1978/79: Gerhard Kleppinger über die Feierabendfußballer aus Darmstadt

»Am Nachmittag taten die Knochen weh«

Seit 50 Jahren wird in den deutschen Stadien Woche für Woche die Geschichte der Bundesliga fortgeführt. Es wurden Siege gefeiert, Niederlagen bedauert, Tore geschossen und Chancen vergeben. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen. Wir sprachen mit Gerhard Kleppinger über die Saison 1978/1979.

Gerhard Kleppinger, Sie zählten in der Saison 1978/1979 zu den »Feierabendfußballern« vom SV Darmstadt 98. Während in der Bundesliga längst das Vollprofitum Einzug erhielt, gingen Sie und Ihre Teamkollegen einem Beruf nach. Wie darf man sich das vorstellen?
Wir sind alle tagsüber arbeiten gegangen und nachmittags, gegen 15.30 Uhr, begann unser Training.

Welchen Beruf haben Sie ausgeübt?
Ich war bei einer Versicherung angestellt. Morgens um halb sechs bin ich mit dem Bus nach Darmstadt zur Arbeit gefahren, damit ich am Ende halbwegs auf meine Stunden gekommen bin. Dazu muss ich auch eindeutig sagen, dass ich viel Glück mit meinem damaligen Ausbilder hatte. Er war alter 98er und hat hier und da auch mal ein Auge zugedrückt und mir Stunden gutgeschrieben. Ohne die Unterstützung vom Chef wäre das damals gar nicht möglich gewesen.

Und der Rest des Teams? Gab es auch Spieler die körperlich schwer arbeiten mussten?
Ich kann mich noch daran erinnern, dass der heute leider verstorbene Edwin Westenberger als Metzger gearbeitet hat. Man kann sich vorstellen, dass ihm am Nachmittag die Knochen weh taten. Ansonsten hatten wir noch etliche Lehrer im Team. Damals hatte man als Lehrer ja noch gegen die Mittagszeit Feierabend, sodass die Jungs keine großen Probleme hatten.

Würden Sie sagen, dass das Darmstädter Modell ein Nachteil für Sie gewesen ist?
Ein Nachteil war das schon. Wir hatten zum Beispiel deutlich weniger Training als andere Mannschaften. Unser Trainer hat in eine Trainingseinheit alles reinpacken müssen, was eine Profimannschaft auf zwei oder noch mehr Einheiten verteilt hätte. Im Grunde genommen hatten wir nur viermal Training in der Woche.

Sie konnten beispielsweise nur ins Trainingslager fahren, wenn die gesamte Mannschaft für den entsprechenden Zeitraum Urlaub bekam.
Es gab ja keine andere Möglichkeit. Um alle an Bord zu haben, mussten auch alle von ihrem Chef frei bekommen. Die Absprache war bei uns somit sicherlich schwieriger als bei anderen Vereinen. Wir konnten für unser Trainingslager nicht einfach einen Termin festlegen, sondern mussten die Termine aller berücksichtigen.

Gab es auch Momente, in denen ein Spieler dem Trainer aus beruflichen Gründen absagen musste? Nach dem Motto: »Trainer, ich pack's heute nicht zum Training, weil ich länger arbeiten muss«?
Nein, so etwas gab es bei uns nicht. Im Training waren wir in der Regel vollzählig. Diese Doppelbelastung war für uns ja nichts Neues, da wir auch schon in der zweiten Liga nebenher gearbeitet haben und trotzdem aufgestiegen sind.

Aus welchem Grund gab es zur Darmstädter Bundesligazeit kein Vollprofitum?
In Darmstadt wollte man nur wegen der Bundesliga nicht plötzlich alles umschmeißen. Außerdem hatten wir einige ältere Spieler im Team, die ihren Job für die Bundesliga gar nicht aufgeben wollten. Nach dem Abstieg gab es aber auch in Darmstadt ein Umdenken und es wurden nur noch Vollprofis beschäftigt.

In der Öffentlichkeit waren Sie als die »Feierabendfußballer vom Böllenfalltor« bekannt. Haben Ihre Gegner sie auch so wahrgenommen?
Nein, so darf man sich das nicht vorstellen. Wir haben eine gute Runde gespielt und hätten die Klasse durchaus halten können. Letztendlich haben wir etwas Pech gehabt, da sich im Laufe der Saison wichtige Säulen der Mannschaft, wie Walter Bechthold, Manni Drexler oder Peter Cestonaro, verletzt haben. Ohne diese Verletzungen hätten wir die Klasse, auch mit diesem Modell, zumindest für ein Jahr halten können.

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