12.09.2008

1860-Legenden schlagen Alarm

»Es ist fünf nach zwölf«

Drei Spiele, drei Niederlagen, letzter Platz – 1860 München ging es schon mal besser. Wir sprachen mit Bernd Patzke und Alfred Heiß, zwei Meisterlöwen von 1966, über die sportliche Talfahrt und Fehler in der Vereinspolitik.

Interview: M. Kielbassa und G. Kleffmann Bild: Imago
Alfred Heiß und Bernd Patzke zählten zur Meistermannschaft des TSV 1860, die 1966 den einzigen Bundesliga-Titel gewann. Nationalspieler Heiß hatte damals mit zehn Toren in 31 Spielen großen Anteil am Erfolg. Der heute 67-Jährige, der lange Mitinhaber eines Fuhrunternehmens in Garching war, lebt in Neukeferloh und hat zwei Kinder. Patzke, 65, spielte knapp sieben Jahre für die Löwen, gehörte zum deutschen WM-Kader 1966 und 1970 und ist bis heute Rekordnationalspieler der Sechziger (24 Länderspiele). Nach seiner Laufbahn arbeitete Patzke als Trainer und Trainerausbilder in zahlreichen Ländern. Er hat einen Sohn und lebt in München.



Herr Heiß, Herr Patzke, drei Spiele, drei Niederlagen, Platz 18 - was ist nur los mit der Mannschaft von 1860?

Patzke: Im Moment ist das eine sehr schwierige Situation. Ich habe keine Erklärung dafür, wie die Mannschaft so weit abrutschen konnte. Ich hoffe, dass sie am Montag gegen Duisburg wieder aus dem Tabellenende rauskommt.

Wie könnte das gelingen?


Heiß: Für mich ist das auch alles unerklärlich. Die Mannschaft dürfte niemals so schlecht spielen, wie sie es gerade tut. Ein Spiel wie gegen Mainz kann nicht sein. Das hat für mich offenbart, dass es keinen Zusammenhalt im Team gibt, dass keiner für den anderen läuft. Jeder schaut nur: Was macht der andere? Jeder drückt sich vor der Verantwortung. Wir haben niemanden, der Verantwortung übernimmt. Die Mannschaft muss begreifen, dass es fünf nach zwölf ist. Und ganz ehrlich: Ich habe viele Mannschaften in der Arena gesehen. Das soll die beste zweite Liga aller Zeiten sein? Da kann ich nur lachen. Das Niveau ist manchmal... - naja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Herr Patzke, wie war das früher: Hatten Sie auch Durchhängerphasen?

Patzke: Hatten wir, klar. Bei uns ging es dann unwahrscheinlich hart im Training zur Sache. Und wir sind vom Trainer schön gepuscht worden. Ich will jetzt aber was zur Mannschaft sagen: Wir haben zwei Ex-Nationalspieler im besten Alter (Bierofka, Lauth; d. Red.), einen amerikanischen und kanadischen Nationalspieler, wir haben U19-Europameister, wir haben Göktan, der bei Galatasaray gespielt hat und noch drei ehemalige Bundesligaspieler. Auf dem Papier ist das eine gute Elf, besseres Potential für eine Zweitliga-Elf gibt es nicht. Aber seit zwei Jahren spielen wir am Ende der Saison immer gegen den Abstieg. Jetzt sind wir sogar Letzter. Mir fehlen die Worte.

Der Standardreflex wäre die Frage: Hat 1860 ein Trainerproblem?

Patzke: Das müssen andere entscheiden. Ich weiß nur, es muss bald etwas von den Spielern auf die Zuschauer überspringen und nicht nur umgekehrt. Die Fans müssen sehen: Die geben alles.

Heiß: Ich bin nicht nah genug an der Mannschaft, um zu wissen: Wie wird sie geführt? Nur: Es kann nicht sein, dass die Spieler immer Zusammenhalt schwören, und dann spielen sie, als hätten sie Luft in den Waden. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Marco Kurz seine Spieler nicht puscht oder ihnen keinen Siegeswillen einimpft. Mir kommt es so vor, als wenn manche Angst vor Verantwortung hätten. Wenn es so wäre, sollten sie sich einen anderen Beruf suchen. Keiner läuft bei uns auf dem Platz mehr quer und bietet sich an. Das ist eine Katastrophe. Die Spieler müssen begreifen, dass Fußball heißt: 80 Prozent umsonst laufen - bei uns laufen sie 20 Prozent umsonst.

Patzke: Ich habe das Gefühl, dass manche gar nicht angespielt werden wollen. Sie stellen sich so hin, dass sie gar nicht angespielt werden können.

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