1992: Als »ran« auf Sendung ging

»Die rote Jeansjacke ist heilig«

Als »ran« am 14. August 1992 erstmals auf Sendung ging, war die Irritation groß: Der Moderator trug eine Jeansjacke und die Kameras fokussierten häufiger die Spielerfrauen als den Ball. Gaby Papenburg war von Anfang an dabei. 1992: Als »ran« auf Sendung ging

Gaby Papenburg, stimmt es eigentlich, dass Reinhold Beckmann vor der ersten »ran«-Sendung eine Index-Liste von altbackenen Wörtern und Phrasen an das Team ausgab?
Die gab es. Allerdings galt diese Liste eher für die Kommentatoren.

Was durfte nicht mehr gesagt werden?
Das fassbendersche »N’Abend allerseits« war natürlich verpönt. Zudem Phrasen wie »Olaf Thon steht heute auf dem Prüfstand« oder »Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen«. Schlimm auch Redundanzen wie »Die nachfolgende Ecke brachte nichts ein«. Bei Ernst Huberty gingen bei solchen Nullsätzen die Alarmglocken an.

Bei Ernst Huberty?
Er war einer von unseren Rhetorik-Trainern, die Reinhold Beckmann für die Sendung engagiert hatte. Das mag verwunderlich klingen, schließlich kam Huberty von der ARD, also von dort, wo dieser Sprech sich über Jahre verselbständigt hatte. Doch Huberty war ein extrem guter Lehrer, und ich glaube, er hatte stets genügend Distanz zu dem Thema, um Plattitüden und Worthülsen einschätzen zu können.

Sie verabschiedeten sich allerdings nicht nur vom Sportschau-Vokabular. Was gerade zu Beginn für Verwirrung sorgte, war die große Anzahl an Kameras.
Das war eines unser Hauptanliegen. Wir wollten mit den Gepflogenheiten brechen, ein Spiel mit zwei oder drei Kameras zu erzählen. Bei »ran« hatten wir in Hochzeiten ja bis zu elf Kameras. 

Einige Kritiker nörgelten, dass »ran« diese ausschließlich dafür verwendete, um die Ränge abzufilmen?
Das war ja kein Geheimnis. Und das rief damals natürlich etliche Fußballpuristen auf den Plan, die meinte, dieser Schickimicki-Rattenschwanz gehöre nicht zum Fußball. Sie hielten sich an Otto Rehhagel: »Wichtig ist auf dem Platz.« Das war auch unser Credo: Natürlich ist wichtig auf dem Platz, doch wichtig ist eben auch neben dem Platz. Und daher scannte ein Kamerateam 90 Minuten die Ränge, und wenn was interessantes passierte, dann hielten sie die Kamera drauf. Die restlichen Kameras waren aber auf dem Spielfeld, neun oder zehn Kameras. So konnte ein Spiel viel dichter und rasanter erzählt werden. Wir orientierten uns somit an dem Versuch, den RTL zuvor mit Anpfiff unternommen hatte, die unserer Meinung nach schon vieles richtig gemacht hatten.

Auf das Sportschau-geschulte Auge wirkte das neue Tempo gewöhnungsbedürftig.
Vielleicht haben wir den Zuschauer anfangs überfordert. Allerdings schien sich das Publikum schnell daran gewöhnt zu haben, nach einigen vernichtenden Kritiken in der Presse, gab es fast nur noch positives Feedback. Wobei ich nicht weiß, ob uns die Redaktionsassistenten die negativen Kritiken unterschlagen hat. (lacht)

Sie gehörten neben Nachwuchsmoderator Johannes B. Kerner und dem Gründer Reinhold Beckmann zum ersten Team von »ran«. Wie kamen Sie in das Team?

Als Reinhold Beckmann bei SAT.1 anfing, arbeitete ich bereits bei dem Sender. Ich war in der Sportredaktion tätig und hatte diverse Sportübertragungen moderiert. Schon kurz nach seinem Eintritt bei SAT.1 sagte Reinhold mir, dass er gerne eine Frau im Team hätte und dass ich diese sein sollte.

Seit Carmen Thomas’ »Schalke 05«-Fauxpas im Aktuellen Sportstudio hatte keine Frau mehr eine Fußballsendung moderiert. Wie hoch war der Druck?
Eine gewisse Nervosität vor meiner ersten Sendung im September 1992 war durchaus vorhanden. Zumindest war da die Sorge, dass die Männerwelt meine Moderation nicht annehmen könnte.

Und dann trötete Peter Neururer noch: »Ach, jetzt versucht's wieder mal eine Frau. Sollte die doch besser lassen.«
Ach, der Peter. (lacht) Das meinte der nicht so. Er hat diesen Satz damals in seiner typisch-flapsigen Art gesagt, und somit nahm ich das nicht  persönlich. Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl, dass er mir bei Interviews Steine in den Weg legte oder mich in irgendeiner Art sabotierte.

Erinnern Sie sich an grobe Patzer?
Ich erinnere mich an ein Interview mit Ottmar Hitzfeld nach einem Sieg des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach. Ich schweifte während des Interviews kurz mit meinen Gedanken ab und war plötzlich am heimischen Esstisch meiner Eltern. Ich sah, wie meine Mutter, ein Köln-Fan, wieder einmal meinen Vater, einen glühenden Gladbach-Anhänger, aufzog. Dann platzte es aus mir heraus: »Oh Gott, jetzt gibt es zu Hause wieder Zank.« Im nächsten Moment schoss mir durch den Kopf: »Was zum Teufel redest du hier?« Und dann sah ich schon die Reaktionen der Zuschauer und der Presse mit ihren Kommentaren: »Typisch Frau, kann sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten.« Und so weiter. Aber so war es nicht, die Leute fanden’s  irgendwie nur lustig. Das Redaktionsteam hat auch herzlich gelacht.

Wie groß war das Kommentatorenteam zu Beginn?
Der Kommentatorenkreis deckte sich am Anfang mit der Anzahl der Spiele, da stand keine Reservemannschaft bereit. Krank werden durfte demnach keiner.

Reinhold Beckmann warb mit Werner Hansch oder Jörg Wontorra auch bekannte ARD-Leute ab. Wie fügten die Reporter sich in das neue Umfeld des Privatfernsehens ein?
Sehr gut. Und im Nachhinein muss man Reinhold ein Riesenlob aussprechen, dass er sich sogar seine eigene Konkurrenz ins Boot holte.

Was meinen Sie damit?
Jörg Wontorra war ja ein gestandener Sportmoderator. Er holte sich also einen Topmann auf die Gefahr hin, dass er ihm den Rang streitig machen könnte. Doch ging es Reinhold damals in erster Linie darum, ein Qualitätsteam zusammenzustellen. Hinzu kamen noch Johannes B. Kerner, damals noch ein junger Nachwuchsmoderator, dann ich als Quotenfrau (lacht). Diese Mischung aus jungen Talenten, erfahrenen Moderatoren und Kult-Kommentatoren war mutig, aber sie hat bestens gepasst. Ich habe jedenfalls selten eine Redaktion erlebt, in der so wenig Fluktuation herrschte wie in den ersten fünf Jahren von »ran«.

Wie liefen die Redaktionssitzungen für gewöhnlich ab?
Es wurde diskutiert. Immerzu. Ich erinnere mich an elend lange Konferenzen. Und es ging hoch her, jedenfalls war es nicht so, dass alles abgenickt wurde. Da gab es die jungen Redakteure und Moderatoren, die für noch mehr Kameras und Fieldreporter plädierten. Und da gab es die Reporter, die von den Öffentlich-Rechtlichen kamen, Erich Laaser oder Werner Hansch, die diese Idee vom »Schneller, höher, weiter« auch mal gebremst haben. Worauf sich alle einigen konnten, war die Suche nach der Idee, die noch nie jemand zuvor in einer Fußballsendung Sendung hatte.

Und da kamen Sie auf die rote Jeansjacke und den Karachometer?
Zum Beispiel. Die Kleidung der Moderatoren war ja auch eine bewusste Abgrenzung zum bisherigen Auftreten der Sportschau-Moderatoren – also betont lässig, statt Krawatte und Anzug trugen wir Pullover, Blouse und Jeans. Die rote Jeansjacke ist übrigens bis heute ein Heiligtum, wenngleich sie aus heutiger Sicht natürlich ein modisches Verbrechen ist. Als »ran« im letzten Jahr wieder auf Sendung ging, habe ich die Jacke in einer Sendung des SAT.1-Frühstücksfernsehens präsentiert.

Ein Replikat?
Nein, nein. Das Original. Die hing seltsamerweise bei Erich Laaser im Kleiderschrank.

Und der Karachometer steht bei Reinhold Beckmann in der Garage?
Oh Gott, dieses Monstrum. Damals konnten die Studiogäste, Spieler oder Trainer, mit diesem Gerät ihre Schussgeschwindigkeit messen. Es sollte eine Art Gegenentwurf zur Torwand im Aktuellen Sportstudio darstellen und war dem Rummelplatzspiel »Hau dem Lukas« nicht unähnlich. Da das Studio aber recht klein war, kam es mitunter vor, dass die Spieler mit ihren Schüssen die halbe Dekoration zerlegten.

Wie reagierten die Spieler eigentlich auf die Omnipräsenz der Reporter vor, während und nach dem Spiel?
Ganz zu Anfang war es für sie vielleicht gewöhnungsbedürftig. Doch schnell verstanden die meisten diese Sendung als ideale Plattform, um sich selber darzustellen. In jedem Spieler steckt ja ein gewisses Maß an Eitelkeit. Wir wollten die Privatbilder, die intimen Aussagen und die herzergreifenden Geschichten, und die Spieler wollten endlich mehr sein als nur der schnöde Fußballer. Sie wollten so etwas wie Popstars sein.

Das beste Beispiel ist Michael Anicic.
Dazu gibt es auch die passende Geschichte. Ich hole mal etwas aus. Vor den Spieltagen hieß es häufig: »Leute, versucht doch mal in die Kabine zu kommen.« Natürlich wusste jeder in der Redaktion, dass die Kabine das Heiligtum der Mannschaften darstellte. Nur ganz selten durften dort Reporter herein. Das ist heute ja noch so – und absolut verständlich. Doch damals versuchten wir es immer wieder, und jedes Mal die Enttäuschung. Im März 1993 änderte sich das.

Was passierte?
Wir hatten für wenige Monate eine Reporterin, Susanne Sedlitzky, eine kleine zierliche und gut aussehende Dame, Typ Spielerfrau. Nachdem Michael Anicic in seinem Bundesligadebüt gegen den FC Bayern ein sensationelles Spiel abgeliefert hatte, standen die Reporter Schlange. Sie bedrängten ihn, wollten ihn zum neuen Superstar machen. Der Junge kam ja aus dem Nichts. Und dann stand er da, völlig perplex, zugleich auch geschmeichelt. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dabei Susanne. Und sie umgarnte ihn mit Komplimenten und machte ihm schöne Augen. Und dann fragte sie ihn, ob er sich nicht mal in der Kabine ausziehen könnte. Sein Körper würde sich ideal für ein Akt-Shooting eignen.

Er zierte sich nicht?
Anfangs schon. Doch je länger die beiden quatschten, desto vertrauter wurde ihr Gespräch. Irgendwann willigte er ein. Die Bilder von Anicic mit Goldkette unter der Dusche wurden am Abend bei »ran« ausgestrahlt. Am nächsten Tag waren sie in der »Bild« zu sehen. Das war natürlich ein Riesenskandal. Doch für »ran« war es die absolute Blütezeit.

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