1860-Legenden schlagen Alarm

»Es ist fünf nach zwölf«

Drei Spiele, drei Niederlagen, letzter Platz – 1860 München ging es schon mal besser. Wir sprachen mit Bernd Patzke und Alfred Heiß, zwei Meisterlöwen von 1966, über die sportliche Talfahrt und Fehler in der Vereinspolitik. 1860-Legenden schlagen AlarmImago

Alfred Heiß und Bernd Patzke zählten zur Meistermannschaft des TSV 1860, die 1966 den einzigen Bundesliga-Titel gewann. Nationalspieler Heiß hatte damals mit zehn Toren in 31 Spielen großen Anteil am Erfolg. Der heute 67-Jährige, der lange Mitinhaber eines Fuhrunternehmens in Garching war, lebt in Neukeferloh und hat zwei Kinder. Patzke, 65, spielte knapp sieben Jahre für die Löwen, gehörte zum deutschen WM-Kader 1966 und 1970 und ist bis heute Rekordnationalspieler der Sechziger (24 Länderspiele). Nach seiner Laufbahn arbeitete Patzke als Trainer und Trainerausbilder in zahlreichen Ländern. Er hat einen Sohn und lebt in München.

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Herr Heiß, Herr Patzke, drei Spiele, drei Niederlagen, Platz 18 - was ist nur los mit der Mannschaft von 1860?

Patzke: Im Moment ist das eine sehr schwierige Situation. Ich habe keine Erklärung dafür, wie die Mannschaft so weit abrutschen konnte. Ich hoffe, dass sie am Montag gegen Duisburg wieder aus dem Tabellenende rauskommt.

Wie könnte das gelingen?


Heiß: Für mich ist das auch alles unerklärlich. Die Mannschaft dürfte niemals so schlecht spielen, wie sie es gerade tut. Ein Spiel wie gegen Mainz kann nicht sein. Das hat für mich offenbart, dass es keinen Zusammenhalt im Team gibt, dass keiner für den anderen läuft. Jeder schaut nur: Was macht der andere? Jeder drückt sich vor der Verantwortung. Wir haben niemanden, der Verantwortung übernimmt. Die Mannschaft muss begreifen, dass es fünf nach zwölf ist. Und ganz ehrlich: Ich habe viele Mannschaften in der Arena gesehen. Das soll die beste zweite Liga aller Zeiten sein? Da kann ich nur lachen. Das Niveau ist manchmal... - naja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Herr Patzke, wie war das früher: Hatten Sie auch Durchhängerphasen?

Patzke: Hatten wir, klar. Bei uns ging es dann unwahrscheinlich hart im Training zur Sache. Und wir sind vom Trainer schön gepuscht worden. Ich will jetzt aber was zur Mannschaft sagen: Wir haben zwei Ex-Nationalspieler im besten Alter (Bierofka, Lauth; d. Red.), einen amerikanischen und kanadischen Nationalspieler, wir haben U19-Europameister, wir haben Göktan, der bei Galatasaray gespielt hat und noch drei ehemalige Bundesligaspieler. Auf dem Papier ist das eine gute Elf, besseres Potential für eine Zweitliga-Elf gibt es nicht. Aber seit zwei Jahren spielen wir am Ende der Saison immer gegen den Abstieg. Jetzt sind wir sogar Letzter. Mir fehlen die Worte.

Der Standardreflex wäre die Frage: Hat 1860 ein Trainerproblem?

Patzke: Das müssen andere entscheiden. Ich weiß nur, es muss bald etwas von den Spielern auf die Zuschauer überspringen und nicht nur umgekehrt. Die Fans müssen sehen: Die geben alles.

Heiß: Ich bin nicht nah genug an der Mannschaft, um zu wissen: Wie wird sie geführt? Nur: Es kann nicht sein, dass die Spieler immer Zusammenhalt schwören, und dann spielen sie, als hätten sie Luft in den Waden. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Marco Kurz seine Spieler nicht puscht oder ihnen keinen Siegeswillen einimpft. Mir kommt es so vor, als wenn manche Angst vor Verantwortung hätten. Wenn es so wäre, sollten sie sich einen anderen Beruf suchen. Keiner läuft bei uns auf dem Platz mehr quer und bietet sich an. Das ist eine Katastrophe. Die Spieler müssen begreifen, dass Fußball heißt: 80 Prozent umsonst laufen - bei uns laufen sie 20 Prozent umsonst.

Patzke: Ich habe das Gefühl, dass manche gar nicht angespielt werden wollen. Sie stellen sich so hin, dass sie gar nicht angespielt werden können.

Diese Leblosigkeit ist oft ein Zeichen, dass das Selbstvertrauen fehlt. Wie kommt man da raus? Fehlt eine Leitfigur, die die anderen mitreißt?

Patzke: Zum Leader muss man geboren sein. Ein Trainer kann nicht sagen: Du übernimmst jetzt diese Rolle. Wenn einer rumschreit und selber Mist spielt, dann hat er keine Chance als Leader.

Heiß: Diese Typen sind rar gesät. Ein Leader muss unantastbar sein und stark genug, um die anderen auch mal zusammenzuscheißen. Bei Sechzig ist es zu still auf dem Platz, der Trainer hat keinen verlängerten Arm. Umso wichtiger ist es, dass nun Trainer und Manager Einfluss auf die Mannschaft nehmen. Stefan Reuter muss jetzt komplett für das Sportliche da sein. Er ist eine Galionsfigur, die Spieler müssen auf ihn hören.

War Reuter wegen der vereinspolitischen Querelen zuletzt zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt?

Patzke: Er hat viel mitgemacht, er hat ja schon vier Präsidenten miterlebt, wie soll er sich da ausschließlich um die Mannschaft kümmern? Er ist ja auch verantwortlich für die Finanzen. Das ist sehr schwer für ihn.

Heiß: Ich sage: Die Verantwortlichkeit des Präsidiums muss bei uns kleiner werden, was wir brauchen, ist eine starke Geschäftsführung. Ich bedauere unglaublich, dass Stefan Ziffzer (entlassener Finanzchef) nicht mehr da ist. Er war derjenige, der sich getraut hat, im Verein nach vorne zu gehen und auch Aussagen zu treffen, die manchen nicht gepasst haben. Ziffzer hatte Mut - und er hat Reuter entlastet, damit der sich um Fußball kümmern konnte. Ob jetzt Markus Kern und Bernd Ingerling Reuter den Rücken freihalten? Ich weiß es nicht. Das sind nette Kerle, aber es geht um Zeit - und darum, 1860 bei Sponsoren, Spielerberatern und Medien stark zu vertreten.

Zurück auf den Platz: Kann Heimkehrer Benny Lauth ein Leader sein?


Heiß: Wahrscheinlich nicht. Er ist ja gerade damit beschäftigt, seine eigene Form von früher wiederzufinden.

Generell gesagt: Ist die Generation der heutigen Spieler bei 1860 zu brav?


Heiß: Was heißt zu brav? Möglicherweise identifizieren sie sich zu wenig mit Sechzig. Heute spielen sie hier, nächstes Jahr dort, das ist anders als früher. Wir waren viele Jahre zusammen, das merkte man auch auf dem Rasen: Wenn einer den Hintern rausdrehte, wusste jeder: Jetzt spielt er den Ball nach links oder rechts. Das war Spiel ohne Ball! Heute ist das oft eine statische Geschichte.

Droht 1860 der Abstiegskampf?

Heiß: Dazu haben die Spieler eigentlich zu viel Qualität.

Patzke: Aber wenn du erstmal so unter Druck bist wie wir im Moment ...

Heiß: ... ja, das stimmt schon: Wenn alle plötzlich anfangen, den Teufel an die Wand zu malen, dann kriegst du das Abstiegsgespenst manchmal nicht mehr aus den Köpfen raus. Ich will das Gespenst deshalb nicht zu früh herbeirufen.

Gehen Manager Reuter und Trainer Kurz zu sanft mit den Spielern um? Öffentliche Kritik vermeiden die beiden.

Heiß: Ich muss von allen Spielern verlangen können, dass sie kämpfen und rennen. Da darf man ihnen ruhig auch mal in den Hintern treten.

Reuter und Kurz sagen immer: Intern werde Tacheles geredet.


Patzke: Wenn immer nur intern gepoltert wird, dann merkt das keiner. Man muss auch mal öffentlich auf den Tisch hauen, wenn die Spieler solche Leistungen wie gegen Mainz zeigen. Im Fußball müssen auch mal Fetzen fliegen.

Trainer Kurz sagte zuletzt, er könne die Jungen auf dem Platz in Krisenzeiten nicht zur Verantwortung ziehen.

Patzke: Wenn einer 21 Jahre ist, ist er nicht mehr jung. Ich habe mit 21 schon in der Nationalmannschaft gespielt. Ich bin mit 18 nach Standard Lüttich und habe mich durchgebissen. Wenn einer gut ist, muss er spielen - und auch Verantwortung übernehmen. Das Problem für die Talente bei Sechzig ist im Moment: Wenn die Mannschaft als Ganzes nicht intakt ist, dann hast du als Junger keine Möglichkeiten, dich zu entwickeln.

Die älteren Profis haben schon lange keine guten Spiele mehr gezeigt.

Patzke: Genau. Die haben Probleme mit sich selbst - wie sollen sie da der Mannschaft helfen können?

Und die jungen Spieler - ist für sie der Druck im Moment zu groß?

Patzke: Ich sage Ihnen, was wirklich die Gefahr ist: Wenn wir so weitermachen, dann wird Sechzig diese Talente nicht mehr lange halten können.

Herr Patzke, Sie sagten vor der Saison: Sie hätten an Stelle von Kurz energischer neue Spieler gefordert.

Patzke: Ja, er muss neue Spieler fordern, sonst ist er am Ende der Dumme. Ohne Geld ist es natürlich schwierig, gute Neue zu kriegen - und Sechzig hat ja kein Geld.

Heiß: Das ist ein interessanter Punkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei anderen Zweitliga-Vereinen so viel rosiger aussieht. Ich bin seit 54 Jahren bei 1860, seitdem gab es immer finanzielle Probleme. Ich weiß, dass wir knapp sind. Ich frage mich nur: Warum holen wir dann nicht mal Spieler zum Beispiel aus dem osteuropäischen Raum. Ich nenne als Beispiel Freiburg. Dem SC ist es oft gelungen, gute Spieler zu holen, die keiner kannte. Solche Spieler zu holen, das wäre mal eine Aufgabe. Man muss natürlich die nötigen Connections haben, um an solche Spieler ranzukommen.

Connections - ein gutes Stichwort. München ist ein hochkarätiger Wirtschaftsstandort, trotzdem tut sich 1860 bei der Sponsorensuche schwer. Warum?


Heiß: Wir haben ja ein paar hochrangige Leute im Aufsichtsrat, unter anderem Oberbürgermeister Ude. Ich will keine Schuld zuweisen, aber der hätte die meisten Möglichkeiten. Ansonsten haben wir ein paar Aufsichtsräte, die haben gar keine Möglichkeiten, das weiß ich. Und ein paar Räte haben Versprechungen gemacht, die nie eingehalten wurden.

Das Konzept von Reuter ist darauf ausgerichtet, dass viele eigene Talente plus gestandene Profis, am besten ehemalige Löwen, das Gerüst bilden.


Heiß: Nur mit bayerischen Spielern aufzulaufen, da würden wir alle sagen: toll! Aber auch zu unserer Zeit haben wir Leute wie Radenkovic aus dem Ausland geholt, die waren wichtig für uns und kamen auch bei den Zuschauern an. Trotzdem ist Identifikation wichtig: Wir als Münchner haben uns früher verantwortlich gefühlt für den Mist, den wir spielten, und haben es nächstes Mal besser gemacht. Wir haben uns selbst gepuscht.

Reuter hat sich kürzlich mit Ihnen und anderen Meisterlöwen zu einem Essen getroffen. Was steckte dahinter?

Patzke: Wir sind nicht auf Herrn Reuter zugekommen, sondern er auf uns. Selbstverständlich helfen wir, wenn er Rat braucht. Er hat sich unseren point of view angehört - wie wir die Lage sehen.

Heiß: Einige Dinge wurden hart angesprochen, aber hier gehen wir öffentlich nicht ins Detail. Tatsache ist, dass dieses Treffen auch eine demonstrative Geschichte sein sollte, die der Mannschaft zeigen soll: Hier sind noch mehr Leute, die sich Gedanken um Sechzig machen.

Treten die Meisterlöwen auch mal direkt in Kontakt zu den Spielern?

Patzke: Also, ich kenne keinen einzigen persönlich. Und ich muss ehrlich sagen: Als junger Spieler von heute würde ich mir dabei komisch vorkommen. Der Fußball von vor 40 Jahren interessiert im Grunde keinen Menschen mehr.

Glauben Sie, dass die aktuellen Löwen-Spieler Sie noch kennen?

Patzke: Ach was, mich kennen ja nicht mal mehr deren Väter.

Anders als beim FC Bayern, bei dem viele ehemalige Profis führende Ämter besetzen, hat 1860 seine früheren Größen nicht in den Klub eingebunden.

Patzke: Ich glaube, Sechzig ist der einzige Verein, der das nicht macht: Hertha, Hamburg, Köln - überall werden ehemalige Spieler integriert.

Heiß: Bei 1860 sind leider viele persönliche Eitelkeiten im Spiel, viele tun sich schwer damit, einen Teil der Macht abzugeben. Wir könnten dem Klub sicher helfen, denn unsere Erfahrungen aus Jahrzehnten sind beträchtlich. Noch geeigneter wäre aber aus meiner Sicht die 94er-Aufstiegsmannschaft. Die ist vom Alter her noch näher dran am Geschehen.

Patzke: Ja, da waren auch ein paar große Kämpfer darunter, die im Verein sicher was bewegen könnten.

Wer hätte sich denn von den Meisterlöwen angeboten, aktiv zu werden?

Patzke: Der Radi hätte sicher was gemacht, aber das ist müßig, darüber nachzudenken. Das sind verlorene Jahre.

Heiß: Ich war ja mal Aufsichtsrat, aber es bringt mir nichts, wenn die Mehrheit dort das Gegenteil von dem macht, was ich für richtig halte. In so einem Gremium habe ich nichts verloren, das macht mich krank, deshalb bin ich zurückgetreten. Außerhalb kann ich mehr Einfluss nehmen mit meiner Meinung. Im Aufsichtsrat musst du im Kollektiv den ganzen Mist mittragen, der dort manchmal entschieden wird.

 

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