20 Jahre KOS – Volker Goll im Interview

»Die Idioten in den Kurven wachsen nach«

Happy Birthday: Die Koordinationsstelle Fanprojekte, kurz: KOS, wird 20 Jahre alt! Ein Gespräch mit KOS-Mitarbeiter Volker Goll über Rassisten aus der Frühzeit, Johannes B. Kerner und Sympathien für die Ultra-Bewegung.

Volker Goll, als die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) vor 20 Jahren gegründet wurde, war Deutschland amtierender Weltmeister und »Ultras« lediglich Kennern des italienischen Fußballs ein Begriff. Gegen welche Widerstände mussten Sie damals nach der Gründung ankämpfen?
Es hat einige Zeit gedauert, bis man uns und unsere Funktion akzeptiert hat. Wie das so ist, wenn man ganz neu ist. Wobei die Idee der Fanprojekte ja nicht erst 1993 umgesetzt wurde, in Bremen ging das allererste deutsche Fanprojekt schon 1981 an den Start. Aber eine überregionale Koordinationsstelle gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
 
Die KOS wird vom DFB finanziert. Sie und Ihre Kollegen kommen teilweise aus der Fankurve. Wie schwer ist die Arbeit mit den Verbandsfunktionären als Entscheider und Geldgeber?
Das ist nicht ganz richtig: Die KOS wird vom DFB mitfinanziert. Den größeren Teil übernimmt das Bundesfamilienministerium. Wir fühlen uns durchaus noch in der Lage, kritisch zu hinterfragen und kritisch zu bleiben. Geändert hat sich der Umgang mit unserer kritischen Sichtweise. Früher blieb uns oft nur der Gang in die Öffentlichkeit.

Warum dieser Weg?

Weil man sonst womöglich gar nicht wahrgenommen hätte. Auch das meine ich mit Akzeptanz. Heute gehen wir mit unseren Problemen direkt zu den Ansprechpartner bei DFB und DFL, um in die direkte Diskussion zu kommen.
 
Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal gedacht: »Scheiß DFB!«?
(lacht) Sie stimmen mir doch zu, dass es ganz schon dämlich wäre, wenn ich auf diese Frage eine konkrete Antwort geben würde, oder? Zumal ich derzeit – als Offenbacher – doch als befangen zu betrachten bin.
 
Dann die abgeschwächte Version: Wann ging Ihnen der Verband mit seiner Haltung das letzte Mal auf die Nerven?
Generell finde ich es immer wieder schade, wenn über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden wird oder man Fanbedürfnisse als Anmaßung empfindet, anstatt als konstruktive Chance zur Verbesserung.
 
Schmeißen wir die einzelnen Fanprojekte, die KOS und sämtliche Fanvertreter mal in einen Topf: Worauf darf die Szene nach 20 Jahren Arbeit stolz sein?
Dass es noch immer Stehplätze in deutschen Stadien gibt mit sozialverträglichen Preisen. Und dass rassistische Rufe weitestgehend out sind in den Stadien. Früher waren antisemitische Lieder fester Bestandteil manches Fanchors. Und wenn da jemand nicht mit einverstanden war, dann gab es oft Prügel – und zwar von den Nazis! Heute gibt es zumeist einen lauten Aufschrei in der Fanszene und in den Medien, wenn so etwas passiert. Diese allgemeine Sensibilisierung für das Thema hat es vor 20 Jahren nicht gegeben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kommunikation innerhalb der Fanszene sowie deren Kommunikationsfähigkeit.
 
Was meinen Sie konkret?
So wie in Deutschland die Fanvertreter der einzelnen Szenen organisiert sind und miteinander kommunizieren, die Vielfalt an vereinsübergreifenden Initiativen, aber auch die Kommunikation mit den verschiedenen am Fußball beteiligten Institutionen – das ist einzigartig in Europa.

Mit welchen Problemen muss sich die aktive Fanszene, allen voran die KOS, in der Gegenwart und den kommenden Jahren besonders auseinandersetzen?
Es wird leider keinen Punkt geben, wo die Arbeit erledigt sein wird. Ach, Probleme gibt es immer und überall. Ich habe den Kampf gegen den Rassismus auf der Habenseite verbucht, aber gleichzeitig ist jeder rassistische Vorfall im Fußball ein Tiefschlag für uns. Genauso verhält es sich mit gewalttätigen Auseinandersetzungen. Es bleibt jedes Mal die bittere Erkenntnis: Die Dummheit stirbt nicht aus – auch nicht in den Kurven.

Wie reagiert ein Mitarbeiter von der KOS, wenn er den Sportjournalisten Johannes B. Kerner sieht, wie er mit einer Bengalfackel eine Puppe anzünden möchte, um die Gefahren von Pyrotechnik zu verdeutlichen – und damit jedes Maß der sachlichen Berichterstattung überschreitet?
Ich habe mir inzwischen eine gewisse Routine in diesen Dingen angeeignet. Natürlich ist es ein Tiefschlag, wenn man Kerner dabei beobachtet, wie er vor einem Millionenpublikum Ängste schürt und gleichzeitig Sandra Maischberger die Ultras als »Taliban der Fans« bezeichnet. Zumal wir wissen, dass wir dagegen mit keiner Pressemitteilung der Welt ankommen können.
 
20 Jahre KOS – woran merken Sie, dass sich die Koordinationsstelle im deutschen Fußball etabliert hat?
Wenn uns Fans, Studenten, Journalisten, Funktionäre oder Politiker anrufen, um unseren Rat einzuholen. Wenn wir merken, dass man uns als Experten schätzt und sich die Mühe macht, erst die Meinung dieser Experten einzuholen, um dann eine Meinung zu vertreten, einen Bericht zu schreiben oder Politik zu machen.
 
Ihr großer Wunsch für die Zukunft?
Kein sozialpädgogisches Fanprojekt ohne eine finanzielle Unterstützung von unter 200.000 Euro pro Jahr wie im Nationalen Konzept eigentlich vorgeschrieben! Diesen Anspruch muss der Fußball aber auch die Länder und die Kommunen haben.
 
Volker Goll, die deutsche Fanszene hat sich in den vergangenen 20 Jahren nachhaltig verändert. Sie selbst haben Kutten, Normales, Hools und Ultras begleitet – zu welcher Szene würden Sie sich zählen?
Kutte war ich nie (lacht). Ich war immer schon der Typ Fanaktivist – wenn ich jetzt noch einmal 16 wäre, würde ich es bestimmt mit den Ultras halten. Bei allen Problemen, die auch diese Fankultur hat, sympathisiere ich doch eher mit der kritischen Ultra-Bewegung. (überlegt) Ja, ich glaube, das wäre mein Ding.

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