1982, Sensation im Emsland: Maradona vs. SV Meppen!

»Wie Woodstock und Schützenfest«

Am 3. August 1982 wird Meppen zum Nabel der Fußballwelt. Denn Diego Maradona gibt sein Europa-Debüt für den FC Barcelona! Der damalige Meppen -Trainer Hans-Dieter Schmidt erinnert sich an Bratwurst mit Diego und furchtlose Emsländer.

Helmut Kemme

Hans-Dieter Schmidt, der große Diego Maradona im beschaulichen Meppen – wie kam es dazu? 
Hans-Dieter Schmidt: Das Spiel hatten wir eigentlich Udo Lattek zu verdanken. Udo ging gerade in seine zweite Saison als Barca-Trainer und war mit seinem Team zur Vorbereitung in den Niederlanden. Er hatte aber Angst vor der »Einsatzfreude« unserer Nachbarn, anstatt dessen wollte er lieber gegen eine norddeutsche Amateur-Mannschaft spielen. 

Wie haben Sie sich auf das Spiel vorbereitet? 
Hans-Dieter Schmidt: Sportlich haben wir uns genauso vorbereitet wie immer. Aber ansonsten stand ganz Meppen Kopf!

Das müssen Sie erklären. 
Hans-Dieter Schmidt: Die Kartennachfrage war so groß, dass sich der Verein seinen ersten Anrufbeantworter kaufen musste. Unser Präsident Wolfgang Gerstmann strich eigenhändig die Tribünenwände, und am Spieltag wurde sogar ein Fahrer zur spanischen Botschaft nach Bonn geschickt, weil es in Meppen keine spanische Flagge gab.

Wie müssen wir uns das Szenario im »Hindenburgstadion« vorstellen? 
Hans-Dieter Schmidt: Wie eine Mischung aus »Woodstock« und Schützenfest. Die Zuschauer saßen bis direkt an den Spielfeldrand, auf der Laufbahn standen improvisierte Bänke aus Bierkästen und Holzbolen. Das Holz war allerdings frisch geschnitten – ich habe später viele Menschen gesehen, die sich ihre schönen Sommerhosen mit Harz versaut hatten (lacht)

Das Spiel hält bis heute den Zuschauerrekord in Meppen… 
Hans-Dieter Schmidt: Richtig, offiziell wurden 18 000 Besucher gezählt. 

Wie viele waren es wirklich? 
Hans-Dieter Schmidt: Eher 22 000. Das Stadion platzte aus allen Nähten, selbst auf den umliegenden Bäumen gab es keine freien Plätze mehr. Maradona, Bernd Schuster, Allan Simonsen – das wollte sich niemand entgehen lassen. Dazu kamen die vielen Journalisten. Allein aus Spanien reisten gefühlte 100 Medienvertreter an. Und jeder wollte wissen: Wer spielt gegen Maradona?  

Und, wem wurde diese Ehre zuteil? 
Hans-Dieter Schmidt: Wir spielten damals schon eine Raumdeckung, aber einer sollte sich trotzdem um Maradona kümmern. Hermann Eiting, damals gerade Anfang zwanzig, aber ein zuverlässiger Mittelfeldspieler. Ich habe ihm gesagt, dass er fair spielen soll – und das hat er auch gemacht.

Hat er keine schlotternden Knie bekommen? 
Hans-Dieter Schmidt: Hermann ist richtiger Emsländer – das sind gestandene Kerle, die kennen keine Angst. Er hat sein Bestes gegeben und sich super geschlagen. Überhaupt hat die ganze Mannschaft phantastisch gespielt.

Hat Maradona sein Aufwärmprogramm damals schon so zelebriert, wie man es später von ihm kannte? 
Hans-Dieter Schmidt: Das war ein Spektakel! Er musste von Polizisten aufs Spielfeld eskortiert werden, dann schnappte er sich einen Ball und fing an zwischen Sechzehner und Mittellinie hin und her zu dribbeln. Fuß, Oberschenkel, Kopf, Nacken – alle möglichen Tricks. Innerhalb kürzester Zeit folgte ihm ein Schwarm aus gut 100 Fans. Immer wenn er wieder in die Gegenrichtung lief, bildete sich kurz eine Gasse. Maradona tänzelte hindurch und anschließend hängte sich die Menschentraube wieder geschlossen an seine Fersen. Ein unglaubliches Bild!

Auf dem Papier hieß es »Oberliga Nord« gegen »Katalanische Weltauswahl«. Eine klare Angelegenheit? 
Hans-Dieter Schmidt: Wir waren keine arme Landkundschaft, in einem Testspiel hatten wir beispielsweise schon Werder Bremen geschlagen. Aber technisch und spielerisch waren wir natürlich haushoch unterlegen. Schon nach 13 Minuten bekam Barca einen Handelfmeter, den Maradona sicher verwandelte. 

Wie ging es weiter?
Hans-Dieter Schmidt: Bis zur Pause fingen wir noch zwei weitere Tore. In der zweiten Halbzeit ließ Lattek eine komplett andere Mannschaft spielen, trotzdem standen immer noch elf Nationalspieler auf dem Platz. Am Ende hieß es »nur« 0:5, das war für uns aller Ehren wert! 

Und Maradona… ?
Hans-Dieter Schmidt: …stand von Anfang an im Mittelpunkt. Er wurde von seinen Mitspielern gesucht, und wenn er die Kugel erst mal am Fuß hatte, gab im Grunde keine Chance mehr an den Ball zu kommen. In der zweiten Halbzeit wurde er dann geschont und setzte sich ganz normal auf die Bank. 

Kam man an den »Goldjungen« heran? 
Hans-Dieter Schmidt: Das war überhaupt kein Problem. Nach dem Spiel sind die Leute auf den Platz gerannt, um sich Autogramme zu holen. Maradona schien das überhaupt nicht zu stören. Er wirkte wie der Gegenentwurf zu Bernd Schuster, ich habe selten einen Profi erlebt, der so bodenständig rüberkam. Selbst als er später schon im Mannschaftsbus verschwunden war, kam er noch mal raus, um sich auf der Dienstmütze eines Polizisten zu verewigen. 

Haben Sie mit Maradona gesprochen? 
Hans-Dieter Schmidt: Ja, in der Kabine hat er ein paar Fußbälle für Behinderteneinrichtungen im Emsland signiert – danach sind wir zusammen an die Bratwurstbude gegangen. Wir haben uns über die Weltmeisterschaft und die neue Situation in Barcelona unterhalten. Er musste sich erst mal an sein neues Leben gewöhnen: Ein 21-jähriger Gaucho aus einfachen Verhältnissen, der sich plötzlich in der Welt des großen FC Barcelona wiederfindet…

Was für ein Erinnerungsstück haben Sie vom dem Spiel? 
Hans-Dieter Schmidt: Meine Spieler haben natürlich ihre Trikots getauscht und trugen ihre »Trophäen« später im Training. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der überhaupt kein Souvenir hat. Aber das was ich erlebt habe, trage ich in meinem Herzen. 

Die Zeitungen schrieben am nächsten Tag: »Die Welt hat auf Meppen geschaut«.
Hans-Dieter Schmidt: So war es auch. Die »Heute«-Nachrichten brachten am Abend einen Bericht – von einem Freundschaftsspiel, das muss man sich mal vorstellen! Das Medienecho ging durch ganz Europa. Für die Journalisten aus Spanien und Argentinien gab es überhaupt kein Halten mehr, schließlich waren sie Zeugen von Maradonas erstem Tor in Europa geworden.

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