wie viele Spieler vorher schon einmal eine Meisterschaft erleben durften. Die Anspannung in der Woche vor dem Spiel, war innerhalb der Mannschaft schon deutlich zu spüren.

Wie hat sich die Nervosität bemerkbar gemacht?
Wir hatten am Freitag vor dem Spiel unser Abschlusstraining, bei dem es unheimlich ruhig zuging. Es war eine merkwürdige Stimmung auf dem Platz, fast niemand hat etwas gesagt. Für unsere Mannschaft ein völlig untypisches Bild. In der gesamten Rückrunde war die Stimmung im Team sehr ausgelassen und im Training war es eigentlich immer laut.

Die Leichtigkeit, die die junge Stuttgarter Mannschaft ausgemacht hat, war plötzlich weg?
Normalerweise waren wir immer schon vor dem Training auf dem Platz und haben Fünf gegen Zwei gespielt. An dem Tag war irgendwie alles etwas anders und ich habe mich am Abend vor dem Spiel gefragt, ob wir unsere Nerven am nächsten Tag in den Griff kriegen würden.

Wie war es um das Nervenkostüm am Spieltag bestellt?
Am Spieltag selbst hatten wir unsere Nerven besser im Griff. Jedenfalls besser als am Tag vorher.


Hat Ihr Trainer Armin Veh versucht, beruhigend auf die jungen Spieler um Sami Khedira und Mario Gomez einzuwirken?
Das Gute war, dass Armin Veh nichts an den üblichen Abläufen verändert hat. Wir haben unser Programm durchgezogen, der Trainer hat seine Ansprache gehalten und alles war so wie immer. Ich habe auch schon andere Trainer erlebt, die vor wichtigen Spielen plötzlich alles umwerfen und bei dem Versuch alles richtig zu machen, eigentlich alles falsch machen.

Ihre Mannschaft hat sich in der Rückrunde den Druck kaum anmerken lassen.
Wir hatten auch keinen Druck. Die Meisterschaft stand bei uns gar nicht auf dem Zettel. Wir sind zwar gut in die Saison gestartet, aber von der Meisterschaft war nie die Rede. Dass wir tatsächlich die Möglichkeit haben, Meister zu werden, wurde uns erst in den letzten Wochen bewusst, als wir kurz vor Schluss knapp hinter den Schalkern lagen.

Die Verfolgerposition hat Ihnen letztlich die Meisterschaft beschert.
Das war unser Vorteil. Wir mussten in der gesamten Saison nichts verteidigen, mit uns hat niemand gerechnet. Im Laufe der Saison hat sich bei uns ein Gefühl eingestellt, dass uns niemand schlagen kann. Wir hatten innerhalb der Mannschaft ein Selbstverständnis, jedes Spiel am Ende doch irgendwie zu gewinnen, wie ich es davor und danach in keiner anderen Mannschaft mehr gespürt habe. Dieses Gefühl war zwar unausgesprochen, aber selbst bei Rückständen hatte man nie den Eindruck, das Spiel am Ende wirklich zu verlieren.

War das vorentscheidende Spiel, das gegen den VfL Bochum am vorletzten Spieltag? Der VfB ist zweimal in Rückstand geraten und konnte am Ende doch noch mit 3:2 gewinnen.
Das Spiel in Bochum war die Vorentscheidung. Auswärts nach zwei Rückständen nochmals wiederzukommen zeigt, wie extrem psychisch gefestigt die Mannschaft zu jener Zeit war. Jeder hatte das Gefühl: »Das packen wir heute!« Ich glaube, am Ende haben häufig auch die Gegner gespürt, dass gegen uns nichts geht und haben aufgegeben.

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