2003/04: Ailton über die Meisterschaft mit Bremen

»Mein Tor war natürlich das schönste«

50 Jahre, 50 Spieler: 11FREUNDE lässt in der aktuellen Ausgabe die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Mit Ailton sprachen wir über die Meisterfeier 2004 in München.

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Ailton, in der Saison 2003/04 wurden Sie Torschützenkönig und Deutscher Meister. Nehmen Sie uns mit an den Tag des Triumphes im Münchner Olympiastadion.
Dieser Tag ist für mich persönlich ein absoluter Höhepunkt. Spiele gegen Bayern München waren ohnehin immer etwas Besonderes. Aber in München Meister zu werden, ist unglaublich.

Sie schossen das 3:0.
Der beste Moment in meiner Karriere. Oliver Kahn hat uns mit seinem Patzer beim 1:0 zusätzlich gepusht, man konnte merken, wie die Moral in der Mannschaft stieg. Dann fiel das zweite Tor, ein Heber von Johan Micoud – wunderschön. Mein Tor zum 3:0 war aber natürlich das schönste. Mit dem linken Fuß aus 20 Metern über Oli Kahn hinweg in den Winkel.


Spätestens danach wussten Sie, dass Sie Deutscher Meister sind?
Nach meinem Tor wurde das langsam Gewissheit. Wir wussten, dass wir uns weiter konzentrieren müssen, im Fußball geht es manchmal sehr schnell. Aber wir wussten auch: Die Bayern müssten noch vier Tore schießen. Und an diesem Tag ging für die Münchner nichts.

Haben Sie auf dem Platz schon mit den Kollegen über den Titel geredet?
Fußball ist unglaublich. Bis zum letzten Moment kann alles passieren. In der Kabine in der Halbzeit war uns allen bewusst, dass wir wohl Meister sind. Wir haben uns aber beruhigt und uns vorgenommen, die zweite Halbzeit konzentriert runterzuspielen. Roy Makaay hat dann recht schnell das 1:3 geschossen, das war ein Warnsignal. Micoud, Baumann, Ismael und ich - also die Führungsspieler - haben danach auf die Mitspieler eingewirkt, dass sich ja jeder konzentriert. Das hat geklappt. Als nur noch zehn Minuten auf der Uhr waren, wusste ich, dass wir sicher Meister sind.

Was Sie mit Abpfiff dann auch waren.
Ich wusste erstmal gar nicht, was ich machen soll. Sollte ich lachen? Sollte ich weinen? Ich kniete mich kurz hin, stand wieder auf. Dann ging es in die Kurve, wo wir mit den Fans feierten. Anschließend haben wir in der Kabine weitergemacht - Musik und Champagner im Entmüdungsbecken, eine Wahnsinnsparty.

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Direkt nach Abpfiff knieten Sie sich hin und weinten ein wenig - auch weil Ihr Wechsel nach Schalke schon feststand?
Nein, das hatte damit nichts zu tun. Es war der erste große Titel meiner Karriere, wichtig für mich, für die Fans, für die Stadt. Ich musste an meine Mutter und meinen Bruder denken, denen ich meine Karriere in gewisser Weise verdanke, da sie mich immer angetrieben haben. Ohne die beiden wäre ich kein Profi geworden, der Titel war also auch für sie. Die Emotionen mussten einfach raus.

Es gibt ein Video von Ihnen, dass Sie dabei zeigt, wie Sie noch auf dem Platz sehr aufgeregt über die anstehende Meisterfeier reden.
Ich war wirklich sehr durcheinander und emotional nach dem Abpfiff. Ein Journalist fragte mich nach der Feier und ich antwortete in einem Mischmasch aus Deutsch, Spanisch und Portugiesisch. Ich war schon im Party-Modus. Später gab es irgendwann ein Internetvideo, »Versteh den Ailton«, wo mein Monolog untertitelt wurde. Das habe ich mir zuhause angesehen und musste sehr lachen.

Gab es einen Moment in der Saison, in dem Sie dachten, dass Sie wirklich Meister werden könnten?
Die Mannschaft war optimistisch, die Fans und Medien eher nicht. Zehn, zwölf Spiele vor Saisonende haben wir in der Mannschaft angefangen, darüber zu reden, dass wir eine gute Chance haben und es wirklich packen können. Das Team war top, eine Mannschaft ohne Arschlöcher. Außerdem hatten wir kaum Verletzte. Kristijan Listesz fiel gegen Ende der Saison aus, aber Tim Borowski ersetzte ihn perfekt, obwohl er noch sehr jung war. Die Mannschaft war großartig.

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Bayern war der Konkurrent um den Titel. Eine Genugtuung, die Meisterschaft in München zu gewinnen?
Es war nicht selbstverständlich. Die Bayern mussten gewinnen, um überhaupt noch eine Chance auf den Titel zu haben. Und sie hatten eine Weltklasse-Mannschaft. Zé Roberto, Michael Ballack, Lucio - die haut man nicht einfach weg. Aus München hörte man vor dem Spiel viel. Uli Hoeneß sagte, wir hätten die Kacke in der Hose und bräuchten gar nicht anreisen. Wir wussten, dass wir das ignorieren müssen. Gut trainieren, gut schlafen, gut essen, konzentrieren -  dann machen wir das. Und so ist es gekommen.

Hat sich Hoeneß für die großen Töne entschuldigt?
Nein. Vielleicht hat er nach dem Spiel irgendwann alleine zuhause ganz leise »Entschuldigung, Bremen« gesagt. (lacht)

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In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe: 50 Spieler und Trainer erinnern sich an ihre prägenden Bundesliga-Momente

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