11mm-Filmfestival: »Verrückt nach Fußball«

»Ich blickte in den Lauf einer Pistole«

Wenige Wochen vor Beginn der EM 2012 machten sich drei Groundhopper und ein TV-Team auf den Weg durch Polen und die Ukraine. Wir sprachen mit Marc Quambusch, dem Autor des Films »Verrückt nach Fußball«.

Marc Quambusch

Marc Quambusch, Sie haben einen Film über drei deutsche Groundhopper gemacht, die Polen und die Ukraine bereisten. Wie vertraut waren Sie mit den Ländern?
Ich war zuvor einmal in der Ukraine, im September 2010. Damals spielte mein Klub Borussia Dortmund bei Karpaty Lwiw. Ich war allerdings knapp in der Zeit und habe nichts von der Stadt gesehen. Ich kam gerade rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion. Auch Polen war für mich, gerade was die Fankultur angeht, absolutes Neuland – und gerade deswegen extrem spannend.

Ihr Film heißt »Verrückt nach Fußball«. Sind Groundhopper das wirklich: Verrückt nach Fußball?
Es gibt nicht den typischen Groundhopper. Der eine vielleicht nur nach Südamerika und der andere zu Toppartien auf der ganzen Welt, weil er das Spiel an sich liebt. Der andere liebt das Drumherum, die Reisen, die Städte, die Stadien. Wiederum andere werden von einer Sammelleidenschaft getrieben. Sie sammeln die Grounds, die Spielstätten.



Wie steht es mit mit Ihnen?
Ich fahre auswärts mit dem BVB mit und gelegentlich auch zu anderen Spielen. Ein Groundhopper bin ich aber nicht. Dennoch finde ich dieses Hobby wahnsinnig faszinierend, vor allem aus journalistischer Sicht.

Wie haben Sie denn Ihre Protagonisten gefunden?
2010 habe ich bei der MTV-Sendung »Kavkas WM-Camp« mitgearbeitet. In diesem Rahmen lernte ich Jan-Henrik Gruszecki kennen. Er ist wirklich viel unterwegs. Insgesamt kommt er immer noch auf circa 300 Spiele pro Jahr. Während der WM 2010 entsponnen wir die Idee, mal eine Dokumentation über Groundhopping zu machen. Vergangenes Jahr wurde es dann konkreter, auch weil das ZDF sich bei der Präsentation des Themas sehr begeistert zeigte.

Ende April sind Sie dann mit einem fünfköpfigen Team und drei Groundhoppern losgefahren. Was war Ihre Intention?
Ich wollte einen authentischen Einblick in einen Teil der Fankultur Polens und der Ukraine geben. Dabei wollte ich die Fans in den Mittelpunkt stellen, ohne sie zu bewerten. Wir waren acht Tage unterwegs. In Polen haben wir mit dem Fünftligaspiel MKS »Orzel« Przweworsk gegen MKS »Stal« Nowa Deba begonnen. Der Ground war vor allem deswegen besonders, weil er einen komplett eingezäunten Gästebereich hat. Ein Käfig, der 50 bis 100 Zuschauern Platz bietet. Dieser wird während des Spiels sogar abgeschlossen.

Verrückt nach Fußball – Groundhopping in Polen und der Ukraine« läuft am 19. März 2013 um 19:00 Uhr auf dem 11mm-Fußballfilmfestival. Tickets und weitere Infos auf: 11-mm.de

Kaum vorstellbar, dass so ein Bereich genehmigt wird.

Es fehlt in Polen einfach das Geld für Ordner. Jan Krapf, der zweite männliche Protagonist des Films, erzählte mir, dass ein Platzwart hier mal die Fans im Käfig vergessen hat – er war in der Halbzeitpause samt Schlüssel in die Kneipe gegangen und tauchte erst 45 Minuten nach Spielende wieder auf.

Haben Sie auch höherklassigen Fußball gesehen?
Ja, wir waren etwa bei Lodz' 0:2-Niederlage gegen Korona Kielce 0:2, die für LKS den Abstieg bedeutete und in Fanproteste vor dem Stadion mündete. Da war mir erstmals ein wenig mulmig. Jedenfalls wies Jan Krapf bestimmt darauf hin, dass es nun besser sei, die Kamera einzustecken und einen langen Schuh zu machen. In solchen Situationen war es immens hilfreich jemanden wie ihn dabei zu haben. Krapf ist ein Kenner der polnischen Fanlandschaft, früher gab er das Groundhopping-Fanzine »Der Grenzgänger« heraus, das sich vornehmlich mit polnischen Fankultur beschäftigte.

Gab es andere Situationen, die brenzlig waren?
In Warschau trafen wir uns mit dem Capo von Legia. Eine schillernde Gestalt. Er gab uns ein Interview, das ausgesprochen interessant war. Andererseits in sich auch extrem widersprüchlich. Der Mann gab ohne Umschweife zu, dass er eigentlich wenig Interesse an Fußball hat.

Woran dann?
An der Stimmung, den Chores, der Kurve. Er trennt auch nicht zwischen Ultras und Hooligans. Sein Motto: »When it's time to sing, then it's time to sing. When it's time to fight, then it's time to fight!« Definitiv kein Mann, den ich meiner Schwiegermutter vorstellen würde. Trotzdem ein extrem charismatischer Mensch.

Welche Rolle nehmen die Ultras in Polen denn im Stadion ein? Werden Sie ebenso kritisch beäugt wie in Deutschland?
Sie haben einen ganz anderen Status. Wenn hierzulande so viel Pyro abgefackelt würde wie beim polnischen Pokalfinale zwischen Ruch Chorzow gegen Legia Warschau, riefe man sofort eine außerordentliche Innenministerkonferenz zusammen. Auch erstaunlich ist die Nähe zu den Spielern. Legia gewann das Pokalfinale 3:0. Im Anschluss an die Siegerehrung lief der Kapitän zur Kurve und überreichte dem Capo den Pokal. Übertragen Sie das mal auf Deutschland. Eine groteske Vorstellung!

Danach sind Sie in die Ukraine gereist. Welche Spiele haben Sie dort gesehen?

Dort wollten wir eigentlich das Pokalhalbfinale zwischen Volyn Lutsk und Schachtar Donezk besuchen. Doch aufgrund der Bombenanschläge in Dnjepropetrowsk waren die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden und wir konnten nicht nach Lutsk reisen. Also nahmen wir zwei Spiele von Jugendmannschaften in der Arena von Lwiw mit. Das war kein adäquater Ersatz, zumal das Stadion ein standardisierte Arena ist, wie wir sie auch aus Deutschland kennen: Außen Gladbach, Innen Düsseldorf. Interessanter war da schon eine Partie in einem kleinen Örtchen 50 Kilometer nördlich von Lwiw. Danach ging es zurück nach Deutschland – und es wurde noch einmal kritisch.

Warum?
Wir verbrachten sieben Stunden an der Grenze. Als ich am Übergang aus dem Wagen steigen wollte, um mir Wasser zu holen, eilte prompt ein Grenzbeamter herbei und drückte mir den Lauf seiner Pistole unter die Nase. Es war scheinbar nicht erlaubt, den Wagen zu verlassen. Ich rief nur: »Alles okay, ich will nur etwas trinken.« Wäre kein gutes Ende dieser Reise gewesen: Erschossen an der ukrainisch-polnischen Grenze.

»Verrückt nach Fußball – Groundhopping in Polen und der Ukraine« läuft am 19. März 2013 um 19:00 Uhr auf dem 11mm-Fußballfilmfestival. Tickets und weitere Infos auf: 11-mm.de.

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