1978: Menotti wird Weltmeister

»Man spielt, wie man lebt«

Die 70er Jahre waren die Zeit, in der der Fußball politisch wurde. Wir sprachen mit dem Erfinder des linken Systemfußballs, César Luis Menotti, über die Spielphilosophie, mit der er 1978 Argentinien zum WM-Titel führte. 1978: Menotti wird Weltmeister

César Luis Menotti, mag ein Mann wie Sie deutschen Fußball?

Warum nicht? Es hieß immer, der deutsche Fußball sei zu schematisch. Völlig übertrieben. Als Deutschland bei der WM 1974 über die Niederlande triumphierte, gewannen sie nicht allein, weil sie den Gegner vor sich hertrieben, sondern weil sie großartige Spieler hatten. Aber Organisation war ein wichtiger Aspekt ihres Spiels. Eine Nation spielt eben so, wie sie lebt.

[ad]

Und wie lebt und spielt dann Argentinien?

Eine Kultur beinhaltet viele Aspekte: von der Musik bis zur Sprache, vom Fußball bis zur Kleidung. In Argentinien durchlebten wir in den Sechzigern eine große kulturelle Krise – und der Fußball blieb davon nicht unbelastet. Dann kam dazu, dass wir nicht unbedingt erfolgreich spielten, also hörten wir auf, an das zu glauben, was unser Spiel besonders macht. Plötzlich schien alles besser zu sein, was von außen kam. Es wurden Dinge eingeführt, die mit unserem Fußball nichts zu tun hatten.

Gibt es dafür eine soziologische Erklärung?

Es gibt eine Initialzündung für diese Fehlentwicklung.

Die da wäre?


Die große Enttäuschung, die unser Team bei der WM 1958 in Schweden erlebte. Damals verloren wir mit sechs Gegentoren gegen die Tschechoslowakei. Die ganze Welt sprach darüber, dass wir rückständig spielen würden und an unserer Athletik arbeiten müssten. In den vierziger und Anfang der fünfziger Jahre galt unsere Nationalelf als nahezu unschlagbar. Wir hatten so viele gute Spieler, dass wir in der Lage gewesen wären, mehrere Nationalmannschaften aufzustellen.

Was geschah im Anschluss an das WM-Turnier von 1958?

Mehr als zehn Jahre herrschte Chaos. So sehr, dass wir uns nicht einmal für die WM 1970 qualifizierten. Zu der Zeit begann die Diskussion, ob alles so sein muss wie bei Estudiantes La Plata (dem Sieger der Copa Libertadores von 1968 bis ’70, d. Red.), deren Fußball nur aus Manndeckung, Pressing und Kampf bestand. Wir fragten uns, ob es nicht auch anders ginge. Zu dieser Zeit hatten die Wissenschaftler das Sagen im Fußball. Aber so geht es nun mal nicht, genauso wenig wie einst, als man dachte, die Philosophen könnten alles lösen.

Warum wurde Fußball zu dieser Zeit so wenig gespielt?


Es war die Antwort der spielschwachen Teams. Es war damals Mode, so zu taktieren wie Inter Mailand, die den Catenaccio zelebrierten und mit enger Manndeckung spielten. Dann kam die WM 1970, die Brasilien im Torrausch gewann. Ich adaptierte ihre Idee vom Fußball, als ich bei Huracán anfing.

Was änderten Sie?

Als ich den Trainerposten antrat, erklärte ich den Spielern, dass sie besser spielen könnten. Ich nannte ihnen die Namen der großen Stars früherer Zeiten. Erst schauten die Jungs mich nur an und sagten: »Schön und gut, aber gewinnen tun doch immer dieselben.« Ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass Fußball nicht nur auf einer hohen Leistungsbereitschaft basiere. Bis dato beruhte Fußball vor allem auf Taktik und Physis. Aber für mich ist Fußball etwas Menschliches. Die, deren einziges Ziel es ist, Spiele zu gewinnen, haben den eigentlichen Sinn nicht verstanden. Sie spielen in meinen Augen falsch.

Kann man als Trainer, der vom Erfolg lebt, so argumentieren?


Hören Sie genau zu, was ich sage: Falschspieler sind diejenigen, die nichts als Spiele gewinnen wollen. Die anderen spielen, um zu gewinnen. Wenn jemand sagt: »Das Einzige, was mich interessiert, ist gewinnen«, ist er ein Falschspieler. Denn sein Anliegen impliziert auf diese Weise immer die Möglichkeit des Betrugs. So wie jemand, der Poker spielt, um Geld zu machen, aber nicht wegen des Spiels selbst. Kurz: Wir waren in Gefahr die Bedeutung des Wortes »Spiel« zu entwerten.

Weiterlesen im 11FREUNDE-Spezial »Das waren die Siebziger« – jetzt im Handel!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!