15 Jahre nach Bosman: Jürgen L. Born über die Folgen

»Freiheit für die Fußballer«

Vor 15 Jahren trat der belgische Fußballer Jean-Marc Bosman eine Revolution im Profi-Fußball los. Wir sprachen mit dem ehemaligen Vorstand von Werder Bremen, Jürgen L. Born, über neue Freiheiten und die Porzellan-Steuer. 15 Jahre nach Bosman: Jürgen L. Born über die Folgen

Jürgen L. Born, vor 15 Jahren entschied der europäische Gerichtshof zu Gunsten des belgischen Fußballers Jean-Marc Bosman. Ihr ehemaliger Kollege bei Werder Bremen, Willi Lemke, prognostizierte eine »Katastrophe«. Wie schlimm war das »Bosman-Urteil« für die Vereine denn nun wirklich?

Eine Katastrophe? Hat er das so gesagt? Bosman hat vielleicht das Transfergeschäft nachhaltig verändert, aber ich habe in all den Jahren nach dem Urteil nie erlebt, wie einer der Bosse aus den Bundesliga-Vereinen gejammert hat: Oh mein Gott, dieses furchtbare »Bosman-Urteil«! Vermutlich wissen einige der jüngeren Bundesliga-Manager gar nicht mehr, wer Bosman überhaupt war.

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Eines der wesentlichen Ergebnisse des Urteils war, das Fußballer die gleichen Rechte wie alle anderen Arbeitnehmer in Europa bekamen, und nach Ablauf eines Vertrages ablösefrei den Verein wechseln konnten. Das hat die Macht der Vereine doch deutlich geschwächt.

Korrekt. Aber es nicht so, wie immer behauptet, dass dadurch einzelne Vereine profitierten, während andere Klubs vor die Hunde gingen.

Warum nicht?


Der Geldkreislauf im Weltfußball hat sich durch diese neue Regelung verschoben – und zwar gleichmäßig. Was ich damit sagen will: Jeder Verein musste die Konsequenzen des Bosman-Urteils tragen! Wenn alle gleichermaßen benachteiligt werden, wie soll da einer mehr Schaden erleiden, als der andere?

Was meinen Sie mit der »Verlagerung des Geldkreislaufes«?

Teile des Geldkreislaufes im Fußballgeschäft wurden aus dem Transfergeschäft unter Vereinen in die Geldbörsen von Spielern und Vermittlern umstrukturiert. Dass bestimmte Vereine dadurch besonders benachteiligt werden, ist mir nicht bekannt.

Karl-Heinz Rummenigge sagte damals über das Urteil: »Die Zeche haben die Vereine bezahlt. Das Urteil hat nur den Spielern geholfen.«

Richtig! Das ist mit anderen Worten dasselbe. Spieler und Vermittler haben sich besser positioniert. In diesem Zusammenhang bemühen sich Spieler heutzutage frühzeitig darum, wo sie nach Ablauf ihres Vertrages ihr Geld verdienen können.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass die Vermittler schon weit vor Vertragsende zu den Vereinen gehen und fragen: »Braucht ihr meinen Mann noch?« Und wenn der Verein das will, muss er dafür zahlen.

Was meinen Sie genau?

Dann wird der Vertrag vorzeitig verlängert und das Gehalt aufgestockt. Allerdings ist es Usus, dass die Vereine die neuen Gehälter schon deutlich vor der neuen Vertragslaufzeit auszahlen. Heißt: Der Spieler bekommt das neue und bessere Gehalt nicht erst nach Ablauf seines Vertrages, sondern meist mit der Unterzeichnung des neuen Vertrages. Da kommen natürlich enorme Summen für die Vereine zusammen.

Wie bewerten Sie die Rolle der durch das »Bosman-Urteil« erst so mächtig gewordenen Berater und Vermittler?

Man darf das nicht nur negativ sehen, es gibt ja auch häufig den Fall, dass ein Verein seinen Spieler loswerden möchte. Dann hat er seinen Vermittler, der sich für ihn rechtzeitig nach einem neuen Job umschaut. Eine zeitaufwendige Arbeit, die der Spieler in diesem Umfang selbst nicht leisten könnte.

Trotzdem scheint die Kluft zwischen kleinen und großen Vereinen größer denn je zu sein. Ist diese Zwei- oder Dreiklassengesellschaft nicht Folge des »Bosman-Urteils«?

Nein. Die finanzbezogene Mehrklassengesellschaft  gab es auch vor dem »Bosman-Urteil«. Das differenzierte europäische Einnahmengefüge resultiert beispielsweise aus völlig abweichenden TV-Geldern. In England teilt man sich rund 1,2 Milliarden Euro, in Deutschland in der Vergangenheit etwa 400 Millionen. Real Madrid und den FC Barcelona erhalten jeweils 140 Millionen Euro pro Jahr, die beste deutsche Mannschaft – Bayern München – bekommt im Liga-Geschäft unter 30 Millionen. Ich sage »im Liga-Geschäft«, weil bei diesen Zahlen die Gelder aus Europa- oder Champions League nicht mit eingerechnet sind. Ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren wollte der Wettanbieter »b-win« für Trikotwerbung bei Werder Bremen fünf bis acht Millionen Euro zahlen, das ging aber nicht, weil es in Deutschland verboten war, für Wettanbieter zu werben. Real Madrid schloss mit »b-win« kurz darauf einen Vertrag über 110 Millionen ab. Da frage ich mich doch, ob wir in Deutschland beknackt sind? Aber jetzt weichen wir vom Thema ab.

Noch ein Zitat zum »Bosman-Urteil«, dieses Mal von Uli Hoeneß: »Durch die neue Regelung wird mittelfristig das ganze System kaputt gehen.« Ihre Meinung?

Obwohl Uli Hoeneß stets über gute Visionen verfügt, ist das, Gott sei Dank!,  nicht eingetreten. Wir müssen im Fußball doch in der Lage sein, ausreichend unternehmerischen Weitblick zu entwickeln, um ein solches Kliff – wie es das »Bosman-Urteil« für die Vereine plötzlich darstellte – zu umschiffen! Wenn ich Tassen verkaufe und eine neue Porzellan-Steuer eingeführt wird, bricht mir doch auch nicht gleich der ganze Handel zusammen. Dann sucht man eben nach Möglichkeiten, das Beste aus der neuen Lage zu machen.

Wir sprechen die ganze Zeit davon, dass nur die Spieler und Vermittler, nicht aber die Vereine Nutznießer des »Bosman-Urteils« waren. Warum sind die Klubs dann aktuell so reich wie nie zuvor?

Weil sich Fußball so gut verkaufen lässt. Als ich 1999 bei Werder Bremen anfing, hatten wir einen Jahresumsatz von 25 Millionen Euro. Heute sind es 125 Millionen. Die Emotionen lassen sich wunderbar verkaufen, die Stadien sind großartig, die Fans rennen den Klubs sozusagen die Bude ein, die Gelder der Sponsoren haben sich enorm gesteigert, ebenso wie die TV-Gelder – Fußball war noch nie so beliebt wie jetzt. Deshalb die große Einnahmeveränderung. Die Folgen des Bosman-Urteils haben die Vereine schon längst kompensiert.

Wenn Sie nun ein Urteil wagen müssten: Wie ist das »Bosman-Urteil« mit einem Abstand von 15 Jahren zu bewerten?

Ich habe die Vereinsbrille auf und aus Sicht der Vereine war das ein schlechtes Urteil. Die Klubs haben an Macht verloren und mussten dafür zahlen. Aber diese Sicht ist sehr einseitig. Nehmen Sie doch den Jean-Marc Bosman: Der saß auf der Bank, wollte spielen, war hungrig, durfte aber nicht wechseln, weil sein Verein das nicht wollte. Durch das Urteil haben die Spieler an Freiheit gewonnen, sie konnten nun bestimmen, wie ihre Karriere aussehen sollte, wo sie ihren Job ausüben wollten. Und wie gesagt: Das System ist nicht zerbrochen, es gab keine Katastrophe und die Vereine haben mögliche Verluste längst ausgeglichen. Das Geschäft mit dem Fußball boomt wie nie zuvor.

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