1965/66: »Atze« Becker über den Abstieg von Tasmania Berlin

»Das war deprimierend«

Seit 50 Jahren wird in den deutschen Stadien Woche für Woche die Geschichte der Bundesliga fortgeführt. Es wurden Siege gefeiert, Niederlagen bedauert, Tore geschossen und Chancen vergeben. 11FREUNDE lässt die Protagonisten aus fünf Jahrzehnten Bundesliga zu Wort kommen.

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Hans-Günter Becker, Tasmania Berlin ist zur Saison 1965/1966 anstelle von Hertha BSC in die Bundesliga nachgerückt. Haben Sie da schon befürchtet, dass die Saison recht happig werden könnte?
Auf jeden Fall. Die Idee, unbedingt eine Berliner Mannschaft in die Bundesliga zu holen, war ein Politikum. Als dann feststand, dass ausgerechnet wir nachrücken sollten, hatten wir gar keine Zeit mehr, neue Spieler zu holen. So erfolgreich wir mit Tasmania rund um Berlin seinerzeit waren, so aussichtslos waren unsere Chancen in der Bundesliga zu bestehen, das war uns von Anfang an klar.

Trotzdem haben Sie sich eine kleine Chance erträumt?
Natürlich haben wir gehofft, für die eine oder andere Überraschung sorgen zu können. Mit Horst Szymaniak haben wir wenigstens einen super Spieler verpflichten können. Aber er alleine konnte uns auch nicht retten. Insgesamt genügte unsere Mannschaft einfach nicht den Ansprüchen der ersten Liga.

Wie haben Sie den kurzfristigen Aufstieg mit ihrem Beruf vereinbaren können?
Es war damals ein großes Problem, da wir alle vollbeschäftigt waren. Der Verein wollte, dass wir praktisch über Nacht unsere Stellungen kündigen, um Profis zu werden. Ich habe mit meinem Arbeitgeber abgemacht, nur noch halbtags zu arbeiten. Wir wussten ja, dass es nur eine Saison dauern würde.

Und wie haben Ihre Teamkollegen diesen Spagat hinbekommen?
Viele haben ihre Anstellung aufgeben müssen, da nicht jeder Arbeitgeber mit einer Halbtagslösung einverstanden war. Für einige war die Situation daher nicht besonders angenehm, da man nur vom Profigehalt nicht sonderlich gut leben konnte.

Gab es Momente, in denen Sie die Entscheidung ab und an bereut haben und lieber einen Tag im Büro verbracht hätten, als beispielsweise wieder in Gladbach vorgeführt zu werden?
Manchmal schon. Aber es gab natürlich auch einen finanziellen Anreiz. Zumindest gab es mehr Geld zu verdienen, als in der gleichen Zeit im Büro.

Sie konnten lediglich am ersten und am letzten Spieltag Ihre Spiele gewinnen. Gab es im Laufe der Saison Auflösungserscheinungen innerhalb der Mannschaft?
Natürlich war die Stimmung gelegentlich alles andere als gut. Aber generell kann ich den Hut vor der gesamten Mannschaft ziehen, da wir vom Anfang bis zum Ende mit ehrlichen Mitteln versucht haben, dass Beste aus der Situation herauszuholen. Obwohl jeder wusste, dass das Abenteuer nicht gut ausgehen wird.

Sie haben sich den Spaß an der ersten Liga also nicht vermiesen lassen?
Auf keinen Fall. Grundsätzlich sind wir in jedes noch so aussichtslose Spiel, halbwegs optimistisch gegangen. Und wenn es dann mal wieder nicht geklappt hat, dann haben wir die Niederlage mit einer gehörigen Portion Humor genommen.

Ihre Fans waren weniger ausdauernd. Am ersten Spieltag kamen 75.000 Zuschauer, am letzten nicht einmal mehr 1000. Wie fühlt man sich in so einem Moment?
Das war natürlich deprimierend. Aber wer kann es ihnen übel nehmen? Eigentlich war die Saison doch schon nach der Hinrunde gelaufen. Im Grunde genommen waren unsere letzten Fans ausschließlich aus unserem Viertel Neukölln.

Haben Sie rückblickend einen Moment in der Saison, an den Sie sich besonders gerne erinnern?
Das erste Spiel war natürlich ein Highlight. Vor so vielen Zuschauern beim Auftakt zu gewinnen, wenn auch etwas glücklich, war ein sehr schönes Gefühl. Außerdem waren die Spiele, in denen man zusammen mit Größen wie Uwe Seeler, Jupp Heynckes oder Wolfgang Overath auf dem Platz steht, Momente, die man nicht mehr vergisst.

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