1992/93: Bernd Hobsch über zwei Tore am letzten Spieltag

»Wir fühlten uns wie die Größten«

Als Werder Bremen am 5. Juni 1993 in Stuttgart antritt, kauert Bernd Hobsch zunächst auf der Bank. Dabei ist es die wichtigste Partie der Saison, es geht es um die Deutsche Meisterschaft. Und: Es sollte das Spiel seines Lebens werden.

Herr Hobsch, stimmt es, dass sie in ihrer Jugendzeit mal um die hundert Tore in einer Saison erzielt haben?
Ja, das stimmt. Woher wissen Sie das? Ich glaube es waren 104 Tore. Damals habe ich bei MAB Schkeuditz bei den Knaben gespielt. Das entspricht der heutigen E-Jugend. Eine tolle Saison. (lacht)

Träumten Sie damals schon davon einmal als Profi die entscheidenden Tore in einem Meisterschaftsfinale zu erzielen?
Nein. Ich habe nie gedacht, dass ich überhaupt mal Profi werde. Selbst als ich 15, 16 war, habe ich noch nicht daran gedacht. Im damaligen Osten gab’s ja auch gar keine Profifußballer. Aber ich habe mir auch nicht träumen lassen, dass ich mal in der DDR-Oberliga oder in der DDR-Liga (2. Liga der ehemaligen DDR, Anm. d. Red.) spielen würde. Ich war bei meinem Heimatverein und das war völlig okay.

Sie haben es dann aber doch geschafft.
Ja, es ging alles super schnell. Ich hatte eigentlich eine sehr gute Saison in Leipzig, dann wollte Otto Rehhagel mich haben und am Ende der Saison war ich Deutscher Meister und hatte im entscheidenden Spiel zwei Tore gemacht. Ich habe das damals gar nicht richtig wahrgenommen. Erst Jahre später habe ich das alles realisiert. Mit dem Spiel gegen den VfB Stuttgart sind wir Meister geworden, aber es war auf einmal ganz selbstverständlich. Obwohl wir uns natürlich wie die Größten fühlten.

Fast hätten Sie im entscheidenden Spiel gar nicht gespielt.
Richtig. Ich habe zunächst auf der Bank gesessen. Da war ich ein bisschen angefressen, weil ich ja eigentlich alle Spiele gespielt hatte, in den beiden Spielen zuvor aber nur kurz eingewechselt wurde. Nach einer halben Stunde bin ich dann für Stefan Kohn rein gekommen, weil der sich einen Kreuzbandriss zugezogen hatte.

Warum durften Sie nicht von Beginn an spielen?
Ich hatte eine kleine Formschwäche. Ich war neu in der ersten Liga und hatte gegen Ende der Saison Ladehemmung. Deshalb hat mich Otto Rehhagel dann zunächst draußen gelassen. Er hat aber mit mir gesprochen und gesagt, dass ich immer der erste sein würde, der reinkommt. Trotzdem war ich in dem Moment natürlich nicht glücklich. Ich habe an Leipzig gedacht. Die sind an dem Wochenende nämlich aufgestiegen. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn da hatte ich ja auch schon meinen Teil zu beigetragen (Hobsch schoss 15 Tore, Anm. d. Red.).

In den letzten drei Saisonspielen erzielte Bremen 12:0 Tore. War Werder die Mannschaft mit dem größten Willen?
Als ich nach der Vorrunde gekommen bin, war Bayern ziemlich weit vorne. Trotzdem hatten wir natürlich immer den Willen, Meister zu werden, das steht außer Frage. Wir sind in jedes Spiel mit der Einstellung gegangen, dass wir die Bayern verfolgen und auf ihre Fehler warten müssen. Ich kann mich noch erinnern, dass die Bayern irgendwann in Wattenscheid verloren haben. So etwas gab unserer Mannschaft immer wieder Auftrieb. Als wir dann im vorletzten Spiel 5:0 gegen den HSV gewonnen hatten, war das noch mal ein zusätzlicher Anreiz, das eine Tor, das wir dann vor den Bayern waren, zu behalten.

Wussten Sie, dass Werder sieben Jahre zuvor in einer ähnlichen Konstellation die Meisterschaft in Stuttgart verloren hatte?
Ja, es ist da mal drüber geredet worden und die Presse hat auch darüber berichtet. Ich habe mir aber damals keine Gedanken darüber gemacht.

Was für Szenen haben Sie vor Augen, wenn Sie sich an das Spiel zurückerinnern?
Auf alle Fälle mein erstes Tor. Da kam dieser lange Pass von Uli Borowka, den ich verwerten konnte. Das war kurz nach der Halbzeit und sehr entscheidend für den Rest des Spiels. Dann habe ich ja dem Thomas Wolter noch eins aufgelegt und noch eins selbst gemacht. Das sind die entscheidenden Szenen, an die ich mich erinnere, is’ ja klar.

Hat Otto Rehhagel Ihnen vor der Einwechselung etwas Bestimmtes mit auf den Weg gegeben?
Nein, da hat er nicht viel gesagt. Als Stefan Kohn sich verletzt hatte, war klar, dass ich reinkomme und ich wusste schon, was die von mir erwarten.

Was war ausschlaggebend dafür, dass Werder das Spiel gewann?
Zuerst mal hatten wir eine sehr gute Mannschaft. Zum anderen lief es in dieser Saison bei Stuttgart nicht so richtig gut. Da war die Geschichte mit dem vierten Ausländer, den Christoph Daum eingewechselt hatte und ich glaube, davon haben sie sich nicht hundertprozentig erholt. Die hatten zwar noch die Chance in den UEFA-Cup zu kommen, aber Karlsruhe war noch vor denen. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass die nicht voll motiviert waren nachdem wir erstmal in Führung lagen. Wir dagegen wollten unbedingt gewinnen.

In der Halbzeitpause führte Schalke gegen München. Ein Motivationsschub?
Ja, besonders für mich. Ich war in der Halbzeitpause auf dem Platz geblieben, weil ich ja erst kurz zuvor rein gekommen war, und bekam die ganzen Ergebnisse natürlich mit. Ich dachte: »Die Bayern schaffen das zwar bestimmt noch, aber wir brauchen nur gewinnen. Dann wird es reichen!« Und dann habe ich einfach schnell das Tor gemacht. (lacht)

Was hat die Mannschaft von Werder Bremen ausgemacht?
Wir wussten, dass, wir vom Trainer viele Freiheiten bekommen, wenn wir ordentlich Gas geben. Dann konnten wir auch mal ein oder zwei Tage mit der Familie verbringen. Ich glaube, fast jeder war verheiratet und hatte Kinder. Das hat zusätzlich motiviert und uns stark gemacht. Und ich muss Rehhagel auch für sein Training loben. Er ist zwar oft kritisiert worden, aber sein Training war optimal. Wir sind jedes Mal mit Freude dahin gegangen. Teilweise waren wir schon ein halbe Stunde auf dem Platz, als der Trainer noch gar nicht da war.

Würden Sie das Spiel als den Höhepunkt ihrer Karriere bezeichnen?
Ja, ganz klar. Mit den beiden Toren im letzten Spiel, das war mein absoluter Höhepunkt. Ich hatte dann insgesamt sieben Tore für Bremen geschossen und 15 für Leipzig und war somit ja auch noch irgendwie daran beteiligt, dass der VfB aufgestiegen ist. Hätte ich keine zwei Kinder bekommen, wäre dies Wochenende das Beste gewesen, was in meinem Leben passiert ist.

Wurden Sie von der Mannschaft besonders gefeiert?
Na ja. Die haben natürlich alle gewusst, dass ich die entscheidenden Tore gemacht hatte, aber nach dem Schlusspfiff hat sich die ganze Mannschaft selbst gefeiert. Da liegt jeder jedem im Arm. Ist doch klar: ich war in der ersten Halbserie ja gar nicht da und die haben die ganzen Punkte geholt.

Auf dem Meisterfoto, das direkt nach dem Spiel entstand, stellt Torsten Legat seinen Astralkörper zur Schau und Hansi Gundelach sticht durch eine knallrote Hose hervor. Haben Sie den beiden verziehen, dass sie das Foto etwas verschandelt haben?
(lacht herzhaft über Gundelachs rote Hose)
Der Hansi Gundelach hat sowieso immer so schräge Klamotten angehabt, daran waren wir gewöhnt. Er musste sich schon den einen oder anderen Spruch anhören, aber es war mir damals egal und es ist mir auch heute noch egal. Das ist doch lustig und zeigt, dass wir viel Spaß hatten. Das Bild hängt in meinem Zimmer und da wird es auch immer bleiben.


Sie sind ein eher zurückhaltender und bescheidener Typ.
Ja, aber nur zu Anfang. Als ich nach Bremen kam, war es für mich das erste Mal, dass ich von zu Hause weg war. Und da hat mich ein ganz anderes Leben erwartet, gerade in Westdeutschland. Da musste ich mich erstmal dran gewöhnen. Das haben auch die Mitspieler gemerkt. Das erste halbe Jahr war ich ziemlich ruhig. Aber das hat sich mit der Meisterschaft und dann noch mal nach dem Pokalsieg geändert. Erfolg macht eben selbstbewusst.

Als sie damals nach Bremen wechselten, mussten Sie sich mit Klaus Allofs, Stefan Kohn und Marco Bode um einen freien Platz neben dem gesetzten Wynton Rufer streiten. Der Wechsel spricht eigentlich für ihr Selbstvertrauen.
Das war eine besondere Leistung von Otto Rehhagel. Er war der einzige, der damals nach Leipzig gekommen ist. Dresden und Rostock hatten ja auch Interesse an mir. Und Rehhagel hat zu mir gesagt: »Wenn Sie zu uns kommen, dann spielen Sie auch.« Er hat Wort gehalten und ich habe es ihm zurückgezahlt. Aber trotzdem war die Entscheidung schwer, denn da waren ja auch noch Uwe Harttgen und Frank Neubarth, insgesamt waren wir sieben Stürmer. Toll war natürlich, dass ich gleich in den ersten drei Spielen getroffen habe. Und dass man ab und zu mal auf der Bank sitzt bei so einer Stürmerauswahl, ist doch ganz normal.

Sagt Ihnen »Pitsch und Patsch« etwas?
(lacht) Ja, das war glaube ich nach dem Supercupspiel in Barcelona. Das hat die Presse so hochgejubelt. Da hieß es: »Barcelona will die beiden unbedingt haben.« Das waren der Andy Herzog und ich. Wir haben da wohl ganz gut zusammengespielt, aber der Trainer hat uns ganz schnell wieder runtergeholt. Fragen Sie mich nicht, wie die auf Pitsch und Patsch gekommen sind.

Aufgrund ihrer Leistungen in der Bremer Meistersaison sind sie sogar Nationalspieler geworden. Hätten sie sich das jemals träumen lassen als Junge aus Ostdeutschland?
Nein. Ich habe 1990 erstmals die gesamtdeutsche Nationalmannschaft verfolgt als sie Weltmeister geworden ist. Da habe ich im Traum nicht dran gedacht, dass ich mal bei denen mitspielen kann, auch nicht nach der Wende. Und dann ging es auf einmal wie von alleine. Ich bin bei einem Freundschaftsspiel gegen Tunesien eingewechselt worden. Das war schon ein tolles Gefühl. Allerdings hatte ich ein bisschen Pech mit Verletzungen. Ich hatte mir einen Muskelfaserriss zugezogen, aber die Ärzte hatten das nicht festgestellt, weil ich keine Schmerzen hatte. Ich habe dann immer weiter gespielt, aber es brach immer etwas Neues aus. Und das war im Endeffekt auch ein Grund, warum ich mich in der Nationalelf nicht richtig durchsetzen konnte. Und die Konkurrenz war natürlich sehr hoch. Da waren mit Klinsmann, Völler, Kirsten, Doll, Thom natürlich Spieler dabei, an denen man nicht so schnell vorbeikommt.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie ihre Karriere hätte verlaufen können, wenn Sie verletzungsfrei geblieben wären?
Ich denke nicht viel darüber nach. Aber ich denke es hätte noch weiter aufwärts gehen können, da ich einen ganz guten Lauf hatte bis zur Verletzung. Ob ich es aber in der Nationalelf geschafft hätte, ist fraglich. Vielleicht hätte ich in der Bundesliga ein paar Spiele mehr gemacht und vielleicht auch ein paar mehr Tore geschossen.

Sie sind mit dem DDR-Fußball groß geworden. Welches sind die prägnantesten Unterschiede zum Westen gewesen?
Schwer zu sagen. Für ein Spiel hat es ja häufig gereicht, wenn eine Oberligamannschaft gegen eine Bundesliga-Mannschaft gespielt hat. Aber insgesamt war der Fußball im Westen besser. Schneller vor allem. Auf Dauer hätte aber glaube ich keine Oberligamannschaft in der Bundesliga mithalten können. Die berüchtigte Fußballausbildung der DDR habe ich gar nicht mitgemacht. Ich bin zu Hause auf dem Dorf aufgewachsen und ich bin da auch froh drüber. Natürlich haben die Jugendlichen in den Sportschulen eine sehr gute Ausbildung gehabt, gerade im Ausdauerbereich, aber wie man sieht habe ich mich auch ohne spezielle Ausbildung gut entwickelt.

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