1998/99: Jan-Aage Fjörtoft über den Klassenerhalt in letzter Sekunde

»Ein klein wenig Wahnsinn gehört dazu«

50 Jahre, 50 Spieler. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Mit Jan-Aage Fjörtoft sprachen wir über sein Übersteiger-Tor zum Klassenerhalt.

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Jan-Aage Fjörtoft, erzählen Sie uns von Ihrem Wahnsinns-Übersteiger beim 5:1 gegen Kaiserslautern..
Zwei Dinge werden oft vergessen, wenn von meinem Tor gegen den FCK die Rede ist. Einerseits war der Sieg gegen Lautern am letzten Spieltag der Klimax einer Serie von vier Siegen. Wir hatten zuvor Bremen, Dortmund und Schalke geschlagen, Bremen und Schalke auch noch auswärts. Außerdem waren alle fünf Tore, die wir an diesem Tag geschossen haben, absolute Traumtore.

Mit Ihrem Übersteiger-Tor als Krönung. War die Aktion geplant?
Ich war in der Jugend in meinem Heimatverein sehr gut. Das mag jetzt arrogant klingen, aber irgendwann habe ich angefangen, verschiedene Dinge zu üben, wenn ich mal wieder alleine auf das Tor zurannte. Wenn man frontal auf den Keeper zuläuft, ist der Winkel für einen Torschuss nicht so gut und ich habe mich gefragt, wie man in so einer Situation am effektivsten abschließen kann. So habe ich dieses Übersteiger-Tor zum ersten Mal gemacht, als ich etwa zwölf Jahre alt war. Bei den Profis habe ich den Trick auch gemacht, in der norwegischen Liga.

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Also war das nicht Ihr erster Übersteiger mit anschließendem Tor?
Nein, aber das haben alle gedacht. 1993 qualifizierten wir uns mit Norwegen zur Weltmeisterschaft. Im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Polen habe ich mit exakt dem selben Trick zum 2:0 getroffen. Das wusste aber in Deutschland niemand. Nach dem Spiel gegen Lautern war Sommerpause. Zum ersten Training nach dem Urlaub brachte ich eine norwegische Länderspiel-Chronik mit, in der das Tor beschrieben war. Trainer Jörg Berger war fassungslos, als er davon las.

Wie verrückt muss man für einen solchen Trick in einer solchen Situation sein?
Ein klein wenig Wahnsinn gehört dazu. Vor allem aber muss man sehr viel üben (lacht).

Wussten Sie im Moment des Übersteigers, wie wichtig das Tor ist? Ohne den Treffer wäre Frankfurt abgestiegen.
Wir wussten, dass wir noch ein fünftes Tor brauchen. Warum, wussten wir allerdings nicht. Wir führten gegen einen Champions-League-Anwärter mit 4:1, die Laola-Welle schwappte durchs Stadion aber plötzlich wurde es komplett still. Irgendetwas stimmte nicht. Die Jungs auf der Bank erfuhren dann, dass wir noch einen Tor brauchten, um wieder an Nürnberg vorbeizuziehen.

Das Sie dann geschossen haben.
Ich lief auf Andreas Reinke zu, stieg mit rechts über den Ball und schob mit links ein. Fast hätte Reinke den Ball noch gehalten, was das Drama wahrscheinlich vollendet. Ich war komplett fertig danach. Die Leute rannten auf das Feld und ich wusste, dass wir gerettet sind. Aber ich habe nicht verstanden, warum wir gerettet waren und warum dieses fünfte Tor so wichtig war. Ich kannte ja die Ergebnisse der anderen Spiele nicht. Die ganze Konstellation, die Dramatik habe ich erst im Nachhinein erfahren.

Und dann ist Ihnen ganz schummrig geworden von so viel Dramatik?
Irgendwann nach der Party kam ich nach Hause. Nichtabstiegpartys sind ja die besten in Frankfurt, weswegen wir ein Jahr später direkt noch eine gefeiert haben (lacht). Ich schaltete den Fernseher ein und das erste was ich sah, war die vergebene Chance von Frank Baumann, der im Spiel Nürnberg gegen Freiburg frei vor Richard Golz den Ball nicht richtig traf. Hätte er getroffen, wären wir abgestiegen und Nürnberg dringeblieben. Mir ist richtig schlecht geworden, und ich musste mich erstmal setzten. Es sind so viele Kleinigkeiten, die zusammenkommen mussten, um diesen Tag zu so etwas Besonderem zu machen.

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Wenn so eine Aktion schiefgeht, ist man schnell der Depp.
Das war natürlich wahnsinnig arrogant (lacht). Wäre der Versuch daneben gegangen und der Ball nicht im Tor gelandet, hätte ich Frankfurt  wahrscheinlich direkt verlassen müssen. Wahrscheinlich hätte ich sogar Deutschland verlassen müssen (lacht). Aber ich habe den Übersteiger in dieser Situation instinktiv gemacht und denke immer noch, dass es die beste Lösung war.

Also würden Sie den Trick heute auch noch machen?
Ich mache ihn ab und zu noch.

Wie bitte?
Ab und an spiele ich bei Wohltätigkeits- oder Traditionsspielen mit, da kommt das schon mal vor. Vor Kurzem war ich im Training bei einem Freund, der eine Zweitliga-Mannschaft trainiert. Dort habe ich im Training mitgemacht, weil Not am Mann war, und genau diesen Trick gemacht. Und er hat wieder geklappt.

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In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe: 50 Spieler und Trainer erinnern sich an ihre prägendste Bundesligasaison

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