1983/84: Hermann Ohlicher über seinen Meistertreffer für den VFB Stuttgart

»Ja, dann sind wir ja Deutscher Meister«

Seit 50 Jahren wird in den deutschen Stadien Woche für Woche die Geschichte der Bundesliga fortgeführt. Es wurden Siege gefeiert, Niederlagen bedauert, Tore geschossen und Chancen vergeben. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen.

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Hermann Ohlicher, Ihr Treffer zum 2:1 bei Werder Bremen machte den VfB Stuttgart am vorletzten Spieltag 1983/84 zum Meister. Erinnern Sie sich an die Situation?
Sicher. Es lief die 85. Minute und es stand 1:1. Wir bekamen einen Freistoß aus halbrechter Position, etwa 20 Meter vom Tor entfernt. Bernd Förster führte aus, zirkelte den Ball um die Mauer und der Torwart konnte den Ball nur abklatschen. Ich stand etwa sieben Meter vor der Torlinie im Getümmel, reagierte am schnellsten und schob den Ball zum 2:1 ein.

War Ihnen in dem Moment bewusst, was das Tor bedeutete?
Wir wussten nicht, wie es auf den anderen Plätzen stand. Vor dem Spiel waren wir Erster, Punktgleich mit dem HSV. Auch die Bayern hatten noch Chancen auf die Meisterschaft, sie lagen zwei Punkte hinter uns. Sie mussten in Dortmund ran, Hamburg spielte zuhause gegen Eintracht Frankfurt, die als Sechzehnter gegen den Abstieg spielten. Wir haben eigentlich fest damit gerechnet, dass Hamburg gewinnt. Zwischen meinem Tor und dem Abpfiff haben wir mitbekommen, wie die Aufregung auf der Bank immer größer wurde. Uns war klar, dass sich auf den anderen Plätzen etwas getan hatte.

Die Mannschaftskameraden auf der Ersatzbank wussten schon Bescheid?
Die Kollegen hatten die Informationen von den Zuschauern hinter der Bank, die Radios dabei hatten. Der HSV verlor zuhause völlig überraschend gegen Frankfurt mit 0:2, die Bayern spielten gegen Dortmund nur Unentschieden. Das bedeutete, dass wir zwei Punkte Vorsprung und das wesentlich bessere Torverhältnis hatten.

Und damit waren Sie quasi Deutscher Meister.
Direkt nach Abpfiff erfuhren wir die Endergebnisse der anderen Spiele. Trainer Benthaus rief ungläubig in die Runde: »Ja dann sind wir ja Deutscher Meister«. In diesem Moment brachen alle Dämme. Am letzten Spieltag trafen wir noch auf den HSV, die hätten uns aber 5:0 schlagen müssen, um noch an uns vorbeizuziehen. Im Fußball passieren zwar manchmal verrückte Dinge, aber das war praktisch unmöglich. Das Spiel ging dann 0:1 aus.

Wurden Sie Meister, weil der VfB in diesem Jahr eine sehr stabile Abwehr hatte?
Es gab drei Dinge, die uns so stark machten. Zum einen die kompakte Abwehr um die Förster-Brüder. Dann eine insgesamt kompakte Mannschaftsleistung. Und zuletzt ein weit überdurchschnittliches Mittelfeld mit mir, Karl Allgöwer, Guido Buchwald und Asgeir Sigurvinsson.

Ab wann dachten Sie, der Titel wäre möglich?
Ein Schlüsselspiel war der letzte Spieltag der Hinrunde. Wir spielten in Hamburg und erkämpften uns einen Sieg. Der HSV war zuvor zwei Mal in Folge Meister geworden, nachdem wir sie geschlagen hatten, wussten wir, dass etwas möglich ist. Fast wichtiger war aber noch das Heimspiel in der Rückrunde gegen Frankfurt. Wir waren Erster und es waren nur noch drei Spiele zu spielen. Wir führten 2:0, zehn Minuten vor Schluss wurde ich ausgewechselt, ging in die Kabine und erfuhr dann nach dem Spiel, dass wir noch 2:2 gespielt hatten.

Ein Wachmacher zur rechten Zeit?
Nicht unbedingt, wir wussten ja, gegen wen wir in den letzten zwei Spielen noch antreten mussten. Zuerst in Bremen, die Fünfter waren und noch theoretische Chancen auf die Meisterschaft hatten, und dann am letzten Spieltag gegen Hamburg. Nach dem Remis gegen Frankfurt hatten wir schon befürchtet, die Meisterschaft verspielt zu haben und hofften auf ein Endspiel am letzten Spieltag. Dass wir die Bremer dann schlugen und der HSV zuhause gegen einen Abstiegskandidaten verlor, war schon eine Sensation.

Nach Ende Ihrer Spielerkarriere schlugen Sie eine zweite erfolgreiche Laufbahn ein und sind mittlerweile für 340 Lotto-Toto-Annahmestellen verantwortlich. Was haben Sie besser gemacht als andere Ex-Fußballer, die auch eine Lotto-Annahmestelle haben?
Es gibt in Baden-Württemberg zehn Lotto-Bezirksdirektionen, die nach Landkreisen aufgeteilt sind. Ich bin Geschäftsführer für einen Bezirk, bilde aus, betreue und schule die Kollegen. Was ich anders oder besser gemacht habe als andere, weiß ich nicht. Ich hatte vor der Karriere als Fußballer schon ein abgeschlossenes Studium, mein Weg führte eher in die EDV-Welt. Ich war Diplom-Ingenieur und schrieb eigene Computerprogramme. Und dann kam mir mit 23 Jahren der Fußball dazwischen.

Es gibt Schlimmeres.
Ja. Es klingt wie eine Floskel, aber ich hatte großes Glück, mein geliebtes Hobby zum Beruf machen zu können. Nach der Karriere im Fußball habe ich versucht, mir im Berufsleben wieder etwas aufzubauen.

Sie sollen außerdem ein herausragender Golfspieler sein.
Ich sage mal ganz unverblümt: Wenn ich direkt nach der Fußballkarriere mit dem Golfen angefangen hätte, wäre ich wahrscheinlich noch Profi geworden. Nach drei Jahren Übung hatte ich ein Handicap von 5, mein bestes Handicap war 2. Die wilde Golf-Zeit ist aber mittlerweile vorüber. Ich habe ein künstliches Kniegelenk und spiele deshalb keine Turniere mehr. Ich spiele nur noch zum Spaß mit Freunden. Mein Handicap ist auch nur noch bei 3,5.

Das ist immer noch mehr als ordentlich.
Naja, wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Wenn ich Fußball spiele, bin ich ein verrückter Fußballer. Wenn ich Golf spiele, bin ich ein verrückter Golfer. Ganz oder gar nicht.

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