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Last Train from Huddersfield

„Ich begann, England zu hassen“

Text: Jens Kirschneck  Bild: Imago

„Ich begann, England zu hassen“

Paskowsky und ich hatten es verdammt eilig. Nach 60 Minuten des durchaus rassigen Derbys zwischen den Blackburn Rovers und den Bolton Wanderers verließen wir in der Manier zweier viel beschäftigter Spielervermittler die Pressetribüne des Stadions Ewood Park in Blackburn, um mit einem Taxi zum Bahnhof zu hetzen. Der Zeitpunkt war freilich etwas unglücklich gewählt, da es in der Halbzeitpause zu einem unverfrorenen Diebstahl gekommen war: Ein englischer Kollege in der Reihe hinter uns vermisste sein Notebook, und mittlerweile hatten die Stadionordner die Polizei alarmiert, die damit begann, die in der Nähe des Tatortes sitzenden Journalisten zu befragen. Dass sich gerade jetzt zwei Typen, einer bebrillt mit Dreitagebart, der andere mit Glatze und fast zwei Meter groß, auffällig unauffällig von der Tribüne entfernten, vermittelte mit Sicherheit keinen Eindruck ausgeprägter Seriosität.



Sie haben uns dann aber doch nicht verhaftet. Und unseren Zug haben wir auch erreicht. Später erfuhren wir, dass das Spiel auf eine dramatische Schlusspointe zusteuerte, weil die 0:1 zurückliegenden Rovers in den letzten fünf Minuten gleich zwei Elfmeter verschossen, aber was will man machen. Wir hatten einen Termin im 80 Kilometer entfernten Liverpool, mit einem wichtigen Mann, der an diesem Abend und nur an diesem Abend zu sprechen war, wie Paskowsky zu betonen nicht müde wurde. Matthias Paskowsky, der den 11-Freunde-Lesern als regelmäßiger England-Kolumnist bekannt ist, hat mehrere Jahre auf der Insel gelebt und kennt dort eine Menge merkwürdiger Leute. Unter anderem einen Haufen in London lebender Iren, die innerhalb sehr kurzer Zeit sehr viel Bier trinken und dabei dem Gast aus Deutschland unbemerkt ein Hakenkreuz in den Lederschuh ritzen können, aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt waren wir auf dem Weg nach Liverpool, zu einem Termin, den Paskowsky arrangiert hatte.

Runzeln werden immer tiefer

In Manchester, wo wir umsteigen mussten, wurde Paskowsky allmählich nervös. Der Anschlusszug würde angeblich eine Verspätung von einer halben Stunde haben, was bedeutete, dass wir zu spät bei dem wichtigen Mann einträfen, der am nächsten Tag, wie Paskowsky mit düsterer Miene bemerkte, mit anderen wichtigen Menschen in Istanbul zusammenkommen werde und deshalb früh aufstehen müsse. Der Anschlusszug hatte dann eine Verspätung von 45 Minuten. Nachdem wir einige Minuten gefahren waren, gab es eine Durchsage, die ich wegen des dabei verwendeten orthodoxen nordenglischen Akzentes nicht verstehen konnte, die aber Paskowskys schon zuvor grüblerisches Stirnrunzeln noch deutlich verstärkte. „Was ist?“, fragte ich. „Wir müssen aus diesem Zug aus- und in einen anderen wieder einsteigen“, sagte er.

Kurz darauf hielten wir an einem Ort, der vermutlich mehr Buchstaben im Namen – Irgendwas-upon-irgendwas – als Einwohner hatte und dessen Bahnhof aus genau zwei Gleisen bestand, von denen eines nach Westen und eines nach Osten führte. Als alle Menschen aus dem Zug ausgestiegen waren, war das Gleis nach Westen so überfüllt, dass eine Massenpanik drohte. Es folgte eine erneute Durchsage im orthodoxen nordenglischen Akzent, wonach es weitere 45 Minuten dauern würde, bis Anschluss nach Liverpool käme, vielleicht aber auch länger. „Das hat keinen Zweck“, sagte ich. Paskowsky rief den wichtigen Mann an, um ihm zu sagen, dass er für den Rest des Abends frei hätte, dann wechselten wir auf das Gleis Richtung Osten. Zurück nach Manchester, ins Hotel, schön was essen, ein Pint oder auch zwei und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. „Wir können ja in den nächsten Tagen ein Telefoninterview mit dem wichtigen Mann machen“, sagte ich. Paskowsky runzelte immer noch die Stirn, doch er nickte.

Seine Gesichtszüge verloren jede Kontur

Eine halbe Stunde später fuhren wir in den Bahnhof Victoria in Manchester ein. „Hier dürfen wir noch nicht aussteigen“, sagte Paskowsky, „wir müssen nach Piccadilly.“ „Ich weiß“, sagte ich. Mein Handy klingelte, es war meine Frau Mutter. Nachdem ich ein paar Minuten mit ihr geplaudert hatte, geschah etwas Seltsames: Über die Lautsprecheranlage lief eine weitere Nachricht, worauf sich Paskowskys Mimik erst verhärtete, dann verloren seine Züge jede Kontur und er sackte in seinem Sitz zusammen. „Warum sagst du nichts mehr?“, fragte meine Mutter durch das Telefon. „Paskowsky ist zusammengebrochen“, antwortete ich. Dann legte ich auf.

Paskowskys Gesicht war aschfahl. Ich schüttelte ihn und schrie: „Was ist los? Sag mir sofort, was los ist!“ Paskowsky wirkte sehr erschöpft und war nur noch in der Lage, Sätze ohne Subjekt zu bilden: „Hält nicht in Piccadilly. Hält erst in Huddersfield.“ „Huddersfield?“, entgegnete ich. „Wo zum Teufel ist Huddersfield?“ „Yorkshire“, murmelte Paskowsky, „100 Kilometer.“ „Ich kann nicht mehr“, sagte ich, „und ich habe kein Geld mehr.“ „Auch nicht“, sagte Paskowsky. „Ich bring mich um“, sagte ich. „Auch“, sagte Paskowsky.



Ergänzung zu Heft #62 01 / 2007


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