1988/89: Christoph Daum über Duelle im »Sportstudio«

»Wenn kein Wind ist, fällt die Regatta aus«

Drei unten, drei oben: Am 14. August 1963 ging das Aktuelle Sportstudio im ZDF auf Sendung und gehört seit nunmher 50 Jahren zur Bundesliga wie Eigentore und Meistertitel. Hier erinnert sich Christoph Daum an sein legendäres Wortgefecht mit Uli Hoeneß im Sportstudio aus dem Jahr 1989

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Christoph Daum, 1988/89 war ein besonderes Jahr für den 1.FC Köln. Fast hätten Sie dem FC Bayern die Meisterschaft entrissen.
Die Bayern lagen eigentlich uneinholbar auf Platz Eins und galten schon als sicherer Meister. Wir spielten in dieser Saison wirklich guten Fußball und waren in der Verfolgerrolle. Gegen Ende der Saison wurde ich von vielen Seiten angestachelt, dass wir uns nicht kampflos ergeben könnten und als Konkurrent der Bayern auftreten müssten. Das haben wir angenommen. Damals sagte ich den Satz: »Wenn kein Wind ist, fällt die Regatta aus«. Gemäß dieser Prämisse habe ich den Wind dann selber gemacht. Ich sagte öffentlich, dass wir die Bayern noch abfangen würden, was bei den meisten nur für ein müdes Lächeln sorgte. Aber tatsächlich machten wir die Liga wieder interessant. Die Bayern wurden nervös und verloren überraschend ihre Spiele. Wir gewannen unsere Partien und kamen immer näher ran.

Bis es nur noch zwei Punkte waren und die Bayern am 31. Spieltag nach Köln mussten.
Genau. Es war wieder ein echter Kampf um die Meisterschaft. In dieser Phase wurde ich immer wieder aufgefordert, noch ein wenig Öl ins Feuer zu gießen. Leider habe ich mich als junger Trainer zu Sachen hinreißen lassen, die ich im Nachhinein nicht gut finde. Wobei auch einige Dinge in den Medien falsch dargestellt wurden. In der »Welt« standen plötzlich Aussagen von mir über die Bayern, die ich in der Form nie getätigt hatte. Dagegen bin ich rechtlich vorgegangen.

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Die Stimmung vor dem Duell war aufgeheizt und gipfelte im legendären »Sportstudio«-Auftritt.
Dazu gibt es aber eine Vorgeschichte, die kaum jemand kennt. Wenige Tage zuvor war ich in München, in Waldemar Hartmanns Sendung »Blickpunkt Sport«, wo ich auf Uli Hoeneß traf. Ich dachte, dass man die Unstimmigkeiten, die aus den teils wahren, teils erfundenen Aussagen in der Presse resultierten, in einem persönlichen Gespräch aus der Welt schaffen kann. Wir saßen nach der Sendung noch bis in die frühen Morgenstunden in Waldis Kneipe zusammen und haben lange und intensiv geredet. Ich habe Hoeneß meine Sichtweise erklärt, habe mich für die ein oder andere Aussage entschuldigt, habe ihm aber auch gesagt, was mir nicht gefallen hat. Es war ein sehr offenes, interessantes Gespräch, bei dem ich das Gefühl hatte, dass wir uns gut austauschten und uns ein Stück näher kamen.



Wie kam es dann zum Zusammenstoß kurze Zeit später im »Sportstudio«?
Es war für viele überraschend, dass ich mich im »Blickpunkt Sport« in München – in der Höhle des Löwen sozusagen – gestellt und behauptet habe. Die Medien stellten mich anschließend in gewisser Weise als Gewinner des Duells dar. Eine Art Punktsieg, wenn man so will, auch wenn ich das nie so empfunden habe. Auf jeden Fall hatte auch Bernd Heller vom »Sportstudio« den Auftritt gesehen, der daraufhin, wie er später auch zugab, Uli Hoeneß anrief, um ihm zu sagen, dass er Herrn Daum endlich jemand Einhalt gebieten müsse. Damit schien er bei Hoeneß einen Nerv zu treffen. Das »Sportstudio«  wurde zur Plattform, auf der meinem Treiben ein Riegel vorgeschoben werden sollte.

Und Sie haben sich bereitwillig dazu einladen lassen?
Absolut nicht, ich habe zunächst abgesagt. Ich wollte keinen weiteren Auftritt, es war ja im »Blickpunkt Sport« bereits alles gesagt worden. Dachte ich zumindest. Nach meiner Absage rief Herr Heller Udo Lattek an und fragte, ob er mich nicht umstimmen könnte. Udo rief mich dann an und bot an, mich als Vermittler zu begleiten, da er Hoeneß sehr gut kannte. Er versicherte mir, dass er eingreifen würde, sollte es zu kritisch werden. Also sagte ich zu, denn meine einzige Intention war es, deeskalierend auf die Situation einzuwirken.

Was nicht unbedingt funktioniert hat.
Die Sendung hat einen völlig anderen Verlauf genommen, als ich das beabsichtigt hatte. Ob das von den Protagonisten so abgesprochen war, kann ich nur spekulieren. Von der geplanten Deeskalation ging es auf jeden Fall sehr schnell in eine andere Richtung und es wurde ungemein emotional. Ich habe mir einige Dinge, die von der Gegenseite kamen, nicht gefallen lassen. Und ich habe mich auch selbst zu einigen Dingen hinreißen lassen, die nicht in Ordnung waren. So war ich sehr schnell in einer Widersacher-Rolle.

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Der Höhepunkt der Sendung ist das Verlesen ihrer Aussagen über Jupp Heynckes durch Uli Hoeneß. Bereuen Sie die Aussagen?
Ich hatte mich in München bereits für überzogene und unangebrachte Aussagen gegenüber meinem Trainerkollegen Jupp Heynckes bei Hoeneß entschuldigt. Ich habe Uli Hoeneß mitgeteilt, dass es mir leid tut, einen untadeligen Trainer persönlich attackiert zu haben. Das macht man einfach nicht, und dies sollte sich nie wiederholen. Dafür habe ich mich entschuldigt. Ich habe Uli Hoeneß deutlich mitgeteilt welche Aussagen tatsächlich von mir waren und gegen welche ich mich rechtlich wehren würde. Ich übergab Uli Hoeneß alle Unterlagen und war deshalb umso mehr enttäuscht, als plötzlich wieder alles zur Sprache kam. Das war aus meiner Sicht ebenfalls kein Fair-Play.

Jupp Heynckes saß die meiste Zeit still daneben und überließ Hoeneß das Feld. Haben Sie sich irgendwann mit Heynckes ausgesprochen?
Mir gegenüber und auch in der Öffentlichkeit hat Jupp Heynckes diese Thematik immer sehr souverän gehandhabt. Er vermittelte den Eindruck, über den Dingen zu stehen. Auch deswegen gab es keine direkte Aussprache. Ich habe mich aber natürlich bei ihm entschuldigt, und er hat die Entschuldigung auch angenommen. Dass ich ihn damals so attackiert habe, war vor allem auch der Situation geschuldet, in der ich mich habe mitreißen lassen.

Das Spiel gegen die Bayern ging schließlich mit 1:3 verloren. War der ganze Trubel nach dem »Sportstudio«-Auftritt mit schuld daran?
Der Ausgang eines Spiels ist immer auf mehrere Faktoren zurückzuführen und niemals eindimensional. Da spielt die Tagesform eine Rolle, die Chancenverwertung, auch die Ausgangssituation. Wir mussten ja gewinnen, denn mit einem Unentschieden wäre uns bei noch zwei ausstehenden Partien nicht geholfen gewesen. Dementsprechend mussten wir irgendwann aufmachen. Beim Spielstand von 1:1 musste zudem Jürgen Kohler verletzt vom Feld, der damals der beste Verteidiger der Bundesliga war. Auf der Gegenseite war Roland Wohlfahrt in einer exzellenten Verfassung und er schoss nach der Auswechslung Kohlers in den letzten Minuten noch zwei Tore. Sie sehen: Das Ergebnis eines Spiels hat immer multifaktorielle Ursachen.

Im Nachhinein: Was bleibt von der Saison 1988/89?
Ich kann sagen, meine Mannschaft, der 1. FC Köln hat damals auf sportlicher Ebene Großartiges geleistet. Auch ohne Meisterschaft.

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In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe: 50 Spieler und Trainer erinnern sich an ihre prägendste Bundesligasaison

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