1990/91: Stefan Kuntz über das Meisterstück des FCK

»Es gab alles – außer Fleisch«

50 Jahre, 50 Spieler: 11FREUNDE lässt in der aktuellen Ausgabe die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Mit Stefan Kuntz sprachen wir über die Saison 1990/91 und die Meisterschaft mit dem FCK.

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Stefan Kunz, der FCK war in der Meistersaison 1990/1991 alles andere als ein Favorit auf den Titel. Wann haben Sie im Laufe der Saison gemerkt, dass es dennoch klappen könnte?
Wir haben unser Wintertrainingslager im französischen Saint-Brevin absolviert. Es war kalt und das Dorf praktisch menschenleer, da Saint-Brevin eigentlich ein Ferienort ist. Unser Essen bestand aus verschiedensten Meeresfrüchten. Alles was der Feinschmecker begehrt. Es gab alles – außer Fleisch.

Klingt nicht besonders erbaulich.
Das war es auch nicht. Die Stimmung war mies und das Hotel auch nicht so besonders. Jedenfalls rief mich Kalli Feldkamp abends auf sein Zimmer und sagte zu mir: »Du weißt, was wir für eine Chance haben?« Ich hatte keine Ahnung was er von mir wollte. »Wir können dieses Jahr Meister werden.« Im allerersten Moment dachte ich, er hätte von der falschen Seefrucht gegessen. (lacht)

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Sie waren noch nicht davon überzeugt?
Ich habe es am gleichen Abend noch leicht ungläubig den Kollegen erzählt. Doch ab dem Zeitpunkt änderte sich unsere Sicht auf die Dinge. Wir gewannen weiterhin unsere Spiele und hatten ein enormes Selbstvertrauen. Der letzte Dreh kam, als die ersten Seitenhiebe über die Medien aus München kamen. Ab da wussten wir, dass die Bayern uns ernst nehmen.

Spätestens ab dem 22. Spieltag haben die Bayern den FCK ernst nehmen müssen. Sie selbst erzielten fünf Minuten vor Schluss das 2:1.
Der Sieg gegen die Bayern war für uns in erster Linie Genugtuung. Wir haben uns im Vorfeld über einige Aussagen aus München geärgert. Daher waren wir froh, dass wir dieses eine Spiel gegen die Bayern gewinnen konnten. Ich selbst habe eigentlich erst kurz vor Schluss wirklich an die Möglichkeit geglaubt, Meister zu werden.

Der Druck, der aus München aufgebaut werden sollte, hat die Mannschaft nicht verunsichert?
Wir konnten die Seitenhiebe eins zu eins in positive Energie umwandeln. Es entstand eine Jetzt-erst-Recht-Stimmung. Wir wollten es den Bayern zeigen und uns nicht alles gefallen lassen.

Am vorletzten Spieltag hätten sie zu Hause die Meisterschaft klar machen können. Der FCK verlor allerdings gegen Mönchengladbach 2:3 und sie mussten gesperrt zuschauen.
Ich bin dennoch damals gemeinsam mit der Mannschaft zum Stadion gefahren. Mit einer relativ großen Kamera wollte ich die Momente einfangen, kurz bevor wir Deutscher Meister werden sollten. Bis wir dann eines besseren belehrt wurden.

Die Taktik der Bayern hätte doch noch aufgehen können.
Ich denke auch heute noch sehr oft an den Moment nach dem Spiel. Das vorbereitete Buffet, die einzelnen Platten. Alles war vorbereitet für die Feier. Dann gab es den legendären Abend bei Markus Schupp.

Am Abend wurde doch noch gefeiert?
Wir sind mit ungefähr zehn Spielern plus Anhang zu ihm gefahren. Auch ein paar von den Platten hatten wir mitnehmen dürfen. Irgendwann lief die Musik, es wurde getanzt und auch ein wenig getrunken. Der Abend ist etwas ausgeartet und es wurde gefeiert als wenn wir die Meisterschaft gewonnen hätten. Am nächsten Tag haben wir uns voll auf das nächste Spiel eingeschworen.
Mit Erfolg. Der FCK gewann 6:2 in Köln und Sie durften wieder auf dem Platz stehen.
Wir haben vor dem Spiel gar nicht viel besprochen. Wir wussten um die Einmaligkeit dieser Chance. Wir wussten, dass aus unserem Kader wahrscheinlich niemand mehr die Chance kriegen würde, Deutscher Meister zu werden.

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1997 musste der FCK den bitteren Gang in die Zweite Liga antreten. Als Co-Moderator und bereits bei Galatasaray in Istanbul unter Vertrag, verfolgten Sie das letzte Spiel auf der Tribüne. Nach dem Schlusspfiff konnten Sie minutenlang nicht reden. Vermissen Sie unter den jetzigen Profis Identifikation und Leidenschaft für einen Verein?
Der Fußballmarkt hat sich generell verändert. Seit dem Bosman-Urteil finden Transfers ganz einfach häufiger statt und kaum ein Spieler bleibt mal zwei Vertragsperioden bei einem Verein. Dadurch hat sich die Identifikation für einen Verein verändert.

Bilder wie die des weinenden Andi Brehme im Arm von Rudi Völler sind heute nicht mehr vorstellbar.
Die totale emotionale Bindung ist im heutigen Profifussball eine Ausnahme. Das möchte ich gar nicht bewerten, sondern ist ganz einfach ein Zeichen der Zeit. Ich bin ein Fussballromantiker und muss sagen, dass dieser Zustand schon schade ist. Wir alten Säcke wundern uns schon manchmal, wie schnell mancher Spieler nach einer Niederlage umschalten kann und mit seinem Gegenspieler wieder lachen kann. Aber man darf auch nicht den Fehler machen und die Dinge einfordern, die damals normal waren.

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In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe: 50 Spieler und Trainer erinnern sich an ihre prägenden Bundesliga-Momente


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