11FREUNDE gratuliert Peter Neururer, dem »Typ des Jahres«

»Leck mich am Arsch, mir geht es gut«

In unserer neuen Ausgabe (11FREUNDE#140) küren wir die Akteure der Saison. Während Franck Ribery von der Jury zum »Spieler des Jahres« gewählt wurde, gewann Peter Neururer die Kategorie als »Typ des Jahres«. Wir gratulieren dem Coach des VfL Bochum!

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140

Peter Neururer, herzlichen Glückwunsch, die 11FREUNDE-Jury hat Sie zum »Typ des Jahres« gewählt.
Witzig. Vielen Dank.

Im vergangenen Jahr gewann Sebastian Kehl diese Kategorie für seine Führungsstärke trotz langer Verletzung, 2011 der Stuttgarter Cacau, der sich mit einem Leistenbruch durch die Spielzeit kämpfte. Was, glauben Sie, hat die Jury bewogen, Sie zu wählen?
Auch wenn mich die Wertschätzung sehr freut, vermute ich, dass mir da Lorbeeren angesteckt werden, auf die ich keinen Einfluss hatte. 


Wie meinen Sie das?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer ihrer Juroren mich wegen meines Comebacks zum »Typ des Jahres« gewählt hätte, wenn ich nicht diesen eigenartigen Herzinfarkt gehabt hätte. 


Dass heißt, die Wahl hat für Sie einen faden Beigeschmack.
Überhaupt nicht. Es ehrt mich sehr, aber auf diese Art von Comeback hatte ich nur beschränkt Einfluss. Dafür waren ein Herzinfarkt, mein Arbeitgeber, der TV-Sender »Sport1«, der mich im Gespräch hielt, und eine äußerst missliche sportliche Situation verantwortlich, in die der VfL Bochum schlidderte.


Wie melancholisch war die Zeit nach dem Herzinfarkt im Juni 2012?
Gar nicht. So schnell, wie der Infarkt kam, habe ich mich auch wieder davon erholt. Bis auf kleine Einschränkungen – zum Beispiel, dass ich die lieben Zigaretten aus meinem Leben verbannt habe – lebe ich wie vorher und fühle mich teilweise sogar besser. 


Dennoch gilt ein Trainer im Profifußball trotz aller Anteilnahme nach einem Infarkt als Lame Duck.
Das war ein Problem, diese dauernde Fragerei: Was wird jetzt aus dem Mann? Da wurde mehr über meinen Gesundheitszustand diskutiert, als über meine Fähigkeiten als Trainer. Das ging mir sehr auf den Geist. 


Sie waren in Gefahr, abgeschrieben zu werden.
Diese Gefahr bestand, ohne Zweifel. Früher war ich der publikumswirksame, dynamische Typ – und plötzlich der, den sie wiederbeleben mussten. Ich war öffentlich ständig in Rechfertigungshaltung, denn mein Ziel war ja wieder zu arbeiten.  


Und im April 2013 stand plötzlich der VfL Bochum vor dem Absturz in die dritte Liga – und brauchte, um im Bild zu bleiben, Wiederbelebungsmaßnahmen.
Mir war immer bewusst, wenn ein Verein in eine Extremsituation gerät, der meine Arbeit kennt, wird er nicht auf einen unerfahrenen Trainer zurückgreifen, sondern auf jemanden, der schon vergleichbare Lagen gemeistert hat. Dass es dann der VfL war, mein Herzensverein, klingt nach der Dramaturgie eines Hollywood-Drehbuchs. Das war der Wahnsinn.


Ausgerechnet der VfL Bochum…
Sechs Wochen vor Saisonende habe ich noch nie einen Klub übernommen. So ein Himmelfahrtskommando mache ich nur für drei Vereine auf der Welt.




Nämlich?
Den VfL Bochum, Schalke 04 und den 1. FC Köln.


Stimmt es, dass der Bochumer Vereinsarzt Ihnen beim Training ständig den Puls messen wollte.
Quatsch. Nur als ich mich zwischendurch mal wieder unverhältnismäßig aufregte, wollte er mir den Puls fühlen. Da hab ich ihn angepflaumt: »Leck mich am Arsch, mir geht es gut.« Dennoch wurden mir beim ersten Spiel in Cottbus Messgeräte angelegt, die zu einem Kardiologen nach Bochum überspielt wurden. 


Das Ergebnis?
Ich hatte in den 90 Minuten kaum Veränderungen der Pulsfrequenz, es gab medizinisch keinerlei Bedenken, dass ich dem Job gewachsen bin.


In welcher Situation fanden Sie im April den Verein vor, den Sie 2004 in den UEFA-Cup geführt hatten?
Der Klub lag am Boden. Angesichts des Restprogramms hatten viele kaum noch Hoffnung. Doch als ich auf die Geschäftsstelle kam, traf ich viele alte Bekannte wieder. Es fühlte sich an, wie nach Hause kommen. Ich traf in einer Situation, die schlimmer kaum sein konnte, auf Leute, die mir den Einstieg so leicht wie möglich machten. Denn ganz ehrlich: In der Kürze der Zeit einen Fuß in diese Mannschaft zu bekommen, wäre ohne die Unterstützung meiner Co-Trainer Thomas Reis und Dariusz Wosz unmöglich gewesen. Und letztlich kam auch der Faktor Glück dazu. Was wäre gewesen, wenn mein erstes Spiel in Cottbus in die Hose gegangen wäre? Dann wäre die Aufbruchsstimmung, die bei meiner Inthronisierung geschürt wurde, sofort verpufft. 


Beschreiben Sie den Moment, als Sie am 14. April 2013 nach mehr als drei Jahren Abstinenz in Cottbus wieder auf der Trainerbank saßen.
Ich habe es genossen. Nach Cottbus fährt man als Trainer eigentlich nicht so gerne. Aber wie ich dort auch von gegnerischen Fans begrüßt wurde, hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Ich bin doch nur ein normaler Bundesligatrainer, aber diese Herzlichkeit haute mich um.


Der neue Sportdirektor des VfL Bochum heißt Christian Hochstätter. Wäre dieser Posten nicht auch für Sie eine Option gewesen?
Denkbar wäre es gewesen, aber nach einigen Diskussion haben wir die Option verworfen. 


Warum?
In Verbindung mit dem, was momentan in Bochum leider als Erfolg gesehen werden muss – nämlich die Klasse zu halten – wäre es unmöglich, wenn ich den Sportdirektor mache und mit einem neuen Trainer in die Saison gehe. Der arme Kerl hätte verloren, sobald er drei Spiele am Stück verliert. Dann schreit wieder jeder nach mir. Da mache ich es lieber selbst, mit der tatkräftigen Unterstützung von Christian Hochstätter und meinem alten Mitstreiter, Frank Heinemann, den ich wieder dazu geholt habe.


Sie haben einen Zwei-Jahres-Plan. Im ersten Jahr wollen Sie die Klasse halten, im zweiten Jahr zurück in die erste Liga. Warum setzen Sie sich so unter Druck?
Warum Druck? Der VfL Bochum gehört in die erste Liga. Außerdem habe ich nicht gesagt, dass wir aufsteigen, sondern nach einem Jahr Konsolidierung wieder oben angreifen wollen. 


Nach dem Klassenerhalt ließen Sie sich die Haare blau-weiß färben. Allerdings mit dem Hinweis, dies sei endgültig Ihre letzte Partyaktion. Werden Sie mit 58 endlich seriös?
Seriös war ich doch immer, nur die Schlagzeilen klangen manchmal anders. Aber machen Sie sich mal keine Sorgen, irgendwas fällt mir schon wieder ein. Entscheidend ist nur, dass ich glaubwürdig bleibe.


Und wenn Sie den VfL zurück in die Erfolgsspur gebracht haben, vollenden Sie Ihr Lebenswerk und übernehmen Ihren Traumklub Schalke 04?
Das sagen Sie! Für mich gibt es nichts anderes als den VfL Bochum. Wie lange, das müssen wir abwarten. Vom Herzen gerne bis zum Lebensende – aber wir alle wissen, im Fußball kommt oft was dazwischen…

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