1973: Rudi Gutendorf unter Beschuss

»Ich hatte Todesangst«

Wohl kein anderer Trainer ist soweit herum gekommen wie Rudi Gutendorf. Heute wird er 85 Jahre alt. Wir erinnern an eine Station in Chile. Hier trank er Whiskey mit Allende – und starb beinah im Kugelhagel. 1973: Rudi Gutendorf unter Beschuss

Rudi Gutendorf, Sie waren 1973 Nationaltrainer von Chile. Wie kamen Sie zu diesem Engagement?

Ich war damals der erste deutsche Trainer in Südamerika überhaupt und habe 1972 die Mannschaft von Christal Lima in Peru betreut. Mit Christal habe ich den Landespokal gewonnen, daraufhin hat mir der chilenische Verband ein Angebot als Nationaltrainer unterbreitet. Erleichternd kam hinzu, dass ich dem Spanischen sehr gut mächtig war.

Es war Ihre Aufgabe, die Mannschaft zur Weltmeisterschaft nach Deutschland zu führen.

Ja, wir waren der Qualifikationsgruppe 12 in Südamerika zugeteilt und mussten uns mit Peru und Venezuela auseinandersetzen. Venezuela zog sein Team wegen Streitigkeiten innerhalb des Verbandes zurück, und so blieb lediglich Peru als Gegner übrig. Nach Hin- und Rückspiel waren alle Beteiligten genau so schlau wie vorher, denn es gewann jeweils die Heimmannschaft mit 2:0. So musste ein Entscheidungsspiel her, welches wir dann auf neutralem Boden in Montevideo für uns entscheiden konnten.

Aber allein dadurch war Chile ja nicht für die Weltmeisterschaft in Deutschland qualifiziert.

Richtig. Wir qualifizierten uns durch den Triumph gegen Peru für zwei Relegationsspiele gegen die Sowjetunion, den Ersten der Gruppe 9 aus Europa.

Als Trainer erlebten Sie diese Relegationspartien jedoch nicht mehr.

Leider nein, mir kam quasi der Militärputsch dazwischen und da ich ein Freund von Ministerpräsident Allende war, musste ich um mein Leben fürchten. Die Militärs haben damals keine Mätzchen gemacht und Sympathisanten von Allende rasch weg gefangen. Der deutsche Botschafter in Santiago hat mich aber rechtzeitig gewarnt, und wir sind beide mit der letzten Lufthansa-Maschine aus Chile geflohen.

Bis zu diesem Moment waren sie ja durchaus erfolgreich mit der chilenischen Auswahl.

Unsere Spiele in Santiagos Nationalstadion, das damals so um die 100.000 Menschen fasste, waren immer ausverkauft. Die Begeisterung der Leute war einfach wunderbar, denn der Fußball war ja das Einzige, an dem sie sich erfreuen konnten. Ich genoss durch meine Position als Nationaltrainer den Status eines Ministers. So wurde ich auch für repräsentative Zwecke eingespannt: Ich habe die „Miss Chile“ gekrönt und Brücken eingeweiht.

Gemeinsam mit ihrem Freund Allende?

Nein. Ich habe aber viel Zeit mit dem Präsidenten in seinem Anwesen außerhalb von Santiago verbracht. Wir haben oft in seinem Haus Whiskey getrunken, und nachts ging es dann per Hubschrauber wieder zurück in die Hauptstadt.

Zurück zur WM-Relegation: Das Rückspiel wurde von der Sowjetunion boykottiert. Die Chilenen liefen dennoch auf und gewannen gegen einen nicht vorhandenen Gegner mit 1:0.

Die größte Ungeheuerlichkeit an diesem Rückspiel in Chile war, dass die Partie in einem Stadion angepfiffen wurde, in dem gleichzeitig Menschen eingesperrt waren. Sie haben das Nationalstadion, meine Werkstatt, missbraucht, um Leute einzukerkern und hinzurichten – wie in einem Konzentrationslager. Unterhalb der Haupttribüne hatte ich eine Wand bauen lassen, wo sich meine Spieler vor Länderspielen mit den Fußbällen warm geschossen haben. Dort ließen die Militärs dann Menschen hinrichten.

Durch den Putsch wurde Ihnen die Möglichkeit genommen, als Trainer bei der Weltmeisterschaft in Deutschland dabei zu sein.

Das war eine große Enttäuschung für mich. Natürlich wäre ich gerne mit der Mannschaft nach Deutschland gefahren. Es wäre die Krönung meiner Trainerkarriere gewesen, denn es gibt nichts Größere,s als bei einer WM eine Mannschaft zu betreuen. Zweimal in meinem Leben stand ich knapp davor, aber es blieb mir immer verwehrt. In Chile wegen der Politik und in Afrika aufgrund der Raffgier.

Wessen Raffgier wurde Ihnen in Afrika zum Verhängnis?

Die eines Briefträgers. Ich war 1982 Ausbilder in Tansania, und mir wurde ein Angebot von Kamerun unterbreitet, ihr Team bei der Weltmeisterschaft in Spanien zu betreuen. Ich übergab meine Zusage samt 72 Dollar, die diese Eilsendung kosten sollte, und drückte beides einem Postboten in die Hand. Kameruns Verband antwortete nicht, und es stellte sich heraus, dass mein Antwortschreiben Tansania niemals verlassen hatte. Der Briefträger hatte sich das Geld in die eigene Tasche gesteckt.

Haben Sie Ihre chilenische Mannschaft dann während der Weltmeisterschaft 1974 besucht?

Ja, nach der knappen 0:1-Niederlage Chiles gegen Deutschland in Berlin habe ich die Jungs getroffen. Bis weit in die Nacht habe ich mit den Offiziellen am Kudamm zusammen gesessen.

Mittlerweile sind Sie 84 Jahre alt. Sind Sie immer noch im Dienste des Fußballs in aller Welt unterwegs?

Im vergangenen Jahr habe ich noch als Nationaltrainer auf Samoa gearbeitet, und der Verband hat mich auch wieder gefragt, ob ich nicht zurückkehren möchte. Ich bin noch am Überlegen, denn ich habe hier in Deutschland einen 17-jähirgen Sohn, der gerade die Schule beendet. Außerdem trainiere ich die Lotto-Rheinland-Pfalz-Prominentenmannschaft, in der unter anderem Stefan Kuntz, Wolfgang Overath und sogar noch Horst Eckel mitspielen. Wenn ich den runter nehmen will, weigert er sich immer (lacht). Unsere Truppe kickt für karitative Zwecke. Rund eine halbe Million Euro haben wir schon zusammengespielt und sind bis heute noch ungeschlagen.

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