1993/94: Oliver Kahn über das schönste Gegentor seiner Karriere

»Hoch, runter, wieder hoch, wieder runter!«

Seit 50 Jahren wird in den deutschen Stadien Woche für Woche die Geschichte der Bundesliga fortgeführt. Es wurden Siege gefeiert, Niederlagen bedauert, Tore geschossen und Chancen vergeben. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Wir sprachen mit Oliver Kahn über die Saison 1993/1994.

Oliver Kahn, in der Saison 1993/1994 standen Sie im Tor des Karlsruher SC, als Jay-Jay Okocha sein Jahrhunderttor erzielte. Nervt es Sie eigentlich, wenn man Sie auf dieses Tor anspricht?
Überhaupt nicht. Jay-Jays Tor war genial. Außerdem ist mir durch diese Szene erstmal aufgefallen, wie beweglich ich war. Hoch, runter, wieder hoch, wieder runter! Ich war verdammt schnell… Das habe ich jedenfalls aus diesem Tor rausgezogen.

Ihre Vorderleute haben aber nicht den Anschein gemacht, Ihnen helfen zu wollen.

Die haben das Schauspiel aus der Distanz ganz wunderbar beobachtet und mir viel Glück gewünscht. (lacht) Aber dieses Tor ist mir mit einem Schmunzeln in Erinnerung geblieben und auf gar keinen Fall negativ besetzt.



Haben sich Ihre Abwehrspieler nach dem Spiel kein Donnerwetter von Ihnen abholen müssen?

Nein, wem hätte ich da einen Vorwurf machen können? Ich war nach dieser Situation völlig ruhig - warum auch immer. Das war einfach ein richtig geiles Spiel und da passieren eben auch solche Sachen.

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Das Tor hatte letztlich für das Spiel auch keine entscheidende Bedeutung. Eintracht Frankfurt gewann mit 3:1. Welche Erinnerungen haben Sie an den Abend?

Die Eintracht hatte damals mit Uwe Bein, Anthony Yeboah, Manni Binz oder Uli Stein eine sensationelle Truppe. Außerdem hatten die Spiele gegen Eintracht Frankfurt einen leichten Derby-Charakter. Das hat schon tierisch Spaß gemacht, auch wenn es am Ende für uns schlecht ausgegangen ist.

Diese Saison war gleichzeitig Ihre letzte beim KSC. Am Ende wurden Sie Sechster, der KSC schied im Halbfinale des Uefa-Cups aus und Sie gingen zum FC Bayern. Wie verlief der Abschied aus Karlsruhe?

Die letzte Saison beim KSC war fantastisch und zählt zu den schönsten meiner Karriere. Damals war der Uefa-Pokal noch richtig wertig, da in der Champions League nur die Meister gespielt haben.

Im Viertelfinale wartete der FC Valencia. Das Rückspiel ist bis heute legendär.

Das kann man wohl sagen. Im Hinspiel hat Edgar Schmitt kurz vor Schluss das Tor zum 1:3 reingestolpert. Wir haben uns vor dem Rückspiel gedacht, naja, warum nicht? Ein 2:0 zu Hause wäre doch möglich. Am Ende stand es 7:0. Das Spiel war eines der emotionalsten meiner Karriere. Die Zuschauer in Karlsruhe kannten den Uefa-Cup doch nur aus dem Fernsehen. Diese ehrliche Freude in den Augen der Fans zu sehen, war großartig. Leider endete die Saison bescheiden.

Wieso?

Wir haben zunächst das Halbfinale gegen Casino Salzburg relativ unnötig verloren. Die hatten damals eine Art Jahrhunderttruppe. Nachdem wir im ehemaligen Wiener Praterstadion 0:0 gespielt haben, hatten wir im Wildparkstadion alle Trümpfe in der eigenen Hand - und spielten 1:1. Im Finale hätte Inter Mailand gewartet, das war schon ein bisschen schade.

Und in der Liga hat der KSC am letzten Spieltag den sicheren Uefa-Cup verpasst.

Das war eigentlich noch viel schlimmer. Das letzte Spiel der Saison, mein letztes Spiel für den KSC, und wir verlieren 5:1 gegen Wattenscheid 09. Dadurch sind wir einen Platz abgerutscht, Eintracht Frankfurt hat sich für den Uefa-Cup qualifiziert und wir waren draußen. Das war schon bitter! Ich hätte mich lieber anders aus Karlsruhe verabschiedet.

Wann gab es den ersten Kontakt zum FC Bayern?

Im November 1993 hat Uli Hoeneß angerufen. Ich habe anfangs gedacht, dass der örtliche Radiosender sich einen Streich erlaubt. Sein erster Satz war: »Können Sie sich vorstellen beim FC Bayern zu spielen?« Ich habe erst nach und nach realisiert, dass tatsächlich Uli Hoeneß am anderen Ende der Leitung sitzt. Trotzdem habe ich vorsichtig geantwortet: »Das muss ich mir erst mal überlegen.«

Wie groß war der Kulturschock vom beschaulichen Karlsruhe zum großen FC Bayern?

Der war riesig. Auch wenn wir mit dem KSC kurzzeitig den Uefa-Cup erreicht hatten, trennten Karlsruhe und München immer noch Welten. Ich saß zu Beginn mit großen Augen im Bayern-Bus und musste mich erstmal an alles gewöhnen.

Wie verlief die erste Zeit in München sportlich?

Äußerst schwierig. In der Saison 1994/1995 sind wir am Ende unter Giovanni Trappatoni enttäuschend Sechster geworden. Ich habe mir im November gegen Bayer Leverkusen das Kreuzband gerissen. Es gab zumindest einiges, was nicht unbedingt für die Karriere sprach, die es am Ende geworden ist.

Wenige Sportler verkörpern das stetige Streben nach Erfolg so sehr wie Sie. Hat Ihnen diese Eigenschaft in diesem Moment helfen können?

Das ist eine meiner Facetten, die mich während meiner gesamten sportlichen Karriere begleitet hat. Auch nach Niederlagen und Rückschlägen wieder aufzustehen und den unbedingten Willen zu entwickeln, das Größtmögliche aus sich herauszuholen. Das hat mir zu dieser Zeit ganz besonders geholfen.

Haben Sie im Laufe Ihrer Karriere eigentlich auch mit dem Gedanken gespielt, München zu verlassen und bei einem anderen europäischen Topklub zu spielen?

Ich hatte zwischen 2003 und 2005 eine Art »spätpubertäre Phase«, in denen auf einmal viel andere Themen eine Rolle gespielt haben. Gerade in den Medien in München gab es zu dieser Zeit viele auch private Nebenschauplätze, die nichts mehr mit Fußball zu tun hatten. In dieser Phase hatte ich Kontakt zu Manchester United und Sir Alex Ferguson.

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Warum kam der Wechsel nicht zustande?

Ich wollte München nicht durch die Hintertür verlassen und vor meinen Problemen in Deutschland davon laufen. Das ist nicht meine Art. Ich habe Sir Alex Ferguson dann absagen müssen. Er war ziemlich beleidigt. Wer gibt schon einem so großen Verein wie Manchester United eine Absage?

Bereuen Sie es, nicht im Ausland gespielt zu haben?

Das ist schwierig zu sagen. Im Nachhinein wäre es vielleicht nicht so schlecht gewesen noch die eine oder andere Erfahrung mitzunehmen. Andererseits habe ich es keine Sekunde bereut, bis zum Ende beim FC Bayern geblieben zu sein. Rückblickend stellt es für mich einen hohen Wert dar, nahezu seine gesamte Karriere bei einem Verein verbracht zu haben und mit vielen großen Spielern eine Ära mitgeprägt zu haben.

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